Neue Stadt

23. Dezember 2011

Ein Zuhause für Brasiliens ungeliebte Kinder

Rubrik: reportage — Schlagwörter: , — nst @ 11:29

Noch wichtiger als ein Dach über dem Kopf ist Zuneigung für die Entwicklung einer Person. Den 15 Millionen brasilianischen Straßenkindern fehlt beides. Das Projekt „Casa do Menor” hilft einigen aus der Gosse und will ihnen Familie sein.

Es klingt ein wenig schief, aber die junge Frau am Mikrofon singt aus vollem Herzen. Die Jungen und Mädchen klatschen den Rhythmus dazu. Die „Oragao” fällt um einiges lebendiger aus als die Andachten, die ich aus Deutschland gewohnt bin. Und um einiges ungewöhnlicher: Wenn zum Beispiel das Handy von Padre Renato Chiera klingelt, während er gerade einen meditativen Text vorliest. Seelenruhig unterbricht er, greift in seine Hosentasche und zieht es heraus: „Hallo?”

Mit der Oragao morgens um acht beginnt der Alltag im „Casa do Menor” (Haus der Minderjährigen). Meistens ist sie kurz, aber manchmal wird fast eine ganze Stunde lang gebetet und gesungen. Selbst die „harten Jungs” sind dabei. Ihre Körper sind mit Narben übersät, Glitzerketten hängen um den Hals, Tätowierungen zieren den Arm: Jugendliche, denen man aus dem Weg gehen sollte, wenn man sie auf der Straße trifft. Manche beten laut. Sehr laut. Aus ihnen spricht förmlich die Verzweiflung.

Gegen Ende der Oragao wird der „Würfel der Liebe” geworfen. Auf jeder der sechs Seiten steht eine andere Aufforderung, mit der Liebe des Evangeliums ernst zu machen. Heute ist Paulo ‘ mit Würfeln an der Reihe: „Liebe deinen Feind” ist das Motto. Klingt simpel, ist aber in der Praxis nicht so leicht. Paulo hat keine Eltern mehr, war Mitglied einer Jugendgang und sagt, er sei seit drei Jahren „messerfrei”. Trotzdem gibt es oft Rückschläge: Diebstahl, Schlägereien, Drogen. Wenn zwischen Zweien Streit ausbricht, erinnert zuweilen ein Dritter die Streithähne an das Tagesmotto, und sie reißen sich zusammen oder vertragen sich sogar.

Paolo lebt zusammen mit über hundert Jugendlichen im Casa do Menor von Miguel Couto im Slumgürtel von Rio de Janeiro, wo ich als Studentin der Sozialen Arbeit ein Praxisjahr absolviere. Auf das Projekt gestoßen war ich durch meine Pfarrgemeinde Dieburg bei Darmstadt, die es schon von Anfang an unterstützt.

Gründer und Leiter des Projektes ist Padre Renato Chiera, der aus Italien stammt und hier Pe Renato genannt wird. 1983 wurde ein Straßenjunge mit dem Spitznamen „Pirata” direkt vor seiner Haustür erschossen. Pirata war in Rauschgiftgeschäfte verwickelt und wollte Zuflucht bei dem Pater suchen. Doch seine Mörder waren schneller. – Für Pe Renato ein alarmierendes Erlebnis, das ihm die Not der Straßenkinder drastisch vor Augen geführt hat. Er wollte etwas dagegen tun. Und weil der Bedarf nach Hilfe so groß ist, wächst das Projekt Casa do Menor seit seiner Gründung 1986 stetig, manchmal schneller, als es gut tut. Mittlerweile ist Casa do Menor in mehreren Bundesstaaten vertreten. Insgesamt gibt es zurzeit 300 Kindern und Jugendlichen Hilfestellung.

Ein kleiner Teil der Kinder, die in das Projekt eingebunden sind, lebt noch zu Hause. Casa do Menor versucht Jungen und Mädchen eine Perspektive zu vermitteln, die auf der Straße gelebt haben, die vernachlässigt worden sind, sich prostituiert haben, im Drogengeschäft aktiv waren.

Ausbildungskurse werden für mehrere Berufe angeboten; ohne sie haben die Jugendlichen keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Die schlimmste Tragödie, sagt Pe Renato, ist nicht, arm zu sein, sondern von niemandem geliebt zu werden.

Den Eckstein für die Arbeit im Casa do Menor bildet daher die von ihm entwickelte „Pedagogia Presenga”: In den Einrichtungen lebt ein Großteil der Kinder mit den Sozialarbeitern zusammen. Sie sind für die Kinder und Jugendlichen da und wollen ihnen, die niemals eine Familie hatten, Vater oder Mutter sein. Zu dieser Pädagogik inspiriert hat Pe Renato die Spiritualität von Chiara Lubich und der Fokolar-Bewegung.

Vor einigen Wochen haben sich 16 Jugendliche taufen lassen: Nacheinander gießt der Pater Wasser über die Täuflinge. Bei Daniel*’ kann er sich einen Kommentar nicht verkneifen und sagt laut und deutlich durchs Mikrofon: „Bei dir nehmen wir besonders viel Wasser. Du hast so einiges reinzuwaschen!” Das klingt hart, ist aber ehrlich. Das Echte kommt bei den Jugendlichen an. So wissen sie, woran sie sind.

