Unzertrennlich

Offener Brief an Reinhard Marx und Heinrich Bedford Strohm 

Sehr geehrte Herren Landesbischof und Kardinal,

nicht in allem einer Meinung, aber trotzdem Schulter an Schulter. Nicht trocken und verbittert, sondern guter Dinge und voller Zuversicht. Nicht bloß zusammenarbeitend aufgrund der Pflicht Ihrer Ämter, sondern einander in herzlicher Freundschaft zugewandt: So habe ich Sie beide oft in den letzten Monaten erlebt. Sie haben viele Anlässe, die das 500. Gedenk- und Jubiläumsjahr der Reformation geboten hat, gemeinsam bestritten. Schon das ist nicht selbstverständlich. Mich hat zudem berührt, WIE Sie öffentlich zusammen aufgetreten sind: ein neues Miteinander der Kirchen. Ein Bild, das das Credo des Apostels Paulus „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes“ 1 aufscheinen ließ. Und bei dem zugleich stark zu erleben war, dass auch ein „Nichts kann uns trennen voneinander“ daraus folgt. Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie die Gelegenheiten ökumenisch genutzt haben! Dass Sie sich einander ausgesetzt haben und Schritte aufeinander zu gegangen sind! Das macht Mut und stärkt allen den Rücken, denen die Einheit der Kirchen ein Herzensanliegen ist.

Sicher, vielen Zeitgenossen ist das schnuppe. Wen Gott und Kirche in keinster Weise interessiert, dem sagt auch Ökumene nichts. Dennoch bin ich überzeugt, dass auch viele, die uns „religiös unmusikalisch“ scheinen, das Mehr an Gemeinsamkeit sehr wohl bemerkt haben. Und dass die Glaubwürdigkeit von Kirche dadurch gestiegen ist.

Sicher, es ist noch Luft nach oben. Viele Christen beider Konfessionen hätten mehr erwartet. Ihnen reichen solche Zeichen nicht. Sie wollen handfeste theologische Ergebnisse, die zu gemeinsamen Glaubensaussagen und zum gemeinsamen Abendmahl führen. Ihnen steckt der Skandal der Trennung nach wie vor als Stachel im Fleisch. Andere haben sich damit arrangiert, können die Gründe der Spaltung nicht mehr nachvollziehen oder fühlen sich mit einer bereits vollzogenen Mahlgemeinschaft wohl, die – leichtfertig? – über die Unterschiede im Amts-, Kirchen- und Eucharistieverständnis hinweggeht. In Fragen der Moral und der Sozialethik klaffen die Ansichten beider Kirchen nach wie vor weit auseinander. Auch herrscht keine Einigkeit, was genau das Ziel der Ökumene ist: Wie soll die angestrebte Einheit beschaffen sein? Was ist mit „versöhnter Verschiedenheit“ gemeint?

Es liegt also noch ein weiter Weg vor uns! Bei Buß- und Versöhnungsgottesdiensten haben Sie im Namen Ihrer Kirchen Selbstverpflichtungen ausgesprochen. Daran werden Sie künftig gemessen werden! Hoffnung macht die Vorstellung: Wer in Christus und in Freundschaft so eng verbunden ist, kann sich auch ehrlich sagen, wo er mit dem anderen Schwierigkeit hat. Und entsprechend daran arbeiten.

Ökumene geht weit über die kirchlichen Spitzenvertreter, das Verhältnis zwischen römisch-katholischer und evangelisch-lutherischer Kirche und natürlich weit über Deutschland hinaus. Ich möchte ihren Zustand aber nicht ständig nur bejammert sehen. Zum Ende des 500. Reformationsjahres wollen wir auch innehalten und uns an dem freuen, was uns gut getan und sich zum Besseren entwickelt hat. Dafür haben nicht zuletzt Sie uns Nahrung gegeben!

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

1 Vgl. Römer 8,38-39

Foto: (c) Miteinander für Europa/Volker Graf

Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm
Heinrich Bedford-Strohm (57), Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, ist seit 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Kardinal Reinhard Marx (64), Erzbischof des Erzbistums München-Freising, ist seit 2014 Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2017)
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