Land Grabbing – Kampf um Land und Boden

Immer mehr internationale Konzerne sichern sich große Landflächen in den Ländern des Südens: Dieses „Land Grabbing“ raubt dort der Bevölkerung die Ernährungsgrundlage. Wir fragen den Agrarexperten Roman Herre nach Hintergründen und Konsequenzen.

Die Welthungerhilfe sagt, 930 Millionen Menschen haben zu wenig zu essen. Ist das Land für den Ackerbau knapp?
Herre: Definitiv! Das sieht man schon daran, dass es in vielen Nationen Konflikte um Land gibt, um den Zugang zu Land, zu Wasser, gerade in Afrika. Die Gier privater Finanzinstitute und großer transnationaler Konzerne nach Land zeigt, dass es eine knappe Ressource ist.

Was genau ist Land Grabbing?
Herre: Die enge Definition sagt, da kommen internationale Investoren, die der lokalen Bevölkerung den Boden unter den Füßen wegziehen. Durch diesen Akt des Landraubs wird das Recht auf Land direkt verletzt. Häufig ist es jedoch komplizierter, weil es eine Vielzahl von Akteuren und Auswirkungen gibt. In einer breiteren Perspektive ist Land Grabbing daher ein massiver Prozess, der die ländlichen Räume insbesondere im Süden verwandelt: von der bäuerlichen hin zu einer agrarindustriellen Landwirtschaft. Mit schwerwiegenden Folgen. Das wichtigste Problem für uns ist, dass die lokale Bevölkerung dabei übergangen wird.

Ist das Phänomen wirklich neu?
Herre: Natürlich haben sich schon in den 70er-Jahren große Konzerne in Zentralamerika Land organisiert.
Damals hatten Bananenproduzenten etwa 40000 Hektar Land über einen langen Zeitraum zusammengerafft. Heute aber sind die Dimensionen und die Geschwindigkeit, mit geschieht, viel massiver, und damit auch die Auswirkungen auf die Menschen vor Ort: Bei einem einzigen Geschäft wird bis zu einer Million Hektar Land transferiert. In den letzten Jahren gab es Pläne zu Käufen von zusammen über 200 Millionen Hektar Land. Das entspricht mehr als der Ackerfläche der gesamten Europäischen Union. Das sind riesige Dimensionen!

Sind es Nationen und Firmen, die sich woanders Land holen?
Herre: Zunächst einmal wirken oft die nationalen Eliten in den betroffenen Staaten selbst mit. In Kambodscha gibt es Senatoren, die zusammen mit einem internationalen Konzern am Land Grabbing beteiligt sind.
Dann gibt es die internationalen Akteure: Die arabischen Staaten und China, die in Afrika Land kauften, haben am Anfang die meiste Aufmerksamkeit erregt.
Aber ich bin vorsichtig, wenn China oder Indien als die wildesten Akteure hervorgehoben werden. Ich will deren Rolle nicht schmälern, aber Studien zufolge stammen etwa 40 Prozent aller Finanzfonds, die in diesem Bereich investieren, aus Europa!

Wofür brauchen diese Länder und Konzerne Land?
Herre: Sie brauchen es eben nicht für dessen eigentlichen Zweck – die Ernährung der Bevölkerung in den Hungerländern, sondern um hohe Renditen zu erzielen und ihr Geld abzusichern. Gerade in der Finanzkrise wollen viele Investoren ihr Geld dort anlegen, wo sie es für sicher halten. Selbst wenn Investitionen in die Landwirtschaft nicht die höchsten Renditen versprechen, gelten sie doch zumindest als sehr stabil. Da ist regelrecht ein Boom entstanden im Finanzsektor.

Welche Nationen leiden unter dem Landraub?
Herre: Es passiert überall, auch in Deutschland, kaum ein Land ist ausgeschlossen. Dramatisch wird es allerdings dort, wo der armen Bevölkerung ihre letzte Ressource genommen wird, ihr einziger Besitz: das Land und der Zugang zum Wasser, um Nahrungsmittel anbauen zu können. Dort, wo der Hunger besonders dramatische Ausmaße hat, haben oft besonders viele Investoren Land gekauft.
In Mosambik überstieg die von internationalen Investoren bei der Regierung angefragte Fläche schon 2009 die landwirtschaftliche Nutzfläche um das Zehnfache. Das heißt, es herrscht ein unglaublicher Druck auf die Regierung. Kambodscha und die Philippinen sind weitere „Hot Spots“, wo Land nicht an Landlose, an Kleinbauern vergeben wird, sondern an große Investoren.

Was sind die Folgen für die Bevölkerung dieser Länder?
Herre: Es trifft die ländliche Bevölkerung, Randgruppen, die ärmsten Gruppen, die das Land weiträumig nutzen, Hirtenvölker und Nomaden zum Beispiel. Im schlimmsten Fall werden sie direkt vertrieben, mit Waffengewalt durch Polizei, Militär oder private Sicherheitskräfte, um Platz zu machen für große Plantagen.
Etwa 43 der 53 afrikanischen Staaten sind mittlerweile extrem abhängig von Nahrungsmittelimporten. Die großen Konzerne haben kein Interesse, die arme Bevölkerung mit ihrer geringen Kaufkraft zu bedienen. Sie wollen die Ladentheken in Europa füllen, wo sie viel Geld verdienen können. Damit wird die lokale Nahrungsmittelproduktion zerstört, und die Abhängigkeit von Importen steigt weiter. Dabei sind die Kosten von Nahrungsmittelimporten für die ärmsten Länder seit 2005 um 250 Prozent gestiegen. Das lässt Strategien zur Hungerbekämpfung über den Weltmarkt völlig absurd werden.

