Offen und großzügig

Offener Brief an Yoweri Museveni

Sehr geehrter Herr Museveni,

verglichen mit europäischen Staaten ist Ihr Land arm. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner beträgt 700 US-Dollar; Deutschland und Österreich kommen auf über 40 000, die Schweiz auf fast 80 000 Dollar. Dennoch weist Uganda die Flüchtlinge nicht ab, die aus dem hunger- und bürgerkriegsgebeutelten Südsudan oder anderen Nachbarländern kommen. 1,3 Millionen Menschen hat Uganda schon aufgenommen. Täglich überschreiten zwischen hundert und tausend Neuankömmlinge die Grenzen; 8 000 waren es an manchen Tagen. Oft blieb ihnen nach tagelangen Fußmärschen nichts als die Kleider am Leib. Wie Sie und Ihre Landsleute mit ihnen umgehen, lässt aufhorchen: Nach der Registrierung durch das UN-Flüchtlingshilfswerk müssen sie für gewöhnlich nur wenige Tage in den Erstaufnahmelagern bleiben. Dann bekommen Familien ein 30 mal 30 Meter großes Stück Land, das sie bewirtschaften und wo sie sich eine Hütte bauen können. Sie dürfen sich frei bewegen, bekommen monatlich Lebensmittelrationen, eine Arbeitserlaubnis und ein Bleiberecht für immer!

Dagegen sieht die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union „alt“ aus. Die Staatengemeinschaft von 500 Millionen Menschen hat viele Ressourcen, ist sich aber uneins, wie sie den Flüchtlingen begegnen will. Mittlerweile sind Tausende auf der Überfahrt im Mittelmeer ertrunken; Hunderttausende machen, gefangen in libyschen Lagern, die Hölle durch. Einig ist man sich, dass die Fluchtursachen in den Ursprungsländern bekämpft werden sollen. Aber wie? Und wie lange wird es dauern, bis die Maßnahmen greifen? Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Genauer betrachtet, ist Ihr Staat nicht so uneigennützig, wie es zunächst scheint. Es sind die UN, EU-Länder, Hilfswerke, private Spender, die Ihre Hilfsbereitschaft mitfinanzieren. Das ermöglicht die Entwicklung strukturschwacher Regionen. Hilfsorganisationen rekrutieren vor Ort Tausende Mitarbeiter und bringen sie so in Lohn und Brot. Straßen entstehen, kleine Städte wachsen, werden lokale Handelszentren zwischen den weitläufigen Siedlungen der Flüchtlinge. Hier ist der Boden karg und das Klima heiß und trocken, reicht aber aus, um Obst und Gemüse anzubauen. Ein Teil der ausländischen Finanzhilfen allerdings soll in Ihren Staatskassen landen, um sie aufzubessern, wenn nicht gar auf den Konten korrupter Eliten…

Im Unterschied zu den Flüchtlingen in Europa teilen „Ihre“ Flüchtlinge mit der ugandischen Bevölkerung in den Grenzgebieten eine kulturelle Nähe, gehören teilweise sogar zu den gleichen Volksgruppen. In jedem Fall verdient es Hochachtung, wie offen Ihre Landsleute den Geflüchteten gegenübertreten! Viele können sich gut in deren Lage einfühlen, hat doch die „Lord’s Resistance Army“ das Land drei Jahrzehnte lang terrorisiert, sodass viele Ugander selbst fliehen mussten. Dennoch könnte der Zustrom aus den Nachbarländern manche Distrikte bald überfordern.
Afrika gilt hierzulande als Krisenkontinent. Positive Nachrichten schaffen es kaum in die Medien. Ihr Land, so „Spiegel online“, habe die „wohl offenste, großzügigste Flüchtlingspolitik der Welt“. Trotz mancher Schattenseiten: Das Engagement Ugandas ist bemerkenswert! Ob Europa davon lernen kann?

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

Yoweri Museveni
(Jahrgang 1944) ist seit 1986 Präsident von Uganda in Ostafrika. Er kam durch eine Rebellenarmee an die Macht; seit den 1990er-Jahren wurde sein Amt durch Wahlen bestätigt. Jedoch ermöglichte erst eine Verfassungsänderung spätere Wiederwahlen. Ihm wird vorgeworfen, die politische Opposition zu unterdrücken. Erfolge kann er im Kampf gegen Aids und beim Wirtschaftswachstum vorweisen. Dennoch zählt Uganda zu den ärmsten Ländern der Welt. Es hat 37 Millionen Einwohner bei einer Fläche von
241 000 km2, etwa der Größe Westdeutschlands.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2017)
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