Von Duisburg nach Santo Domingo

Bei seinem Freiwilligendienst in der Karibik kam Dominik Maxelon erstmals mit Menschen in Berührung, die in großer Armut leben. Die Begegnungen haben den 19-Jährigen nachhaltig bewegt.

Grelle Sonne, dreißig Grad, Palmen, lateinamerikanische Rhythmen und das laute Geschrei der Schulkinder: Der Kalender zeigte Dezember an, aber Weihnachtsstimmung wollte bei Dominik Maxelon nicht recht aufkommen. Wie anders als in Duisburg hier die Lebensbedingungen waren, fiel ihm in dieser Zeit besonders auf, obwohl er schon bald vier Monate auf der Karibikinsel verbracht und sich super eingelebt hatte. Ihm fehlten Glühwein und Spekulatius, Weihnachtsmärkte und winterliche Kälte. Und seine Familie.
Wochenlang hatte der 19-Jährige mit den Schülerinnen und Schülern geübt. Mit dem Chor und dem Orchester standen zwei Auftritte an. Die beiden Flötenkurse der 4. Klassen sollten bei der Weihnachtsfeier der Schule spielen: Ihr erstes eigenes Konzert! Die Kinder waren schon ganz nervös. „Ich hatte vorher noch für alle rot-weiße Weihnachtsmann-Mützen besorgt“, erzählt Dominik. „Und so haben wir vor der versammelten Schülerschaft, Eltern und Lehrern ‚Cascabel’ gespielt – so heißt ‚Jingle Bells’ hier. Die Kids haben viel Lob und Applaus bekommen. Das war für alle ein Highlight!“
Dominik Maxelon war für neun Monate in der Karibik, am Rand der Dreimillionen-Stadt Santo Domingo. Nach dem Abitur wollte der begeisterte Musiker und Tischtennisspieler „eine völlig neue Kultur kennenlernen.“ Weil er sich in der Fokolar-Bewegung engagiert, erkundigte er sich nach deren Möglichkeiten beim Internationalen Jugendfreiwilligendienst. Unter mehreren Projekten gefiel ihm die Schule in Santo Domingo besonders. „Weil mich das Lehramtsstudium interessierte. Und bei dem Projekt konnte ich ausprobieren, ob das wirklich das Richtige für mich ist.“ In den Musikklassen dort würde er seine Talente einbringen: Er spielt Flöte, Saxofon, Gitarre, Klavier. Und was könnte besser passen als Dominik in der Dominikanischen Republik?
„Cafe con Leche“ heißt die Schule mit über 600 Schülern der Klassen eins bis acht. Englisch und Musik sollte Dominik hier unterrichten. Mit ihm begannen noch zwei junge Frauen aus Deutschland, Anna Schwarz und Paula Wolff, ihren Freiwilligendienst. Der Name „Milchkaffee“ erinnert an die Hautfarbe und damit an die Situation der „Mischlinge“: Sie bilden den Großteil der armen Bevölkerung in dem Karibikstaat.
Es war 1990, als Marisol Jiménez etwas für die verwahrlosten Kinder im Barrio El Cafe in Herrera, einem Armenviertel, tun wollte. Sie rief in der Pfarrei einen Chor ins Leben und organisierte mehrmals Sommercamps. Bald war ihr klar, dass die Kinder für eine bessere Zukunft vor allem Bildung brauchten. So gründete sie 1995 mit drei befreundeten Lehrerinnen die Schule für zunächst rund vierzig Kinder. Sie begannen mit Nachhilfeklassen; dann kam ein richtiger Raum hinzu. 2001 ermöglichte eine größere Spende die Errichtung eines Schulgebäudes. „Heute ist ‚Cafe con Leche’ eine staatliche Schule“, erzählt Dominik Maxelon. „Jeden Morgen wird die Nationalhymne gesungen, gebetet und – wie es bei den Kindern der Fokolar-Bewegung üblich ist – der Würfel der Kunst des Liebens geworfen. So haben die Schüler jeden Tag ein gemeinsames Motto, nach dem sie leben können: Als Erster lieben, mit Taten lieben, die Feinde lieben…“
