Die Welt – ein besserer Ort!

Warum eine Schweizer Jugendliche sich politisch engagiert und Demokratie nicht selbstverständlich findet.

Noemi Ganarin,
20, beginnt im September ihr Studium in St. Gallen. „Internationale Beziehungen“ hat sie auch deshalb gewählt, weil sie sich für Politik interessiert. Schon während ihrer Schulzeit hat sie sich fünf Jahre im Jugendrat ihrer Heimatgemeinde engagiert, drei davon als Präsidentin. Der Jugendrat ist eine politische Plattform für Jugendliche, durch die wir eine Stimme haben, Aktionen durchführen und politisch wahrgenommen werden. Mich da zu engagieren, fand ich sinnvoll, weil wir Dinge verändern und beeinflussen konnten. Abgesehen davon, dass es mir Spaß machte zu diskutieren, neue Leute zu treffen, Herausforderungen anzunehmen und Anlässe zu organisieren. Und ich will einfach gern mitreden bei der Gestaltung meiner Zukunft.
Oft hörte ich (und höre immer noch) viel Gejammer und danach den Satz: „Aber da kann man halt nichts machen…“ – Nein! Wenn mir etwas nicht passt, dann habe ich die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, mich dafür einzusetzen, dass sich die Situation ändert. Sonst hat man auch nicht das Recht, sich zu beschweren.
Für mich war die christliche Nächstenliebe ein Orientierungspunkt. In den Debatten konnte es manchmal hart zu- und hergehen. Da versuchte ich, immer den Respekt für Andersdenkende zu bewahren, sie ausreden zu lassen, ihnen zuzuhören, und meine Meinung sachlich und ohne andere schlecht zu machen, auszudrücken.
Meine Freunde reagierten eigentlich sehr positiv. Klar gab es hier und da einen Spruch oder Witz, zum Beispiel, dass ich viel und engagiert rede; aber es war nie angriffig gemeint. Oft wurde mein Engagement zwar gebilligt, aber es hat selten dazu beigetragen, die passive Haltung meines Gegenübers zu ändern. Viele Worte, langwierig und träge, mit viel Aufwand verbundene kleine Resultate – das verbinden junge Leute häufig mit Politik. Somit wirkt das Engagement anstrengend, langweilig und unattraktiv.
Bei den Witzen lachte ich, bei gelangweilten Mienen wog ich ab. Ich habe (durch mehrere negative Erfahrungen) gelernt, dass passive Einstellungen sich oft nur in Genervtheit verwandeln, wenn man zu viel redet. Viel besser läuft es, wenn man sagt: „Ich verstehe dich total, geht mir oft auch so. Was würdest du denn ändern?“ Und danach abwarten, zuhören, weiter fragen. Es bringt nichts, sich in Stereotypen zu flüchten und zu denken: typisch. Man muss die Äußerungen ernst nehmen und die (jungen) Leute spüren lassen, dass sie gehört werden und wichtig sind. Auch in unbedeutenden Gesprächen im Freundeskreis. Sonst ändert sich das nie.
Ich denke, ich werde mich auch zukünftig politisch engagieren. Mit dem Jugendparlament St. Gallen (wo ich bald studiere) habe ich schon Kontakt aufgenommen und werde mich dort bis auf Weiteres einsetzen. Weil ich das wirklich gern mache. Und es ist eine Erfahrung, die in vielen Lebensbereichen dienlich ist und mich als Person bereichert. Aber vor allem möchte ich das Glück, in der Schweiz mit ihrem fantastischen politischen System geboren worden zu sein, nicht verschwenden, sondern wirklich meine Möglichkeiten nutzen, gehört zu werden, mitzuwirken, Menschen, Tieren und Umwelt zu helfen, Werte zu bewahren und gleichzeitig neu zu formen. Demokratische Entscheide sind oft mühsam. Politik ist oft langweilig. Aber eine Demokratie ist einfach ein Geschenk. Ein Geschenk an die Menschheit, das jedoch nicht von der gesamten Menschheit besessen wird. Und wenn wir das Geschenk nicht auspacken, wer dann?
Wenn mich jemand fragt, warum ich mich engagiere? Weil ich an Gott glaube und möchte, dass die Welt ein besserer Ort wird. Und dass das auch durch mein Leben passiert. Es kommt nicht drauf an, ob es nur ein ganz kleines bisschen besser oder viel besser wurde, aber sie sollte besser sein, weil ich gelebt habe.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2017)
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