Mutmacher

Wenn jemand selig gesprochen wird, löst das bei vielen Fragen aus: Warum ist das nötig? Weshalb gerade diese Person und nicht andere? Rückt eine Seligsprechung die Person nicht weit weg in unerreichbare Dimensionen? Was hat uns eine Seligsprechung heute noch zu sagen? Und was bedeutet sie vor dem Hintergrund der Ökumene? Über diese Fragen sprachen wir mit Maria Voce, der Präsidentin der Fokolar-Bewegung. Aus deren Spiritualität lebte auch die 19-jährige Chiara Luce Badano, die im September in Rom selig gesprochen wird.

Ende September wird Chiara Luce Badano selig gesprochen. Wie die Jugendliche ihr Leben und ihre Krankheit aus der Spiritualität der Fokolar-Bewegung gelebt hat, war seit ihrem Tod für viele Ermutigung und Ansporn. Reicht das nicht? Warum ist die Seligsprechung jetzt wichtig? Was bedeutet sie für die Bewegung?
Voce: Warum die Seligsprechung wichtig ist? Jesus selbst sagt uns im Evangelium, dass wir das Licht nicht unter ein Gefäß stellen, sondern damit allen im Haus leuchten sollen, damit die Menschen, wenn sie die guten Werke sehen, den Vater im Himmel preisen (vgl. Matthäus 5,13-16).
Das geschieht jetzt durch die Seligsprechung von Chiara Luce. Wie viele Jugendliche haben sich schon den Kopf darüber zerbrochen, wie sie ihren Freunden das Besondere dieses so normalen Lebens von Chiara Luce mitteilen können – durch Lieder, Theaterstücke, Musicals, ganz zu schweigen von den Beiträgen in facebook, youtube, twitter. Die Anmeldungen zu den Feierlichkeiten der Seligsprechung übertreffen sämtliche Erwartungen. Das alles sind „Zeichen“! Sie zeigen uns, wie groß die Sehnsucht der Jugendlichen – und nicht nur ihre – nach Bezugspunkten und glaubwürdigen Vorbildern ist. Das Ereignis freut uns auch, weil die Katholische Kirche damit bestätigt, dass die Spiritualität der Einheit ein Weg zur Heiligung sein kann.

Viele aus der Bewegung sind schon gestorben – Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Verheiratete und Unverheiratete. Nur für wenige läuft ein Seligsprechungsverfahren. Warum gerade Chiara Luce? Hat sie besser gelebt als die anderen?
Voce: Gott allein weiß, wie viele Menschen jeden Alters in noch viel schwierigeren Situationen ihr Christsein auf vorbildliche Weise leben.
Chiara Lubich hat immer mit besonderer Zuwendung jene begleitet, die den Tod vor Augen hatten. Oft sagte sie danach: „Das war ein verwirklichter Christ!“ Es lag ihr sehr am Herzen, dass das Lebensbild dieser Menschen aufgeschrieben wurde. So kann ihre Erfahrung uns allen helfen, das Evangelium authentisch zu leben.
Keiner von uns – zuallerletzt Chiara Lubich selbst – hat es je für wesentlich gehalten, Seligsprechungsprozesse auf den Weg zu bringen. Die Initiative dazu ging fast immer vom katholischen Bischof der Diözese aus, in der die jeweilige Person lebte. Wir haben uns auch nie die Frage gestellt, warum für diese und nicht für eine andere Person. Was zählt, ist: großzügig auf die persönliche Liebe Gottes antworten. Das Beispiel dieser Schwestern und Brüder, „die auf den Leuchter gestellt werden“, hilft uns dabei.

Heiligkeit wird mit Vollkommenheit gleichgesetzt. Schafft eine Seligsprechung da nicht unnötigen Abstand?
Voce: Hat nicht Jesus selbst uns gesagt: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ (Matthäus 5,48)? Nach Vollkommenheit zu streben, ist deshalb für alle Christen ein ganz eindeutiger Wille Gottes! Das hat auch das zweite Vatikanische Konzil unterstrichen (Lumen gentium 40).
Es stimmt jedoch, dass das schon in der Vergangenheit zu einer Art Klassendenken geführt hat. „Es schien, als sei die Heiligkeit allein den Ordensleuten und Priestern vorbehalten; als sei den Verheirateten ausgedrückt, eine herausragende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts in Italien und der erste Verheiratete Fokolar. Wie sehr hatte er darunter gelitten! Mit Ironie sprach er von „Christen erster Klasse“ – Priestern und Ordensleuten, die zu einem „Stand der Vollkommenheit“ berufen waren – und „Christen zweiter Klasse“ – Laien, die in einem „Stand der Unvollkommenheit“ lebten. Die große Entdeckung Chiara Lubichs in den Anfangszeiten der Bewegung war ja gerade die, mit dem Willen Gottes die Eintrittskarte zur Vollkommenheit für alle in der Hand zu haben: für Arbeiter und Studenten, für Abgeordnete und Hausfrauen. Giordani hatte nach seiner ersten Begegnung mit Chiara im Parlament seine Überraschung darüber folgendermaßen ausgedrückt: „Sie rückte die Heiligkeit in die Reichweite aller Menschen. Sie schaffte die Barrieren beiseite, die die Welt der Laien vom mystischen Leben trennte.“