Ohne abgeschlossenes Studium und Referendariat an einer Schule zu unterrichten, wäre in Europa wohl kaum erlaubt. Dominik wurde schon nach wenigen Tagen ins kalte Wasser geworfen. „Ob in meinem Land alle so weiß sind wie ich, wollten die Kinder anfangs wissen.“ Mit dem Unterricht hier sei die Schulsituation dort kaum zu vergleichen, findet Dominik: „45 Kinder in einer Klasse! Dass sie still sitzen und aufpassen, kann man sich abschminken.“ Dominik wundert das nicht. Denn die Menschen in der Karibik sind viel lebhafter. Und viele Eltern sind von sechs bis zwanzig Uhr unterwegs und haben kaum Zeit für die Kinder. Oft müssen sich ältere Geschwister um die jüngeren kümmern. „Häufig läuft es so, dass der Lehrer eine Aufgabe an die Tafel schreibt. Die schreiben die Kinder ab und bearbeiten sie auch, machen aber zwischendurch unheimlich Lärm und allerhand Quatsch.“
Während die beiden Mädchen aus Deutschland in einer WG unterkamen, wohnte Dominik in der Familie von Marisol Jiménez, der Schulleiterin. Mit Mann, Sohn, Tochter und Bruder lebt sie unter einem Dach. „Für dortige Verhältnisse eine kleine Familie“, kommentiert Dominik. „Sie nahmen mich total herzlich auf!“ Beinah wie im Hotel: Morgens war der Frühstückstisch schon gedeckt. Dass sie ihn vor lauter Gastfreundschaft von vorn bis hinten bedienten, sei gewöhnungsbedürftig gewesen. „Ich musste sie richtiggehend drängen, auch mal im Haushalt mithelfen zu dürfen.“ Er war Teil der Familie, nahm als einziger Ausländer an Feiern im Verwandten- und Freundeskreis teil. So konnte Dominik noch tiefer in Kultur und Mentalität eintauchen. „Nach drei Monaten klappte es mit dem Spanischen gut. Wobei die mangelnden Kenntnisse zuvor kein Problem waren, weil die Leute so offen waren und sich viel Mühe gaben, mich zu verstehen.“
Nach einiger Zeit sollten Schulchor und Orchester an einem Konzert teilnehmen. Die Kinder hätten mit dem Bus hinfahren und dafür zusammen 70 Euro aufbringen müssen: unerschwinglich! Dominik wandte sich an die Event-Kirche „GoodNews“ in seiner Heimat, einem Projekt der katholischen Kirche, bei dem er sich engagiert hatte. „Sie sagten zu, die gesamte Kollekte eines Gottesdienstes meiner Wirkungsstätte zu vermachen. Nachher hörte ich: Statt der sonst üblichen 300 waren rund 1 600 Euro gesammelt worden!“ Dominik war überwältigt von der Hilfsbereitschaft. Damit war nicht nur die Teilnahme der Kinder am Konzert gesichert, auch weitere Projekte ließen sich fördern.
Er fragte im Kollegium, wer das Geld am nötigsten gebrauchen könnte. Familie Montero, hieß es, die in einem Slum lebte. Dominik wollte sie kennenlernen und einen kleinen Film drehen, um seinen Unterstützern daheim zu zeigen, was er mit ihrem Geld anstellte. „Wir sind mit dem Motorrad hingefahren. Das erste Mal in einem Barrio, einem Slum! Haus konnte man das gar nicht nennen, wo die Familie zu acht zusammengepfercht auf 15 oder 20 Quadratmetern lebte, nicht mal Hütte: marode Holzwände, ein Dach aus Plastikplanen und Wellblech.“ Keine Fenster, kein fließendes Wasser. Für Dominik eine intensive Begegnung mit der Armut, die im Schulalltag nicht so zutage trat: Weil sie gespendete Schuluniformen tragen, fallen die sozialen Unterschiede nicht so auf. „Man prallt auf eine völlig andere Welt. Mann, hab ich mich in dem Barrio schlecht gefühlt als reicher Europäer, dessen größte Existenzkrise ein mieser WLAN-Empfang ausgelöst hat!“ Die Begegnung mit den Monteros ging ihm noch lange nach: „Wir leben in so verschiedenen Welten! Wo ist die Gerechtigkeit?“
Bei der Schulleiterin zu wohnen hatte den Nachteil, dass Dominik so lange in der Schule bleiben musste wie sie: Sieben Uhr morgens aus dem Haus gehen und erst abends um sechs zurückkommen. Dann war er ausgepowert. Aber am Wochenende konnte er etwas mit dominikanischen Freunden oder den beiden deutschen Kolleginnen unternehmen. „Die Altstadt von Santo Domingo ist sehr schön. Wir gingen in die Bars, auch mal zum Tanzen. Allerdings fehlt mir der lateinamerikanische Hüftschwung.“
