Rechthaberei

„ Jeder will recht haben und recht behalten. Selbst dann noch, wenn ich mir sicher bin, dass der andere sich irrt, und ich es ihm auch zu erklären versucht habe. Was steckt hinter dem Bedürfnis, recht haben zu wollen?  Wie am besten reagieren: gegenüber dem, der meint, er liege richtig? … oder wenn ich das von mir denke und ein anderer mich korrigieren will?“

Ulrich Busch
Diplom-Psychologe aus Diez an der Lahn
Recht behalten möchte man vor allem, wenn es um Wichtiges geht. Die eigene – für richtig gehaltene – Position trifft in einem Gespräch auf eine oder mehrere andere Haltungen. Möglichst überzeugende Argumente anführen geht einher mit dem Rückgriff auf vermeintliche Experten und andere Referenzquellen, um die Gegenseite zu überzeugen, besonders, wenn sie auf ihrem Standpunkt bleibt. Spätestens an dieser Stelle kann es anstrengend werden: Der Gesprächspartner wird zum „Rechthaber“, was zu Genervtsein und wachsendem Ärger führt.
Was tun, wenn man selbst nicht von seiner Meinung abrücken kann oder will? Es hilft, den anderen aus einer wohlwollenden Perspektive anzusehen, Interesse an ihm oder sogar seiner Position zu zeigen. Ein „ich kann deine Meinung nicht teilen UND ich mag dich als Person“ kann schon für ein kleines Wunder sorgen; gerade das „und“ verquickt die zwei vermeintlich gegensätzlichen Inhalte wunderbar miteinander. Oft hilft es, die Worte des anderen zu wiederholen und nachzufragen, ob man das richtig verstanden hat. Wenn der Rechthaber gar nicht aufhören will, seine Meinung zu vertreten, sollte man sich nicht scheuen, mit allem gebotenen Respekt das Gespräch zu beenden oder das Thema zu wechseln.

Dorothee Wanzek
Journalistin in Leipzig, Ehefrau, 4 Pflegekinder

Wem gehört eigentlich diese Fußball-Sammelkarte? Und wer ist schuld daran, dass sie jetzt zerrissen auf dem Fußboden liegt? Der Streit ist eskaliert. Verletzt, empört reden die Kinder gleichzeitig auf mich ein. Jeder will, dass ich ihm gerecht werde, dass ich ihm recht gebe. Jetzt ist Zuhören gefragt.
Die Fußballkarte ist ein austauschbarer Anlass. Eigentlich geht es darum, Gehör zu finden, verstanden zu werden mit der von alten Erfahrungen geprägten eigenen Wahrheit, angenommen zu sein. Wenn jeder Luft ablassen konnte, findet im besten Fall auch meine Erfahrung Gehör: Fast immer besitzt jeder einen Teil der Wahrheit. Nur wer die Wahrheit des anderen versteht und mit seiner eigenen Wahrheit Verständnis findet, stößt vor zur vollen Wahrheit und Gerechtigkeit, den Grundlagen für dauerhaften Frieden.
Auch mir fällt es oft schwer, von der Verteidigung meines vermeintlichen Rechts abzulassen, besonders meinem Ehemann gegenüber. Zuweilen hilft mir dann ein Blick nach vorn und damit auf die Frage, was mir in meinem Leben das Wichtigste ist. Wenn ich die Bibel recht verstehe, erwartet uns beim Jüngsten Gericht keine Generalabrechnung in Sachen „recht haben“. Was dann zählen wird, ist unsere Liebe.

Udo Stenz
Katholischer Pfarrer in Ludwigshafen
Wer es nicht schafft, einen anderen davon zu überzeugen, dass er falsch liegt, ist in guter Gesellschaft: Gott geht es mit uns von Anfang an so! Von Adam und Eva über Lot und Salomo bis hin zu den Pharisäern erzählt uns die Bibel von Menschen, die sich von Gott nicht überzeugen lassen. Seine Reaktion: nicht Überrumpelung oder Abwendung, sondern Geduld und Barmherzigkeit, Bereitschaft zu Beziehung und Neuanfang.

Gott hat recht, ist aber nicht rechthaberisch. Das sehen wir in Jesus, der am Kreuz scheinbar auf jedes Rechthaben verzichtet. Im Gericht vor Pilatus unterliegt er, aber dann bekommt er recht von Ostern her in der Zusage der Treue und Barmherzigkeit Gottes, die über das Gericht triumphiert 1. In dieser Zusage stehen auch wir in den menschlichen Beziehungen des Alltags. Freilich sind wir nicht Gott, sondern, selbst wenn wir recht haben, ebenso unvollendet wie die anderen. Dennoch: Wie Gott wollen wir für das Richtige eintreten, müssen es aber nicht um jeden Preis durchsetzen. Wie Gott sollten auch wir der Beziehung den Vorrang geben. Das kriegen wir nicht immer hin; doch es gilt, Geduld und Barmherzigkeit nicht zu verlieren. Wenigstens nicht ganz und auf Dauer.

1 Vgl. Jakobus 2,13

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2017)
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