Heute kann man mit Heiligkeit nichts mehr anfangen. Ist sie als Ziel überholt?
Voce: Mit der Heiligkeit, die mit besonderen Erscheinungsformen wie Ekstasen, Wundern oder Bußübungen verbunden ist, kann man nichts mehr anfangen. Das ist unserer Lebenswelt heute fremd. Aber das Wort Gottes stellt uns auch heute in Frage: „Ihr sollt daher heilig sein, weil ich heilig bin.“ (Lev 11,45) „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung.“ (1 Tess 4,3)
Heute öffnen sich neue Wege: gemeinsam heilig werden, Heiligkeit des Volkes sind die Stichworte, und sie bedeuten: den anderen lieben wie sich selbst; wenn du nach Heiligkeit strebst, musst du sie auch für deinen Nächsten anstreben. Davon sprach auch Erzbischof Montini, der spätere Papst Paul VI., wie Chiara Lubich erinnert: „In Zeiten wie diesen muss ein isoliertes Ereignis zur Gewohnheit werden; der außergewöhnliche Heilige muss der Heiligkeit des Volkes weichen, dem Volk Gottes, das sich heiligt.“
Chiara Luce ist nicht allein heilig geworden. Sie ging diesen Weg zusammen mit ihren Eltern, mit Chiara Lubich, mit Jugendlichen, die mit ihr das gleiche Lebens ideal teilten: Ohne Abstriche wollte sie in allem – in den alltäglichen Dingen bis hin zu den kühnsten Zielen und ihrer Krankheit – Gott, der Liebe ist, treu sein. Für ihn hatte sie sich schon als Kind entschieden. Diese Heiligkeit des Volkes wird bei den Feierlichkeiten in der Audienzhalle Paul VI. bezeugt werden: Man wird nicht nur von ihrem Leben erzählen; andere Jugendliche werden davon berichten, wie sie das Evangelium unter schwierigsten Umständen leben.

Zur Fokolar-Bewegung gehören auch Menschen anderer Kirchen; sogar Angehörige anderer Religionen fühlen sich ihr verbunden. Eine Seligsprechung aber ist eine typisch katholische Praxis. Führt das nicht zu Spannungen und Problemen in der Bewegung?
Voce: Wir wissen, dass nicht alle Kirchen die Praxis der Seligsprechung haben, und dass sie für manche – aus geschichtlichen Gründen – auch schwer verständlich ist. Aber wir alle, Christen aus den verschiedenen Kirchen, fühlen uns vor allem in diesen Krisenzeiten dazu gerufen, gemeinsam zu bezeugen, dass das Evangelium die Kraft hat, jeden einzelnen sowie Kirche und Gesellschaft zu erneuern.
Wenn wir die Lebensgeschichte von Chiara Luce lesen, sehen wir, wie sehr sie vom Evangelium durchdrungen ist. Die Kraft der Liebe Gottes, die darin durchscheint, ist für alle sehr anziehend. Sogar buddhistische Jugendliche aus Thailand sparen sich das Geld zusammen, um nach Rom zu kommen. Im September wird in Italien ein Buch von Franz Coriasco über Chiara Luce herauskommen. Er war mit ihr befreundet und ist Atheist.
All das zeigt, dass das Leben von Chiara Luce Menschen über die Grenzen der Konfessionen und Religionen hinweg bewegt. Das zeigen auch Aussagen von Jugendlichen, die mich sehr berührt haben: „Unsere Gesellschaft will den Schmerz, das Unbequeme, das Leidvolle leugnen. Chiara Luce lehrt uns, die Schwierigkeiten anzunehmen.“ – „Sie sagt: das Leben und die Freude werden siegen! Und das ist faszinierend.“ – „Das Außergewöhnliche an ihr ist, dass sie ihr Leben so normal gelebt hat. Das macht mir Mut, dass ich das auch schaffen kann.“
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September 2010)
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