Eltern wissen, was für sie richtig ist!

Fernsehsendungen, Vorträge, Apps und Ratgeber – überall können Eltern Hinweise und Ratschläge zu Erziehungsfragen finden. Je mehr davon auf sie einprasseln, umso mehr scheinen sie von der Unsicherheit geplagt, ob sie auch wirklich alles richtig machen. Pädagogikprofessorin Sigrid Tschöpe-Scheffler erklärt, warum das so ist und ermutigt Eltern, mehr auf die eigene Intuition zu vertrauen.

Frau Tschöpe-Scheffler, Eltern wollen es bei der Erziehung ihrer Kinder besonders gut machen und sind dabei ständig unsicher, ob sie auch alles richtig machen. Ist das neu oder kennt das nicht jede Elterngeneration?
TSCHÖPE-SCHEFFLER:
So, wie wir das in den letzten Jahren wahrnehmen, war es noch in keiner Generation. Gerade die Mittelschicht ist sehr bestrebt, für ihre Kinder mehr zu erreichen oder zumindest das bürgerliche Milieu zu halten. Deshalb informieren die Eltern sich, lesen viel und vertrauen dabei immer weniger auf das, was man mit Hausverstand, Bauchgefühl oder Intuition bezeichnet. Das war bei Eltern früherer Generationen anders. Bei ihnen war das Kind nicht der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Da liefen die Kinder mit, man hatte mehrere und die haben sich wechselseitig erzogen. Eltern konnten auch sagen, welche Bedürfnisse und Erwartungen sie haben; das trauen sich Eltern der Mittelschicht heute fast gar nicht mehr.
Die gesellschaftliche Veränderung der letzten 30 Jahre – Globalisierung, Pluralisierung, Flexibilisierung von Arbeitszeit und Lebensverhältnissen – kam schleichend und hat zu einem tiefgreifenden Wandel auch in den Familien geführt. Jetzt merken wir es sehr und sehen es an der geschwächten Erziehungskompetenz der Eltern, an den Belastungen, dem eingeschränkten Vertrauen, dem steigenden Druck, den Eltern haben. Sie wollen alles richtig machen.

Und was ist das Richtige?
TSCHÖPE-SCHEFFLER:
Es gibt nicht die richtige Erziehung! Wir orientieren uns an der Situation der Eltern, ihrer Persönlichkeit und der des Kindes. Das sind sehr individuelle Lebenszusammenhänge und da gibt es keine Patentrezepte.
Es gibt jedoch sieben Säulen, an denen man sich orientieren kann. Die wurden schon von den klassischen Pädagogen benannt, und Eltern, die sich auf ihre Intuition verlassen, würden die auch nennen – sofern sie ihre Intuition mit dem Verstand kombinieren.
Ich habe sie auch in einem Buch (Kasten) so aufgegriffen und zusammengefasst: Da ist die Liebe zum Kind. Heute haben wir oft eine Selbstliebe: Ich brauche das Kind, um nicht einsam zu sein, um konkurrieren zu können oder  zur Selbstdarstellung und nenne das dann Liebe. In Anlehnung an den Schweizer Pädagogen Pestalozzi geht es hingegen um eine wahrnehmende, sehende Liebe: erkennen, was das Kind braucht, und es nicht zum Erfüller meiner Bedürfnisse machen.
Dann Achtung, die Fremdheit, Anderssein wahrnimmt. Das bedeutet auch wertschätzen, zutrauen und ermutigen.
Kooperation meint das wechselseitige Verstehen, das Miteinander von Eltern und Kind.
Auch Struktur ist wichtig und bedeutet nicht nur Grenzen zu setzen, sondern auch Klarheit, Transparenz, geregelte, verlässliche Abläufe.
Förderung meint: Ich nehme wahr, was du brauchst und unterstütze dich, ohne dabei einseitig, zu viel oder zu wenig zu fördern.
Spiritualität: sich eingebunden zu wissen in ein kosmisches Urvertrauen, in eine Beziehung zum Göttlichen, also der Sinn dafür, dass es noch mehr gibt, als das, was wir Menschen schaffen, wissen oder machen.
Eine weitere Säule ist Gemeinschaft – im Gegensatz zu Isolation: sich unterstützen und helfen lassen, nicht nur durch Eltern oder Großeltern, sondern auch durch Freundeskreise, Nachbarschaftsgruppen und andere.

Das hört sich nach einem sehr komplexen Geschehen an.
TSCHÖPE-SCHEFFLER:
Das ist es auch. Deshalb kann ich auch scheitern, Fehler machen. Dann muss ich wissen, wie ich damit umgehen, wo ich mir Hilfe holen und Unterstützung bekommen kann. Dabei müssten auch Kindertageseinrichtungen, Familienzentren, Familienbildungsstätten, Schulen wieder Einbindung, Beheimatung und Aufgehobensein ermöglichen. Also all das, was Menschen in dieser gesellschaftlichen Strukturveränderung so oft verloren gegangen ist.

