Ein Anker, der gesetzt ist

Der 22-jährige Steirer Roman Kriebernegg hat sich auf den Weg gemacht, Priester zu werden. Bei allen Umbrüchen in der Kirche muss er diese Entscheidung immer neu verankern.

Ernst, heiter, ausgeglichen, wach, bodenständig, intelligent, schüchtern und geradlinig – diese Adjektive kommen einem nach dem Gespräch mit Roman Kriebernegg in den Sinn. Er hat sich nicht lange bitten lassen, über seine Lebensentscheidung Rede und Antwort zu stehen. Den teilweise sicher unbequemen Fragen weicht der junge Mann nicht aus, aber er macht sich auch keine Probleme, wenn sich diese bisher nicht gestellt haben. An manchen Stellen könnte das auf den ersten Blick ein wenig naiv wirken. Aber dann – das Gespräch ist schon fast beendet – holt er noch einmal Luft: „Das mit dem Ruf“, und man spürt, dass ihm das ganz wichtig ist, „das war schon was sehr Besonderes! Weil ich gemerkt hab, dass das nicht von mir kommt!“

Roman Kriebernegg will Priester werden und hat sich dazu seit Herbst 2011 im Priesterseminar in Graz auf den Weg gemacht. Aber „den Ruf“, von dem er spricht, den hat der 22-jährige Steirer schon vorher „erlebt“: „Das hatte so eine Kraft, dass ich gar nicht gezweifelt habe, ob das für mich stimmt oder nicht. Da war ich einfach ganz sicher, dass das für mich passen und der richtige Weg sein wird!“

Der Theologiestudent stammt aus St. Katharina in der Wiel (Weststeiermark). Der jüngste von vier Brüdern war nach der Volksschule im Alter von zehn Jahren an das Bischöfliche Seminar und Gymnasium in Graz gewechselt. Dort hat er unter der Woche im Internat gelebt und war nur am Wochenende und in den Ferien bei seiner Familie in der 250-Seelen-Heimatgemeinde. „Damals wollte ich noch nicht Priester werden“, er war einfach wegen der Schule hingegangen. Dass er das Gymnasium leicht schaffte, zeigt nicht nur die Tatsache, dass er im Sommer 2010 als 18-jähriger zu Europas bestem Altgriechisch-Übersetzer gekürt wurde. Zum Wettbewerb des griechischen Bildungsministeriums waren 150 Bewerber aus ganz Europa angetreten und Roman hatte erstmalig in der Geschichte des Wettbewerbs 100 von 100 Punkten erreicht!

Aber zurück zu jenem besonderen Erlebnis, von dem her er jetzt sein Leben ausrichtet: Roman war in der siebten Klasse und in den Ferien zuhause. „Einfach so, ohne besondere Absicht“ hatte er angefangen, das Evangelium zu lesen. Und dann war da dieser „Gedanke Priester zu werden; so klar und eindeutig, dass ich es gar nicht ignorieren konnte“. So hat Roman sich diesem Ruf immer mehr gestellt.
Bei seinen Schulkollegen hat er erst mal keine große Werbung damit gemacht, aber auch nicht hinterm Berg gehalten, wenn die Sprache darauf kam. Auch wenn es nicht leicht war, es in Worte zu fassen – schließlich war es ja doch anders als Arzt oder Schreiner zu werden. Roman war erstaunt, dass er trotzdem viel Wertschätzung erfuhr.

Auch in seiner Familie ist die Offenheit da, von den Eltern sowieso und auch die großen Brüder akzeptieren seine Wahl, „obwohl die weniger kirchlich geprägt sind“ und es sicher  nicht ganz nachvollziehen können: „Ein wenig Unverständnis bleibt da schon.“ Oft fällt es Roman gerade im engsten Familienkreis am schwersten, davon zu sprechen, was ihn zu diesem Schritt bewegt. Dabei ist ihm auch bewusst: „So richtig erklären kann man’s vielleicht eh nie ganz.“

Das Leben mit dem Evangelium und die konkrete Umsetzung im Alltag ist für den jungen Mann ein zentrales Element.

