Wenn gesellschaftliche Normen sich ändern

In einer zunehmend säkularen Gesellschaft werden auch bisher selbstverständliche Grundlagen hinterfragt. Wie können wir neu definieren, was trägt und wichtig ist, und welche Rolle spielt dabei „ das Christliche “?

Lange nicht mehr hat eine Gesetzesänderung so viele Menschen in meinem Umfeld emotional so bewegt wie der Beschluss des Deutschen Bundestags am 30. Juni 2017 über die Drucksache 18/6665. Ganz klar: Es ging bei dem zur Entscheidung vorgelegten „Entwurf eines Gesetzes zur Einführung des Rechtes auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“ um keine Lappalie, sondern um die Grundlage der Gesellschaft, wie sie bisher im Grundgesetz verstanden und auch durch die bisherige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts unterstrichen wurde: Ehe als grundsätzlich auf Dauer angelegte Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann, die offen ist für die Weitergabe des Lebens. Und dass das nun anders sein soll, hat viele irritiert, beunruhigt, erschüttert.
Schnell hatte sich die Kurzbezeichnung „Ehe für alle“ im Sprachgebrauch breitgemacht. Sie ist eingängig, aber auch missverständlich. Denn auch wenn bald die Frage im Raum stand, ob eine „Ehe“ außer für Personen gleichen Geschlechts auch zwischen Verwandten ermöglicht werden solle oder ob sie sogar auf eine Partnerschaft von drei Personen ausgeweitet werden könne, ist beides im neuen Gesetz ausdrücklich ausgeschlossen. Trotzdem hat das diejenigen, die Ehe als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau für besonders schützenswert halten, noch mehr umgetrieben. Durch das Hau-Ruck-Verfahren im Bundestag fühlen sie sich in ihrem Eheverständnis verletzt und überrollt, sind verunsichert ob der gesellschaftlichen Zerrissenheit, die sie schmerzlich wahrnehmen. Und ganz sicher reicht es nicht, wenn bei einer für eine Gesellschaft so grundlegenden Frage in übereilter Geschwindigkeit –aus wahltaktischen Gründen? – Entscheidungen herbeigeführt werden, ohne dem gesellschaftlichen und kirchlichen Diskurs ausreichend Raum zu geben.
Vielleicht ist die Verunsicherung bei einigen auch darin begründet, dass man sich zu sicher glaubte, dass sich nichts ändern würde – auch weil sich das eigene (christlich geprägte) Verständnis ja bisher ganz selbstverständlich in den gesellschaftlichen Konventionen wiederfand. Dabei wird nicht nur durch die „Ehe für alle“ deutlich, dass sich in einer zunehmend säkularen Gesellschaft bisher selbstverständliche gesellschaftliche Normen verändern, neu hinterfragt werden. Und wir müssen uns – mit allen Beteiligten – neu darüber unterhalten, was uns als Gesellschaft wichtig ist. Dabei ist es ganz sicher nicht hilfreich, wenn Christen aus der Defensive heraus agieren. Ehe und Familie haben (für sie) zwar eine biblische Fundierung, den gesellschaftlichen Schutz aber nicht nur deshalb bekommen: Rechtliche Absicherung, Schutz der Schwachen und gesellschaftliche Stabilität waren, historisch gesehen, wichtige Gründe.

