Damit nichts verloren geht

Die auf unserer Erde vorhandenen Rohstoffe sind knapp. Nach „Urban Mining“ sind jedoch auch unsere Städte riesige „Rohstoffminen“. Dort liegen in Gebäuden und Infrastruktur wertvolle Rohstoffe auf Halde. Wie sie wieder in den Kreislauf zurückfließen können, erklärt Loredana Pacello, Gründungsmitglied des Urban-Mining-Vereins.

Frau Pacello, „Urban Mining“ ist kein sehr geläufiger Begriff. Wenn man es übersetzt, könnte man vermuten, dass es dabei um Minen und Rohstoffe geht. Aber in Städten?
PACELLO: Ja, es stimmt, „Urban Mining“ heißt wörtlich übersetzt: Bergbau im städtischen Bereich. Und es geht tatsächlich um Rohstoffe, und zwar um jene, die in Städten „eingelagert“ sind – in den Gebäuden, der Technik, der Infrastruktur, den Haushalten. So gesehen sind unsere Städte riesige Lagerstätten, Minen, in denen wertvolle Rohstoffe auf Halde liegen. Es geht darum, diese Rohstoffe zu identifizieren, zu erfassen und sie durch die verschiedenen Methoden der Rückgewinnung nach ihrer Nutzung wieder in den Rohstoffkreislauf einzubringen.
„Urban Mining“ umfasst aber nicht nur die bereits vorhandenen und verbauten Rohstoffe – also die Verwertung von Schrott, Metallen, Bauschutt, Glas, Papier, Kunststoffen und anderem. Man möchte im Blick auf die Zukunft auch die Produktion und Verarbeitung von Konsumgütern so gestalten, dass die dazu verwendeten Rohstoffe nach dem Nutzungsende problemlos wieder in den Rohstoffkreislauf einfließen können.
Alles hat ja einen Lebenszyklus. Und der Grundgedanke von „Urban Mining“ ist, von der Entstehung bis zum Ende der Nutzung einen geschlossenen Kreislauf zu schaffen. Und das in jedem denkbaren Bereich. Wenn ich heute etwa ein Haus baue, wäre die Frage: Wie müssen die Stoffe beschaffen sein, wie müssen sie miteinander verbunden sein oder wie dürfen sie nicht verbunden sein, damit sie auch für ein weiteres Haus passen, wenn dieses wieder abgerissen wird?

Es geht also um Wiederverwendung in möglichst umfassendem Sinn?
PACELLO: Ja. Es geht darum, schon Vorhandenes so wiederzuverwenden, dass möglichst wenig von den Rohstoffen verloren geht.
Das geschieht heute vor allem durch das Recyceln vieler Materialien. Dabei werden durch unterschiedliche Verfahren wieder Rohstoffe gewonnen.
Ein weiterer Ansatz, der in die Zukunft gerichtet ist, ist die Wiedernutzbarmachung: Produkte sollen so entwickelt werden, dass sie am Nutzungsende wieder in den Kreislauf zurückkehren. Im Idealfall werden Recyclingtechnologien dann immer entbehrlicher.
Wir haben uns ja sozusagen daran gewöhnt, dass alles unbegrenzt zur Verfügung steht, auch wenn das tatsächlich nicht der Fall ist. Erst bei einigen wenigen Produkten fangen wir an, umzudenken. Beim Erdöl etwa, bei dem die Ressourcen bald erschöpft sind und das für so vieles gebraucht wird, fängt man an, sich Gedanken zu machen, wie man es ersetzen oder sparsamer nutzen kann. Und das gilt auch für immer mehr andere Ressourcen wie Gold, Silber, Kupfer …

Das hört sich sehr aufwendig an.
PACELLO: Aufwendig? Es geht um unsere Verantwortung für die Zukunft, darum dass wir nicht nur für unser eigenes Dasein denken. Also beim Hausbau: Sollten die Urenkel das Haus abreißen müssen, dann sollten sie die Materialien bestmöglich wieder benutzen können. Es geht um die Verantwortung für die nächsten Generationen, nicht nur theoretisch erdacht, sondern auch praktisch umgesetzt.
Optimal umgesetzt sehen wir „Urban Mining“ in der Natur: Sie produziert nichts, was Abfall ist. Alles ist Zwischenstufe für ein nächstes Produkt.
Wenn wir hingegen Dinge entsorgen, entsteht Abfall – und zwar oft gar nicht wenig. Darin sind aber noch sehr wertvolle Rohstoffe enthalten und wir müssen neue Konzepte erarbeiten und sie in die Wirtschaft integrieren. Denn es geht nicht nur darum, das Bewusstsein bei den Menschen zu wecken, sondern auch darum, einen Weg zu finden, dieses in einen industrialisierten Standard zu überführen. Es gibt schon Vieles, was in einzelnen Teilbereichen funktioniert, aber das Ziel von „Urban Mining“ ist, dass ein alle Bereiche umfassendes Konzept entsteht, ein geschlossener Kreislauf.

Also sozusagen ein optimales Recycling?
PACELLO: Nicht nur. Nehmen Sie ein Marmeladenglas – wenn es leer ist, kann man es wieder verwenden und mit neuer Marmelade füllen. Oft wird es aber weggeschmissen und der Wiederverwertung zugeführt; manchmal weil es kaputt ist, aber oft auch einfach, weil wir es nicht brauchen und schnell ein anderes besorgen können. Da geht es um Umdenken – weil wir lernen könnten, es wiederzuverwenden – und auch um neue Technologien, denn wir könnten in Zukunft auch ein Glas herstellen, das nicht so schnell kaputt geht.
Im Elektronikbereich etwa liegt die Lebensdauer von Geräten oft nur bei zwei bis drei Jahren. Und es wird sehr viel Energie darauf verwendet, dieses Gerät herzustellen, es dorthin zu bringen, wo man es kaufen kann, dann fährt man hin und holt es ab. Aber bis heute schaffen wir es nicht, aus den Stoffen des alten Geräts wieder ein Neues zu machen. Optimal wäre: Ich gebe mein Gerät zurück, bekomme eine Art Pfand dafür, weil die Rohstoffe wieder gewonnen werden, um ein neues herzustellen und kaufe mir ersatzweise ein anderes. So würde nichts verloren gehen.

