Not wenden, Zeit „verschwenden“

Ruth Pfau lebt seit mehr als einem halben Jahrhundert in Pakistan. In dieser Zeit hat die Ärztin und Ordensfrau die Lepra bekämpft und ungezählten Notleidenden ihre Menschenwürde zurückgegeben. Wie hat sie das erreicht?

Sie war in Karachi, Pakistan, hängen geblieben: Visaprobleme! Ihr Orden „Töchter vom Herzen Mariä“, in den sie drei Jahre zuvor eingetreten war, hatte Ruth Pfau 1960 eigentlich nach Indien geschickt. Die junge Medizinerin hatte sich darauf vorbereitet, dort als Frauenärztin zu arbeiten. „In Karachi hatte eine Mitschwester, eine Mexikanerin, das Lepra-Ghetto entdeckt“, erzählt Ruth Pfau bei einem Heimatbesuch in Leipzig im Rückblick. „Aber was man da tun konnte? Ich hatte keine Ahnung!“ Sie musste bei Kollegen Rat holen. „Ich kannte die Sprache nicht, das Land nicht, den Islam nicht. Das war sehr gut, weil ich keine Vorurteile hatte.“
Ein Pappkarton mit Medikamenten und ein Skalpell: Damit legte die Ordensfrau los, amputierte Gliedmaßen, setzte Injektionen, verteilte Tabletten. Lepra ist eine Krankheit der Armen. Ihre Verbreitung wird von den unhygienischen Bedingungen in der Enge der Slums begünstigt. Sobald die berüchtigten weißen Flecken auftauchten, wurden die Betroffenen versteckt gehalten, vertrieben, vegetierten menschenunwürdig vor sich hin. Niemand kümmerte sich um sie.

1963 gründete Ruth Pfau das Hospital Marie-Adelaide-Leprosy-Centre (MALC) in Karachi, mit Unterstützung der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe und dem Hilfswerk Misereor. Bald kamen Außenstationen in der Nähe der Millionenstadt hinzu. Eine rein medizinische Behandlung kann zwar die Ausbreitung der Bakterien stoppen, damit aber ist das Problem noch nicht gelöst: Die Folgen der Krankheit sind weiterhin sichtbar; die Geheilten bleiben sozial geächtet. Ruth Pfau verstand schnell, dass es Aufklärungskampagnen braucht. Und noch etwas war ihr sofort klar: Als Frau, zumal als Christin, wird sie in dieser männerdominierten, islamisch geprägten Gesellschaft nicht viel ausrichten, wenn sie sich nicht ganz auf die Mentalität einlässt und Muslime für ihre Pläne gewinnt.

Dank der geleisteten Überzeugungsarbeit und erster Heilerfolge wendete sich das Blatt: Langsam trauten sich Infizierte, schon im frühen Stadium die Ärztin aufzusuchen. Vom Einsatz der Schwester Ruth Pfau an den Ärmsten waren auch muslimische Ärztinnen und Ärzte so beeindruckt, dass sie ehrenamtlich mitarbeiten wollten. Später kamen Spezialisten in plastischer Chirurgie hinzu, die den von der Krankheit entstellten Menschen wieder ein Gesicht gaben. Mit den Jahrzehnten entstand unter der Leitung der 1929 in Leipzig geborenen Medizinerin in Zusammenarbeit mit den pakistanischen Behörden ein flächendeckendes Behandlungssystem.

Lepra schwächt den Körper so, dass er auch für andere Krankheiten anfällig wird. So kämpfte Ruth Pfau genauso gegen Tuberkulose und Kinderlähmung. Heute kann keiner mehr zählen, wie vielen Patienten sie und ihre Mitarbeiter geholfen, wie viele Leben sie gerettet, wie vielen Erblindeten sie das Augenlicht geschenkt haben.

Lepra, Tuberkulose, Kinderlähmung: Krankheiten, die die meisten Europäer nur vom Hörensagen kennen. Harald Meyer-Porzky, Vorstand der 1996 gegründeten Ruth-Pfau-Stiftung in Würzburg und stellvertretender DAHW-Geschäftsführer, geht die Begegnung mit Erkrankten auch heute noch unter die Haut: „Wenn Sie in einem Projekt sehen, dass Kinder, die miteinander spielen und lachen, sich auf Händen über den Boden ziehen, weil die Beine gelähmt sind, dann können Sie nachts nicht mehr schlafen.“

Was Ruth Pfau anpackt, macht sie gründlich: Die Visite bei den Patienten, die Fahrten bis in die entlegensten Winkel des Landes, die langfristige Nachsorge – was nützt es den Geheilten, wieder gesund zu sein, aber aufgrund von Behinderungen oder Aussehen keine Arbeit für ihren Lebensunterhalt zu finden? Mitarbeiter beschafften Webstühle, Nähmaschinen, Verkaufsstände, mit denen sich ehemalige Leprakranke eine neue Existenz aufbauen konnten. Einige wurden selbst Mitarbeiter, ließen sich in einem zweijährigen Kurs zu staatlich anerkannten Lepra-Assistenten ausbilden.

Überhaupt gab sie Patienten früh Aufgaben: Übungen mit den eigenen Gliedmaßen, Hilfstätigkeiten in den Gesundheitszentren. Es baut ihr Selbstwertgefühl wieder auf, wenn sie, die bisher wie Abfall behandelt wurden, erleben, dass sie Fähigkeiten haben und gebraucht werden.

Nach 36 Jahren unermüdlichen Einsatzes ein messbarer Erfolg: Bis 1996 sinkt die Zahl der Neuerkrankungen auf einen historischen Tiefstand. In Pakistan ist die Lepra erstmals unter Kontrolle!

