Ein Sack voll Gas

Mit einfachen Mitteln will eine Agraringenieurin Biogas im ländlichen Afrika hoffähig machen.

Biogas-Rucksäcke können Frauen in Afrika die tägliche Arbeit erleichtern. Sie sparen mehrere Stunden Zeit, die sonst die Suche nach dem schwereren Brennholz in Anspruch nimmt, oder Geld, um es zu kaufen.
Die Transportmittel – aufblasbare, überdimensionale Kissen – hat die Agraringenieurin Karin Pütz aus dem Westerwald während ihres Studiums an der Uni Hohenheim entwickelt. Sie sind Teil eines Konzepts, mit dem die 34-Jährige die Energieversorgung in Afrika verbessern und der Bevölkerung weitere Vorteile verschaffen will.
Es beginnt damit, dass Landwirte Kuhdung und Haushaltsabfälle zu dem Betreiber einer einfachen Biogasanlage bringen können, der sie dafür bezahlt. Dort wird der Mist mit Wasser versetzt und zur Gärung in einen dichten Kunststoffsack geleitet, der in einem Treibhaus liegt. Eine Infrastruktur mit Gasleitungen ist nicht nötig: Die Kundin kommt mit ihrem Biogas-Rucksack und lässt ihn in drei bis zehn Minuten gegen Bezahlung befüllen. Die Rucksäcke aus mehrlagigem Kunststoff wiegen voll wie leer drei bis vier Kilo und fassen 1,2 Kubikmeter unkomprimiertes Gas. Das reicht für mehrere Stunden und deckt etwa den Tagesbedarf einer Familie. Holz würde dreimal so viel kosten. Der Gärrest ist wertvoller Dünger, den der Betreiber ebenfalls verkaufen kann.
Zu Hause stellen die Frauen den Rucksack außen an der Hüttenwand ab und schließen einen Schlauch an, der zum Kocher hineinführt. Auf den Sack gelegte Bretter oder Steine sorgen für den nötigen Druck, um das Gas weiterzuleiten. Ein eigens entwickelter Ofenaufsatz erhöht die Effizienz. Bei offenen Holzfeuerstellen wird nur ein Bruchteil der Energie in Kochhitze umgesetzt.
Das Konzept macht den Bewohnern Biogas mit einfachen Mitteln zugänglich. Diese Energieform schont nicht nur den teilweise ohnehin schon kargen Baumbestand, sie ist auch völlig rauchfrei. Dagegen führt das Kochen mit Holz in den Hütten häufig zu brennenden Augen und Lungenkrankheiten. Auch Lampen können mit Biogas betrieben werden.
Karin Pütz hat die kleine Firma „(B)energy“ gegründet, die die Rucksäcke in Äthiopien herstellt und vertreibt: ein „Social Business“, weil sie keinen Gewinn machen will. Das Konzept soll Afrikaner animieren, sich mit dem Verkauf von Biogas günstig eine eigene Existenzgrundlage zu schaffen. Nachdem das Pilotprojekt in Äthiopien gut angenommen wurde, gibt es jetzt schon zwei weitere Anlagen in dem ostafrikanischen Land, andere in Kenia und der Demokratischen Republik Kongo. Das Interesse an dem patentierten Rucksack und dem „Biogas to go“ wächst auch in anderen Erdteilen.
Clemens Behr

www.be-nrg.com

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2016)
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