Kann sich die Bevölkerung nicht wehren?
Herre: Es gibt Beispiele, wo sich die Betroffenen zusammengetan haben. Aber meistens ist die ländliche Bevölkerung viel schwächer organisiert als die städtische. Dass sie Gehör findet bei ihren Regierungen oder auf internationaler Ebene, ist sehr schwierig. FIAN setzt sich aber gerade dafür ein.
Wir waren vor kurzem auf einer internationalen Konferenz in Mali, wo ein Aktionsplan der Bauernorganisationen und ihrer Verbündeten beschlossen wurde. Ein Ziel war, eine globale Allianz der lokalen Bevölkerung, der nationalen ländlichen Bewegungen und der Nichtregierungsorganisationen gegen Pensionsfonds zu schaffen. Denn weltweit wollen immer mehr Pensionsfonds und Versorgungskassen in Land investieren, um Pensionsgelder anzulegen: eine fatale Entwicklung! In Mali wurde dazu aufgerufen, die Mitglieder dieser Pensionskassen für den Widerstand gegen diese Art der Investition zu mobilisieren, die Hunger schafft. Damit können wir bei uns die Aktionen der betroffenen Menschen unterstützen.

Was sind die tieferen Ursachen? Müssen wir letztlich unsere Konsumgewohnheiten ändern?
Herre: Zunächst sollten wir nicht vergessen, dass die internationale Gemeinschaft in Sachen Menschenrechte klare Verpflichtungen hat, die jedoch ignoriert werden.
Aber natürlich sind auch wir aufgerufen, durch unser Einkaufsverhalten diese Entwicklung möglichst nicht zu fördern. Ich denke an den Fleischkonsum: Wir „verbrauchen“ anderswo riesige Flächen Ackerland, um unsere Rinder und Schweine zu füttern. In Paraguay werden für den europäischen Markt riesige Flächen Soja angebaut, die der lokalen Bevölkerung entzogen werden. Da muss es ein Umdenken geben.
Wir sollten eher Waren kaufen, die in der Nähe hergestellt und nicht einmal um die Welt geschifft worden sind. Aber unser Kaufverhalten kann nicht die alleinige Lösung sein.

Was müsste die Politik tun, um Land Grabbing zu verhindern?
Herre: Es gibt eine ganze Liste von Forderungen an die europäische Politik. Sie wollte das Erdöl in Teilen durch ökologische Agrartreibstoffe ersetzen. Aber das führt in vielen Staaten zu Land Grabbing für die Produktion dieser Treibstoffe, weil Europa seine Nachfrage – wie auch schon bei den Futtermitteln – nicht selbst erfüllen kann. Agrartreibstoffe sind der Grund für etwa ein Drittel des weltweiten Land Grabbings. Deshalb fordern wir, diese konstant wachsende Quote, die politisch festgeschrieben ist, zu streichen und damit den Druck auf die Länder des Südens zu verringern.
Investitionsschutzabkommen führen dazu, dass der deutsche Investor in Paraguay geschützt wird, selbst wenn er damit die Durchsetzung der Menschenrechte verhindert wird. Das darf nicht sein. Wir wollen, dass in die Investitionsschutzabkommen ein Passus kommt, der die Prüfung von Menschenrechtsverletzungen zulässt. Aber das ist bis heute nicht passiert.

Hat die Bevölkerung manchmal auch Vorteile durch die Investitionen?
Herre: Sie sprechen die so genannte Win-Win-Debatte an, die sagt, alle Akteure können profitieren. Bei einer internationalen Konferenz im Frühjahr in England wurden rund 100 Fallstudien vorgestellt. Keine einzige hat erbracht, dass vor Ort jemand umfassend und nachhaltig von den Investitionen profitiert hätte.
Die Landkäufer argumentieren häufig, sie nähmen nur ungenutztes, besitzloses Land. Aber allen Untersuchungen nach gibt es nirgends Land, auf das nicht irgendwer Anspruch hat. Die Idee, es gebe große Flächen freien Landes – die Weltbank hat mal gesagt, möglicherweise sind weltweit noch 1,7 Milliarden Hektar verfügbar – ist fatal, weil sie Investoren anlockt.
Ich hoffe natürlich, dass dieser Entwicklung Einhalt geboten wird: dass die Regulierungsmechanismen, die die Welternährungsorganisation FAO gerade diskutiert, helfen, die Menschenrechte effektiver durchzusetzen und damit das Land Grabbing in konkreten Fällen zu verhindern.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Clemens Behr

Roman Herre,
geboren 1972 in Tübingen, hat in Münster Geografie und Ethnologie studiert. Seit 2007 arbeitet er als Agrarreferent in Köln bei der Menschenrechtsorganisation FIAN (Food First Informations- und Aktionsnetzwerk e.V.), die sich weltweit für das Recht auf Nahrung einsetzt. Seine Schwerpunkte sind Agrarreformen, Agrartreibstoffe und ländliche Entwicklung.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2012)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und Email finden Sie unter Kontakt.
© Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München

Ein Gedanke zu “Land Grabbing – Kampf um Land und Boden

  1. Horst Kühnle - Stiftung Sol. Welt schreibt:

    Wir danken Herrn Herre für seine klaren Aussagen und den Einsatz für Menschenrechte. Für uns ist Langrabbing bei unserer Zusammenarbeit mit Lateinamerika immer ein Angriff auf die elementarsten Menschenrechte. Es ist aber auch ein uraltes Problem, wenn wir es weiter fassen, das bereits mit der Eroberung anderer Kontinente durch die Europäer beginnt, als sie das Land der Urbevölkerung geraubt haben und es setzte sich fort im Großgrundbesitz z. B in Brasilien als die Colonels einfach riesige Landflächen als ihren Besitz definierten.

    Mit den besten Grüßen und Erfolgswünschen

    Horst Kühnle

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.