Nach der Oragao gehe ich zum Casa Vida, einem Haus innerhalb des Projekts nur für Jungen zwischen 11 und 16 Jahren. Im Casa Vida gibt es Probleme. Die Sozialeltern haben mehrmals gewechselt. Das ist nicht gut für die Jugendlichen, denn sie hatten schon genug Brüche in ihrem Leben, wurden immer wieder verlassen. Da ist eine feste Bezugsperson besonders wichtig, und deswegen benötigt das Casa Vida momentan viel Unterstützung. Meine Aufgabe ist es, die Sozialeltern zu entlasten, Ansprechpartnerin für die Kids zu sein und mich um die Freizeitgestaltung zu kümmern.

Als ich ankomme, erfahre ich, dass zwei Jugendliche abgehauen sind. So etwas kommt öfter vor. Mir erscheint es als Ironie, wenn Kinder vor den Mitarbeitern ihre Sachen packen – die wenigen Habseligkeiten passen locker in eine Einkaufstasche – und dann freundlich sagen, dass sie jetzt gehen werden. Manche laufen auch heimlich weg. Aufhalten kann man sie nicht. Wir müssen sie ziehen lassen, auch wenn sich die Jugendlichen der Tragweite nicht bewusst sind. Aber sie können nicht anders: Die Straße ist eine der stärksten Drogen, mit denen die Kids hier zu kämpfen haben. Während sie keine engen Bindungen mehr gewohnt sind und sich schwer tun mit den strengen Regeln im Heim, gaukelt die Straße ihnen Freiheit vor.

Auf der Treppe zum Eingang zerlegen mehrere Jungen zwei Singvögel, kaum größer als Spatzen. Mit dem Messer werden die Krallen abgeschnitten, die Federn abgerupft. Dann der Bauch aufgeschlitzt, die Flügel abgetrennt, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihre Erlebnisse haben diese Jungs knallhart werden lassen: ein Selbstschutz, um überleben zu können.

Beide Vögel werden in die Pfanne gepackt, gebraten; übrig bleiben zwei winzig kleine Häppchen. Ich probiere auch. Will ja nicht passen, wenn sie mir schon etwas anbieten. Zugegeben, es schmeckt nicht
schlecht, bleibt aber trotzdem befremdlich für mich. Dass die Vögel krank gewesen sein könnten, darüber machen sich die Jungs keine Gedanken. Leben und Sterben – auch das habe ich gelernt – haben in Brasilien einen anderen Stellenwert als in Europa.

Dieses Jahr feiert Casa do Menor sein 25-jähriges Jubiläum. Oft habe ich das Gefühl, es grenzt an ein Wunder, dass das Projekt so lange überdauert hat. Seit gut zwei Jahren erhält Casa do Menor nur noch minimale Finanzierungshilfen aus Rio de Janeiro. Die Stadt hat Geldprobleme und als Konsequenz bei sämtlichen sozialen Projekten das Budget gekürzt. Seitdem hält sich das Projekt nur noch mit Spendengeldern über Wasser.

Das kleine Baby, das vor kurzem in das Kleinkinderhaus „Herballife” kam, ist vor einer Woche gestorben.

Auch Herballife ist ein Teil des Casa do Menor.

Klein und zerbrechlich war das Baby, eine Frühgeburt. Schon im Mutterleib hatte es die volle Breitseite abbekommen: Die Drogenabhängigkeit seiner Mutter hat es nicht überlebt. Bei all dem Elend geht mir manchmal ein Stoßgebet von Reinhold Niehbur durch den Sinn: „Herr, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.” Dann wieder überraschen mich die Straßenkids mit ihrer unglaublicher Lebensfreude und kleinen Gesten der Dankbarkeit: mit einem Lächeln, oder wenn sie etwas von dem wenigen, was sie haben, mit mir teilen wollen.

Viele Geschichten sind ähnlich tragisch wie die von dem kleinen Baby: Die Väter sind meist unbekannt, die Mütter an – aus europäischer Sicht – banalen Erkrankungen gestorben. Falls die Kinder nicht von Verwandten aufgezogen werden, stehen sie allein da. Dann bekommen sie ebenfalls sehr früh eigene Kinder, und die Story geht wieder von vorne los: ein Kreislauf, der nur schwer zu durchbrechen ist.

Gerade haben wir Besuch vom italienischem Profi-Fotografen Gian Andrea Porro. Er wohnt mit mir und den anderen Freiwilligen aus Deutschland in der „Pousada”, dem Gästehaus. Gian hat seine Arbeit in Italien für vier Wochen hinter sich gelassen, um Pe Renato zu helfen: Mit der Verbreitung von Bildern will er in der Welt auf das harte, ungerechte Schicksal der brasilianischen Straßenkinder aufmerksam machen. Und auf das, was hier einige Menschen doch aufopferungsvoll für sie tun. Das Foto mit Pe Renato und dem vermummten Jugendlichen hat er für diesen Artikel kostenlos zur Verfügung gestellt.

Manchmal frage ich mich, wie Pe Renato das alles 25 Jahre durchgehalten hat: Die Jugendlichen suchen zwar Hilfe im Casa do Menor, werden aber rückfällig, betrügen, beklauen den Pater und die Mitarbeiter. Sie können nicht anders. Sie enttäuschen die letzten Menschen, die immer noch – oder trotzdem – an sie geglaubt haben. Die ihnen immer wieder vergeben haben. Ich weiß nicht, ob ich das könnte.
Magdalena Kirschstein

Namen von der Redaktion geändert

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2011)
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