Unbequem
Straßenkinder in Brasilien, die Überschwemmung in Thailand, die Finanzkrise – wir servieren Ihnen ungemütliche Themen in der Dezember-Nummer. Und das kurz vor Weihnachten? Das passt doch gar nicht in diese Zeit, das zerstört doch die schöne adventliche Stimmung!
So gesehen finden Sie allerdings auch „unbedenklichen” Lesestoff: die besinnlichen Gedanken und der Beitrag über die öffentlichen Geschenke-Boxen zum Beispiel, neben dem Wort des Lebens und den Erfahrungen natürlich. Direkten Bezug zu Weihnachten haben auch die Familien- und die Kunstrubrik: Katharina Parlasca erläutert, wie sie das Fest zuhause feiern; Peter Seifert stellt eine moderne Krippengraphik vor (S. 12 in der gedruckten Ausgabe).
Er spricht darin von einer „prekären Situation”, in die das Jesuskind hineingeboren wurde. Mit meinen Worten ausgedrückt: die Eltern auf der Durchreise; die schwangere Maria und ihr Josef nicht regulär verheiratet – eher eine Patchworkfamilie; sie werden abgewiesen, sind obdachlos, müssen mit einer Notunterkunft zurechtkommen und bei der Geburt improvisieren. Ein Vergleich mit den Straßenkindern in Brasilien liegt da gar nicht so fern. Maria und Josef hätten dem Neugeborenen sicher gern etwas Besseres geboten als einen Stall! Aber dieses Szenario steht unverrückbar am Anfang aller Weihnachtstraditionen.
Gott wird Mensch, ein Baby, völlig abhängig von den Mitmenschen, ganz auf die Eltern angewiesen: Das steht im Zentrum des Festes. Die Umstände seiner Geburt sind kein Zufall. Maria und Josef hatten nicht einfach nur Pech. Ihre Not und die Hilflosigkeit des Neugeborenen gehören mit zur Weihnachtsbotschaft: Dieses Kind teilt die Lage der Menschen, wie prekär sie auch immer ist! Da passen die verwahrlosten Straßenkinder in Brasilien genauso dazu wie die Überschwemmungsopfer in Thailand und wie alle, die unter der Finanzkrise und ihren Folgen leiden. – Es sind also offenbar doch weihnachtliche Themen, wenn auch keine gemütlichen.
Gerade das gibt ja Trost und Hoffnung, dass Jesus schon von klein auf die menschlichen Nöte und Unzulänglichkeiten kennt und durchlebt. Gerade darin ist er den Menschen nah. In diesem Sinn stellen wir „weihnachtliche” Menschen vor: Wir berichten von Personen, die anderen in der Not nahe sind, ihre prekäre Lage teilen und zu helfen versuchen. So wie Karlheinz und Almaz Böhm, denen die schwierigen Lebensverhältnisse in Äthiopien nicht egal sind und die seit Jahren versuchen, sie zu verbessern. So wie Andreas Bartl, der für seine Umgebung offen ist und auf unkonventionelle Art Leute zueinander führt, um gemeinsam mit ihnen Lösungen zu finden. Oder wie viele Menschen in Thailand, die in all dem Leid, das das Hochwasser hervorruft, mit großer Hilfsbereitschaft zu Werke gehen. Sie alle bringen Hoffnung und Licht selbst in unbehagliche Themen und düstere Ereignisse.
Einen frohen und hoffnungsvollen Dezember wünscht
Ihr
Clemens Behr
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2011)
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