Ausflüge boten Abwechslung: „Wir haben an Stränden unter Kokospalmen gelegen und Jugendliche der Fokolar-Bewegung in verschiedenen Städten besucht. Abenteuerlich war der Aufstieg auf den Pico Duarte, mit 3 098 Metern der höchste Berg der Karibik: Wie anstrengend das ist und dass man wärmende Kleidung und passendes Schuhwerk dafür braucht, hatten wir komplett unterschätzt.“
Einmal warteten die jungen Leute auf dem Rückweg vom Strand an einer Bushaltestelle. „Wir haben unsere Bluetooth-Box angemacht, Handy-Musik laufen lassen und am Straßenrand getanzt“, erinnert sich Dominik. „Als der Bus kam, bat uns der Fahrer, die Musik doch anzulassen. Und die Leute tanzten einfach mit. Die Stimmung war unglaublich: voll die Party in einem öffentlichen Bus!“ Das Erlebnis zeigt Lebensgefühl und Temperament der Einheimischen. Dominik kam gut damit klar: „Die Leute gehen nicht aneinander vorbei, als ob der andere nicht existiert. Sie unterhalten sich, ohne sich zu kennen. Es war normal, zu einer Verabredung eine Stunde zu spät zu kommen. Das fand ich schon extrem, obwohl auch ich es mit der Pünktlichkeit nicht so genau nehme.“
Der Hausbau für Familie Montero gestaltete sich schwieriger als gedacht, sagt Dominik. Offizielle Firmen sind teuer; so bittet man Freunde und Bekannte um Mitarbeit. Die setzten das Haus zunächst so groß an, dass das gespendete Geld dafür nie und nimmer gereicht hätte. „Wir mussten sie enttäuschen und den Grundriss verringern. Auch konnten wir den Arbeitern nicht einfach Geld geben, um Baumaterial zu kaufen. Sie hätten es in Lebensmittel umgesetzt. So haben wir die Baustoffe selbst besorgt.“
Nach neun Monaten hatten viele Schüler ihre jungen, weißen Lehrerinnen und Lehrer ins Herz geschlossen. Zum Abschied gab es eine Schulfeier. „Für uns wurden ein Plakat gemalt, Tänze aufgeführt, eine Torte angeschnitten und musiziert.“ Einige Kinder schrieben ihnen Briefe und umarmten sie mit Tränen in den Augen, wollten sie gar nicht wieder ziehen lassen.
Ende Mai aus der Karibik wieder zurück in der Heimat, war für Dominik klar: Ja, er wird auf Lehramt studieren, Musik und Spanisch; im Oktober geht’s in Münster los. Das Haus für die Monteros steht. Dominik peilt schon das nächste Projekt an, für das er noch Unterstützer sucht: einen neuen Klassenraum für „seine“ Schule. „Denn in der Sporthalle werden parallel auch andere Fächer unterrichtet. Wenn sich die Achtklässler auf ihre Prüfungen vorbereiten, verstehen sie in den hinteren Reihen kein Wort!“
Mithilfe von Tischtennisverein, Pfarrgemeinde, Firmen und Einzelpersonen aus seinem Bekanntenkreis hat Dominik alles in allem schon 5 000 Euro gesammelt. Nach seiner Rückkehr hatte er zehn Auftritte als Musiker in einem Café, bei denen er für „Cafe con Leche“ werben konnte. Nach den Sommerferien will er mit seiner ehemaligen Schule in Duisburg eine Sammelaktion starten.
Warum er sich so reinhängt für die Menschen in Santo Domingo? „Sie haben mich mit einer Freude und Gastfreundlichkeit behandelt, wie man es bei uns kaum erlebt. Manchen, die nichts haben, geht es besser als manchen hier, die alles haben. Die Arbeit mit den Kindern hat mich total bereichert. Und: Wenn es mir gut geht und Gott mir so viele Talente geschenkt hat, hab ich auch die Verantwortung, sie gut zu nutzen.“
Clemens Behr

https://www.youtube.com/watch?v=UPkVwHy_tl8&t=1s
Internationaler Jugendfreiwilligendienst bei der Fokolar-Bewegung: www.facebook.com/fokolar.freiwilligendienst

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2017)
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