Das „Wort des Lebens“ und die Praxis, daraus den Alltag zu gestalten, lernte er schon in seiner Internatszeit kennen. Nicht zuletzt deshalb hat er den Rat seines Spirituals angenommen, nach der Matura ein paar Monate nach Italien in die internationale Modellsiedlung der Fokolar-Bewegung zu gehen, wo das Evangelium Grundlage des Miteinanders ist. Roman lebte dort in Loppiano neun Monate zusammen mit anderen Priestern und Seminaristen: „Die Internationalität war toll“, auch wenn der Alltag sich dann mehr oder weniger „normal“ gestaltete. Nach einem gemeinsamen Impuls am Morgen in ihrer Hausgemeinschaft arbeitete Roman tagsüber mehrere Stunden in einer Tischlerei. Am späten Nachmittag traf man sich mit den Bewohnern der Siedlung zur gemeinsamen Messfeier. „Die Gemeinschaft mit Menschen unterschiedlicher Berufungen und Herkunft war besonders schön: Weil jeder den anderen in seiner Eigenart und auch in seiner spezifischen Berufung achtet und schätzt – die Erwachsenen die Kinder, die Familien die Priester, die Alleinstehenden die Verheirateten. Das war ein Klima, wo jeder rauskommen konnte, weil die Liebe untereinander allen ihren Platz gab und man füreinander dankbar war.“ Roman erinnert sich gern an diese Erfahrung und sie steht ihm wie ein Leuchtturm vor Augen: „So würde ich mir auch hier Pfarre und Kirche immer mehr wünschen!“

Aber natürlich weiß der Seminarist, dass es auch ganz anders kommen kann. Zu viel ist im Umbruch und heiße Eisen gibt es in der Kirche gerade mehr als genug. „Aber bei all den Dingen, die diskutiert werden und wo man durchaus geteilter Meinung sein kann, wäre es um so wichtiger, dass jeder vom anderen den guten Willen sieht.“ Er ist sich sicher: „Damit wäre viel gewonnen! Damit hätte jeder mehr Freude an der Kirche!“

Ein Übungsfeld ist für Roman da auch das Leben im Seminar: Mit der Zeit lernt man sich in so einer Gemeinschaft gut kennen und ist nicht immer derselben Meinung. Die einen liegen einem mehr, andere weniger. Das Wort „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Johannes 15,13) gibt Roman da oft Orientierung und heißt für ihn, den ersten Schritt auf den anderen zuzumachen und die Gelegenheit zu suchen, eine Beziehung wieder zu bereinigen. Und: „bereit sein, zu vergeben und zu verzeihen, gerade dann, wenn es mal nicht so gelingt, wie ich es mir vorgestellt habe.“

Roman gesteht, dass er sich bei den anstehenden Veränderungen in der Kirche – vor allem im Blick auf die immer größeren Pfarrverbände – schon fragt, ob das gut gehen wird oder ob es vielleicht doch noch andere Modelle braucht. „Aber dann finde ich auch immer wieder Ruhe beim Gedanken, dass es mich jetzt noch nicht betrifft.“ In solchen Momenten wird ihm aber auch klar:

„Man muss sich immer wieder neu entscheiden! Es ist zwar ein Anker gesetzt, an dem ich mich festmachen kann, aber dann muss ich das immer wieder erneuern und weitergehen.“

Neben den eher strukturellen Anfragen gibt es auch noch andere, persönlichere: „Wenn ich mich etwa frage, ob es passen wird für mich, ob ich der Richtige bin für diese Aufgabe und es schaffen werde mit meinen Fähigkeiten.“ Solche Fragen kommen und sind nicht immer bequem. Aber bisher haben sie immer dazu beigetragen, „den Anker noch ein wenig fester zu setzen.“ Und ganz ohne Zweifel überwiegt in Roman die Freude darüber, mit seiner Antwort auf jenen „Ruf“ Zeugnis geben und andere im Glauben begleiten zu können. Dass er dafür auf eine Familie verzichtet, ist ihm durchaus bewusst, aber „auch das war ein Ruf! Der, verfügbar zu sein für Gott! Und das gibt mir immer wieder Sicherheit für den nächsten Schritt.“
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2014)
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