Anliegen verstanden?
Und zeigt der Jubel, die Freude derjenigen, die aus persönlichen Gründen schon lange für das Gesetz gekämpft hatten, nicht deutlich, dass sie sich bisher – vor allem auch von Kirche – in ihren Anliegen nicht verstanden, vielleicht auch nicht ernst genommen fühlten? Wollten wir wirklich verstehen, welche Fragen sie umtrieben? Sind Eltern, deren Kinder sich geoutet haben, nicht viel zu lange mit ihren Fragen allein gelassen worden? Kardinal Marx sagte in einem Interview den bemerkenswerten Satz: „Wir haben uns als Kirche eigentlich damit nicht befasst.“ Ist es nicht so, dass Kirche gerade diesen Personen noch nicht gegeben hat, wonach sie suchten: Ordnung für ihr Leben, Anerkennung?
Viele Fragen stehen im Raum. Fertige Antworten gibt es nicht. Und vielleicht kann ja genau diese Situation helfen, uns ernsthaft(er) auseinanderzusetzen. Steckt darin nicht auch die Chance, sich noch einmal – sehr persönlich, aber auch als Glaubensgemeinschaft – zu fragen, warum uns das so bewegt? Was wir denn befürchten? Viele, die sich aus beruflichen Gründen – auch innerhalb der Kirchen – mit dem Thema befassen, befürchten übrigens nicht, dass die Zahlen der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gravierend steigen werden. Die Kirchen (und warum nicht auch jeder, der sich dazu zählt) wären gut beraten, wenn sie vor einem möglichen Entscheid des Bundesverfassungsgerichts formulieren würden, was sie für gut und richtig halten, auch und vor allem im Blick auf die Betroffenen und ihre Nöte. Könnte man dem Bedürfnis nach rechtlicher, gesellschaftlicher und steuerlicher Anerkennung nicht etwa auch mit verschiedenen Begriffen – etwa „Lebenspartnerschaft“ und „Ehe“ – gerecht werden?

Angst – wovor?
Persönlich merke ich: Unsicherheit und Angst können Diskussionen eigentlich nur da auslösen, wo das eigene Vertrauen und die eigene Basis auf wackeligen Beinen stehen. Sicher sind wir als Christen dazu berufen, die Welt verantwortlich mitzugestalten, für Familie und Gemeinschaft einzutreten, die Menschenrechte und -würde zu verteidigen, das Recht auf Leben anzumahnen, … Rückzug aus Politik und Gesellschaft ist kaum der richtige Weg. Aber dürfen wir bei allem Einsatz, aller Verpflichtung zur umfassenden Meinungsbildung nicht auch gelassen bleiben? Die Welt ist schon erlöst! Das hat schon einer für uns alle getan! Und er ist – nach meiner festen Überzeugung – Herr der Geschichte und Schöpfer und Vater aller Menschen! Können wir da nicht unsere Meinung engagiert einbringen – dann aber auch gelassen bleiben? Sollten wir nicht gerade im Jahr des Reformationsgedenkens auch dankbar auf die so lange nicht selbstverständliche Trennung von Staat und Kirche schauen und ein klares Bekenntnis dafür ablegen? Gleichzeitig aber auch diejenigen Frauen und Männer stärken und wertschätzen, die sich aus ihrer christlichen Überzeugung heraus in das politische Geschehen einbringen?
Und zu guter Letzt: Wie begegne ich Menschen – auch Christen, egal ob der eigenen oder einer anderen Konfession –  die in so grundlegenden Themen eine ganz andere Meinung haben? Sehe ich den Menschen? Sein Tun? Meine Prinzipien? Muss ich mich durch alles infrage gestellt sehen oder darf ich auch meine Haltung erklären, ohne sie als Mauer zwischen uns aufzubauen? Oder noch schlimmer: Wer gibt mir das Recht, mich über das Leben und Handeln des anderen zu erheben – und innerlich den ersten Stein zu werfen?
Fragen über Fragen. Sie bewegen. Und vielleicht ist genau das die Chance. Ja, da ist der Schmerz über das, was wegbricht, über die (auch ökumenische) Zerrissenheit in grundlegenden Fragen unseres Zusammenlebens; da gibt es immer mehr Vielfalt und scheinbar weniger Orientierung. Das lässt sich nicht leugnen. Aber vielleicht ist genau die Zuversicht und Hoffnung, dass daraus etwas Neues und Tragfähiges wachsen kann – im offenen, ehrlichen, wertschätzenden Dialog mit allen – auch das Wertvollste, was Christen in unserer Gesellschaft heute einbringen können und müssen. Aber dafür müssen wir uns genau dem aussetzen.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2017)
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