Das kann man sich bei Alltagsgegenständen noch einigermaßen vorstellen, aber bei Häusern, Fabriken, Brücken?
PACELLO: Und dennoch geht es und rechnet sich sogar. Das kann ich aus eigener Erfahrung im Betrieb belegen. Stahlträger sind wiederverwendbar, auch Ziegel, Dachträger, Fenster. In Norddeutschland funktioniert „das Bauteilnetz“ 1) schon sehr gut, eine Art Börse, über die „alte“ Bauteile erworben werden können.
Allerdings stimmt es, dass wir auf diesem Gebiet noch vieles entwickeln müssen: Hier sind Statiker, Architekten, Städteplaner, Anlagenbauer und Produktentwickler gefragt.

Wie verbreitet ist dieses Denken?
PACELLO: Kaum. Vielleicht haben wir noch zu viel Geld. Nach dem Krieg etwa konnten die Menschen nicht einfach in den nächsten Laden oder Baumarkt gehen. Deshalb haben sie sich Gedanken gemacht, wie man Dinge wiederverwenden kann. In einer Gesellschaft, in der diese Notwenigkeit nicht mehr besteht, ist es also eher ein Problem auf mentaler Ebene: Wir brauchen wieder ein Bewusstsein dafür, dass Rohstoffe nicht selbstverständlich sind.
In Politik und Wirtschaft sollte man konkrete Konzepte erarbeiten und nicht abwarten, wie es in 20 Jahren sein wird. In der Wirtschaft hat man Angst, dass in der Produktion sehr viele Mehrkosten entstehen und das Produkt dann nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Aber am Anfang waren auch Handys sehr teuer. So ist es mit allen Optimierungsprozessen.

Sind wir also zu reich und zu kurzsichtig?
PACELLO: Wir sind eine Wegwerfgesellschaft! Reichtum muss kein Nachteil sein. Er kann auch die Option sein, etwas schneller und einfacher umzusetzen. Früher konnte man die Dinge lange nutzen, jetzt braucht man nach zwei Jahren etwas Neues. Unsere Marktwirtschaft ist darauf ausgerichtet, Umsatz auf diese Art zu generieren. Dadurch haben wir auch den Respekt vor den Dingen verloren.
Wenn der geschlossene Kreislauf vorhanden wäre, wäre es nicht schlimm, wenn ich etwas wegwerfe. Letztendlich würden wir nichts verlieren. Es geht nicht darum, nichts mehr zu verbrauchen, sondern in geschlossenen Kreisläufen zu denken.

Was kann „Urban Mining“ erreichen?
PACELLO: „Urban Mining“ verringert die Abhängigkeit von steigenden Rohstoffpreisen und Importen. Wir sprechen oft davon, dass wir Waren importieren, aber im Grund sind es teure, knappe Rohstoffe.
Entsorgungsunternehmen ersparen der deutschen Volkswirtschaft durch das  Recycling schon heute einige Milliarden Euro. Im Fall von Kupfer werden Schätzungen zufolge derzeit weltweit circa 300 Millionen Tonnen genutzt. Die Reserven an Kupfer betragen etwa 490 Millionen Tonnen. Somit sind jene Bestände, die in Infrastruktur, Bauwerken und Produkten enthalten sind, den natürlichen Reserven ebenbürtig.
Das stellt für die industrielle Produktion einen enormen Wert dar, weil man auf diese Rohstoffe angewiesen ist. Bisher können wir unseren Bedarf fast nur aus Importen decken und sind deshalb nicht nur von den Preisen abhängig, sondern auch vom guten Willen der Exportländer.
„Urban Mining“ mindert außerdem die Umweltbelastungen. Das Recycling unterschiedlicher Abfälle sparte seit 1990 über 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid ein, rund ein Viertel dessen, was ganz Deutschland insgesamt seither an Treibhausgasen eingespart hat. Der intelligente Umgang mit Rohstoffen ermöglicht auch Menschen in weniger entwickelten Regionen der Welt, den Lebensstandard nachhaltig zu verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Gabi Ballweg

Loredana Pacello,
33, Waldkraiburg, ist Inhaberin eines Abbruchunternehmens.
Frau Pacello war im März 2011 eines von sieben Gründungsmitgliedern von URBAN MINING e.V. Der Verein fördert nachhaltige Ideen, Konzepte und Strategien für die Kreislauf- und Umweltwirtschaft. Er versteht sich als Ideenfabrik, die ganz konkret auf Umsetzung und Anwendung ausgerichtet ist. Dabei sollen keine Einzellösungen entstehen, sondern diese vernetzt und miteinander verbunden werden.
Besonders wichtig sind alle Aspekte der Rohstoffrückgewinnung und der bewusste Umgang mit den natürlichen Rohstoffen der Erde. Diese Ziele fördert der Verein mit der Veranstaltung von Kongressen, Seminaren, Messen und Workshops. Außerdem verleiht der Verein jährlich die URBAN MINING Awards an diesen Zielen verpflichtete Persönlichkeiten.

www.urban-mining.com

1) www.bauteilnetz.de

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2015)
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