Muss man also Ersatz für die früheren Großfamilien schaffen?
TSCHÖPE-SCHEFFLER:
So würde ich das tatsächlich verstehen. Orte, Räume, Nachbarschaftskontakte und auch Institutionen, die Familien unterstützen, ihnen Wahlheimaten bieten. Dort, wo die biologische Familie unsicher oder nicht präsent genug ist, als soziale Familie stärker zusammenrücken.
Dabei sehe ich Kindertageseinrichtungen und Familienzentren als wichtige Knotenpunkte, in denen die Fachkraft Begegnungs- und Bildungsräume ermöglicht und sich dann zurückzieht, weil Freundschaften geschlossen werden, Unterstützung untereinander stattfindet, auch über kulturelle Grenzen und soziale Milieus hinweg. Idealerweise profitieren alle wechselseitig von den Netzwerken: Die bildungsgewohnte Mutter erfährt, dass sie nicht ständig nur leistungs- und konkurrenzorientiert sein muss, und die aus einem anderen Milieu, dass sie Unterstützung bekommt, aber selbst auch etwas einbringen kann und mit ihren Fähigkeiten willkommen ist.
Eine Studie fragte, was Menschen brauchen, um aufzublühen, und zeigte, dass sie da aufblühen, wo sie selbst etwas geben. Eine solche Kultur des Gebens und Nehmens war früher üblich und man findet sie auch heute noch, nicht nur im Dorf, sondern auch im 20. Stock eines Hochhauses in Köln. Die Frage ist, wie man sie dort, wo es nicht so ist, anregen kann. Da geht es um Haltungen, Einstellungen.

Aber meinen Eltern nicht trotzdem, sie müssten Erziehung allein geregelt bekommen?
TSCHÖPE-SCHEFFLER:
Auch diese Eltern kommen irgendwann an ihre Grenzen. Spätestens wenn sie merken, das ihr Kind nicht so zu steuern ist, wie ihr Job. Da können Angebote hilfreich sein. Im Elternkurs „Starke Eltern – starke Kinder“ etwa lernen Eltern sich zu hinterfragen: „Welche Werte sind mir wichtig? Was wollen wir in unserer Familie? Was bedeutet Spielen in der Entwicklung des Kindes?“ Bei Elternkompetenz geht es erst einmal um die Eltern. Dann erst kommen die kindbezogenen Fragen und Fähigkeiten, also das Wissen über Entwicklungen. Und dann die kontextbezogene Kompetenzen – was in welcher Situation angebracht ist. Krisen gibt es in jeder Familie, auch wenn es von außen anders aussieht; und sie sind gute Lehrmeister. Keiner kann dabei die Antwort vorgeben, die müssen und können die Mutter, der Vater selbst finden, für ihre Situation, für ihr Kind.
Ein bekanntes Beispiel: Das Kind will nicht schlafen. Dürfen die Eltern es mit ins Ehebett nehmen? Die Schwiegermutter sagt das, der andere das. Und dann zu fragen: „Ist das für euch beide richtig, auch als Paar? Dann hört nicht auf das, was die Umwelt sagt; macht das, was ihr als gut empfindet!“ Für die eine Familie passt es, für viele andere nicht. Da müssen Begleiter und Begleiterinnen gut hinhören, wahrnehmen und nicht eine Antwort für alle parat haben. Experten glauben oft, sie müssten schnell die richtigen Antworten geben.

Ist das nicht auch für die Eltern oft bequemer?
TSCHÖPE-SCHEFFLER:
Eltern wissen, was für sie richtig ist. Wenn wir alles andere beiseite räumen – die Ratschläge der Ratgeberliteratur und der pädagogischen Einmischer – dann sagen Eltern plötzlich: „Ich würde es ja so machen, aber ich trau mich nicht!“ Nur Mut, probiert es aus. Wenn’s dann falsch ist, geht das Kind nicht zu Grunde und du kannst dich entschuldigen. Das können Kinder verkraften. Die Angst davor, etwas falsch zu machen, ist riesig.

Auch die, etwas zu verpassen, dem Kind Möglichkeiten zu verbauen?
TSCHÖPE-SCHEFFLER:
Sicher. Das fängt schon pränatal an. Schon da muss man sich gegen alle möglichen Einflüsterungen von außen zur Wehr setzen.
Wir leben in einer Eventgesellschaft, wo wir immer nur zufrieden sein sollen – und glücklich. Scheitern wird oft gar nicht eingeübt. Der Umgang mit Tod, Krankheit, Verlust gehört auch in eine Familie, in jede Familie.
Das alles hat auch mit der Säkularisierung zu tun. Der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter sprach vom Gotteskomplex des Menschen. Ein Mensch, der alles machen will, ist auf dem Weg, immer perfekter zu werden, und kommt irgendwann an seine Grenzen. Ein Mensch, der einen Gott oder ein Grundvertrauen ins Leben hat, der muss nicht alles selber machen und kann auch loslassen. Das wäre ein wichtiges Element für Erziehung, zu wissen: Ich kann und muss nicht alles selber machen!
Vor Kurzem erzählte ein Vater bei einer Veranstaltung: „Mein Kind geht nicht aus dem Haus, ohne dass ich ihm ein Kreuzzeichen auf die Stirn gemacht habe. Dann werden andere Kräfte für mein Kind sorgen.“ Da ging ein Aufatmen durch den Raum mit etwa 50 jungen Eltern, so was wie eine Ahnung: „Ja, so könnte es sein. Dann müssen wir nicht immer kontrollieren, uns sorgen. Wir dürfen dann auch loslassen in eine andere, eine behütende Welt! Ja, wenn wir es könnten, wäre das schön!“ Nicht alle können das. Aber wir können es versuchen. Und das wäre sehr befreiend – für die Eltern und für die Kinder!

Vielen Dank für das Gespräch
Gabi Ballweg

Sigrid Tschöpe-Scheffler,
1951, ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Köln. Im Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene liegt ihr Schwerpunkt im Bereich „ Familienbildung“ und „ Erziehungskompetenz stärken“. Dabei liegen ihr auch Fragen der interkulturellen Bildung, der Bedeutung von Spiritualität in familiären Kontexten und die Haltung von Erziehenden besonders am Herzen.
Weiterführende Bücher von ihr: „ Fünf Säulen der Erziehung. Wege zu einem entwicklungsfördernden Miteinander von Erwachsenen und Kindern“ und „ Große Kraft in kleinen Dingen. Spiritualität im Zusammenleben mit Kindern“.

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2016)
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