Aber Ruth Pfau hat auch Rückschläge einstecken müssen: In der Anfangszeit versuchten aufgrund wilder Gerüchte wutentbrannte Pakistaner das neue Lepra-Hospital zu stürmen. Den ersten ehrenamtlichen muslimischen Mitarbeitern gelang es jedoch, ihre Glaubensbrüder davon abzubringen und sogar zu Verfechtern ihrer Lepra-Arbeit zu machen. 2005 zerstörte ein Erdbeben 30 der 170 Gesundheitszentren, die ihre Organisation zusammen mit den pakistanischen Behörden betreibt. Konflikte zwischen Taliban und pakistanischem Militär behindern in einigen Regionen die medizinische Versorgung der Bevölkerung und sind eine ständige Gefahr für die Helfer. Ob sie auf ihren Touren in abgelegene Dörfer keine Angst habe, wird die Ordensfrau in einem DAHW-Film gefragt. „Wenn uns mal jemand kidnappen wollte, kam jemand anderes, der uns gewarnt und aus dem Stammesgebiet herausgeholt hat“, ist ihre Antwort. 2013 werden zwei Mitarbeiter bei einem Überfall getötet: Wo nötig, fangen Ruth Pfau und ihre Teams unermüdlich wieder von vorn an. „Weitermachen ist unsinnig, aber aufhören ist noch unsinniger“, pflegt sie zu sagen.

Mit 84 Jahren ist sie immer noch informiert und täglich im Einsatz, auch wenn sie ihr Lebenswerk schon in die Hände ihres langjährigen Mitarbeiters Mervyn Lobo gelegt hat. Courage, Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen fußen bei Ruth Pfau, die sich erst mit 22 Jahren taufen ließ, in ihrem Glauben an Gott. Ohne tägliche Gebets- und Meditationszeiten in ihrer Schwesterngemeinschaft hätte sie den kräftezehrenden Dienst nicht leisten können. „Ich wäre ganz bestimmt ausgestiegen, wenn ich nicht auf dieser Basis geborgen wäre und immer wieder die Erfahrung gemacht hätte, dass Gott mich durchträgt“, sagt sie in einem anderen DAHW-Film.

Der Weltgesundheitsorganisation hat sie vor Jahren vorgeworfen, auf die organische Bekämpfung der Krankheiten fixiert zu sein, anstatt den Menschen im Blick zu haben: „Da hängt die ganze Person dahinter, die Familie, das Umfeld. Wir müssen die Krankheiten gesamtmenschlich angreifen“, sagte sie damals zur Begründung vor Journalisten. „Unsere Teams haben in Bürgerkriegen und von Terroristen besetzten Regionen ihr Leben aufs Spiel gesetzt: Doch nicht für Bakterien, sondern für Menschen!“

Die Liste der Preise, Orden und Ehrungen, die Dr. Ruth Pfau erhalten hat, ist lang: Unter anderem ist der „Engel von Karachi“ Ehrenbürgerin Pakistans. Obwohl sie Bewundernswertes erreicht hat, ist sie frei von Allüren geblieben, weiß Harald Meyer-Porzky von der Ruth-Pfau-Stiftung: „Sie überzeugt Menschen, indem sie vormacht, wie man helfen kann. Wenn ihr Leute sagen, was nützt das denn, das ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, nimmt sie einen Patienten in den Arm und sagt: Und wenn ich nur dieser einen Person geholfen hätte, wäre das nicht schon genug?“

Als sie Anfang Mai den Klaus Hemmerle-Preis 2014#1)# erhält, empfindet sie nach einem halben Jahrhundert Dienst an den Ärmsten Pakistans das festliche Ambiente im Aachener Dom als starken Kontrast: „Als ich hereinkam, habe ich zuerst gedacht: Das ist das fremdeste Bild der Kirche, mit dem du bisher konfrontiert worden bist. So eine Kirche kenne ich nicht.“ Die Musik, die anwesenden Menschen, von denen sie gern jeden persönlich kennenlernen würde, hätten sie ‚zurückgebracht’. „Wenn ich heute diese Kirche nicht genieße, wird es davon in Karachi auch nicht besser“, bemerkt sie mit entwaffnendem Realitätssinn.

Auf der Preisplakette prangt ein Wort des 1994 verstorbenen Aachener Bischofs Klaus Hemmerle: ‚Wir sind Brückenwesen, ausgespannt von der Unendlichkeit bis in den Staub. Nur in dieser Spannung sind wir Menschen.’ „Das Wort ist sehr schön“, kommentiert die 84-Jährige. „Nur so können wir uns helfen, Menschen zu sein und zu bleiben.“ Aber sie legt auch den Finger in eine aktuelle Wunde, die ihr hierzulande aufgefallen ist: „Wie wenig Zeit die Pflegekräfte hier bekommen, sich um den Menschen zu kümmern! Ich habe immer gedacht: Was wir in Pakistan an Zeit verschwenden! Aber heute sehe ich: Das wäre alles nicht geworden, wenn wir nicht diese Zeit verschwendet hätten.“
Clemens Behr, Dietlinde Assmus

www.ruth-pfau-stiftung.de
www.dahw.de

1) Der Klaus Hemmerle-Preis wird von der Fokolar-Bewegung verliehen. Sie ehrt damit Persönlichkeiten, die als „Brückenbauer“ den Dialog zwischen den Kirchen, Religionen und Weltanschauungen fördern. Der undotierte Preis wird alle zwei Jahre im Gedenken an das geistige Vermächtnis des Aachener Bischofs Klaus Hemmerle (1929-1994) vergeben.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September 2014)
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