60 Jahre NEUE STADT

Wo kommt sie her, wo geht sie hin? 

Sie entstand in Rom, erschien zweimal im Monat in Schwarzweiß mit roten Schriftelementen und hatte 16 Seiten: Die erste Ausgabe der NEUEN STADT trägt das Datum 15. Januar 1958.  Anlass für uns, auf den folgenden Seiten fünf ehemalige Chefredakteure zu Wort kommen zu lassen: Wir haben sie nach entscheidenden Erlebnissen aus ihrer Zeit gefragt. Und was sie der Zeitschrift heute mit auf den Weg geben.

Foto: Archiv NST

Vittorio Fasciotti lebt im Ökumenischen Lebenszentrum Ottmaring bei Augsburg. Er verantwortete von 1973 bis 1979 die Redaktion der NEUEN STADT, bevor er Direktor des italienischen „ Mutterverlags “ Città Nuova wurde.
Aus jener Zeit ist mir die Zusammenarbeit unter allen wichtig, die für die Zeitschrift tätig waren und denen sie ein Anliegen war. Wir waren nicht immer einer Meinung, wie wir beispielsweise an Themen herangehen wollten. Aber unter uns gab es ein tiefes Zuhören und die Bereitschaft, die eigenen Vorstellungen hintanzustellen: Es war ein gemeinsames Suchen, was wir wie am besten sagen können. Beleuchtet ein Artikel einen Sachverhalt oder eine ethische Frage zu einseitig? Wir haben darüber diskutiert und uns infrage gestellt, im Zweifel weitere Mitarbeiter zurate gezogen. Wir haben untereinander den Lebensstil gelebt, der vor allem auf die gegenseitigen Beziehungen setzt und den wir der Leserschaft vermitteln, in den wir sie einbeziehen wollten. Diese Art des Miteinander-Arbeitens und -Lebens hat tiefe, bleibende

Neue Stadt-Redaktionskonferenz ca. 1971 mit Arnaldo Diana – Foto: Archiv NST

Freundschaften wachsen lassen.
Der NEUEN STADT möchte ich mit auf den Weg geben, dass das, was sie schreibt, vom Leben gedeckt sei: vom Leben der Redakteure untereinander, mit den freien Mitarbeitern, Interviewpartnern, mit den Leserinnen und Lesern und allen, die der Fokolar-Bewegung verbunden sind. Und dass sie „unter die Haut“ geht: dass sie die Menschen zum Staunen bringt, weil sie durch die Zeitschrift von Gott berührt werden.

Foto: privat

Karl-Heinz Fleckenstein hat von Juli 1968 an die Zeitschrift mitgeprägt und die Redaktion 1980/1981 geleitet. Seither lebt er in Jerusalem. Er ist verheiratet, promovierter Theologe und arbeitet als freier Schriftsteller, Journalist und Reiseleiter.
www.kh-fleckenstein.com
Unter den vielen Interviews, die ich mit Persönlichkeiten aus allen Schichten und Lebensbereichen machen durfte, ist mir das Gespräch mit dem Gründer der Logotherapie, Viktor E. Frankl, am lebendigsten in Erinnerung geblieben. Ich wollte eigentlich nicht so sehr den Professor und Gelehrten, sondern den Menschen Viktor E. Frankl kennenlernen. Mitten im Dialog kamen wir auf das Leid in der Menschheit zu sprechen. Und Frankl konnte aus seiner Erfahrung im KZ ein „Lied davon singen“. Dort erlebte er, wie seine Mutter in die Gaskammer geführt wurde: „Meine Mutter, dieser herzensfrömmste Mensch, den ich je in meinem Leben gekannt habe, musste so enden. Warum das?“, fuhr er fort. Als Versuch einer Antwort erinnerte ich ihn an den fürchterlichen Schrei Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?“ Da sprang der Professor von seinem Stuhl auf und hielt sich die Hand an die Stirn. Er schien, als hätte er in diesem Moment eine neue Erkenntnis gewonnen. „Wo der Mensch am absoluten Nullpunkt angelangt ist“, stellte er fest, „ist er hundertprozentig Mensch geworden. Gerade in seiner Hilflosigkeit und Machtlosigkeit! Ja, je „wurmer“ er ist, umso menschlicher ist er.“ Es war ein Augenblick seelischer Intimität, die er mir offenbarte, als er fortfuhr: “In dieser Gottverlassenheit hat Jesus sein Menschsein realisiert. Man könnte sagen, er ist so sehr Mensch geworden, dass er seine Gottheit bestätigt hat.“ Ich konnte in diesem Augenblick nicht umhin, den Juden Viktor E. Frankl als anonymen Christen zu bezeichnen. Seine Antwort darauf: „Das soll mir nur recht sein!“
Dem Chefredakteur und den Mitarbeitern der NEUEN STADT wünsche ich, dass sie immer die Hand am Puls der Zeit halten, sich nicht von Zeitströmungen, sondern vom Geist Gottes leiten lassen und aus dieser Perspektive auf die brennenden Fragen der Menschen von heute eine richtungsweisende Antwort geben.

Foto: privat

Winfried Baetz-Braunias leitete die Redaktion von Ende 1981 bis 1984. Er ist Regisseur und Filmproduzent, verheiratet, hat fünf Kinder und lebt in Münster.
www.format21-tv.de
„Hast Du alles?“ Novembernacht 1982: Ein Mann, Hut und Trenchcoat sturmnass, holt mich samt Koffer aus München ab. Als Berufseinsteiger hatte ich die dortige Redaktion allein und ohne Übergabe übernommen, mein Soziologiedoktorat – Ende offen – verschoben. Vom Souterrain der Großstadt nun ins Souterrain von Ottmaring. „Die Redaktion“ (also ich), hieß es, solle den Dorfstandort kulturell stärken, für das „universelle Dialogprogramm“ der Fokolar-Bewegung. Wow!
Wo Großes auf dem Spiel steht oder niemand sonst die Kuh vom Eis holt, zogen wir – volles biografisches Risiko – „mit dem Teelöffel bewaffnet in den Krieg“, so Arnaldo Diana, mein intellektueller Jugendmentor (der im Übrigen die Zeitschrift von 1970 bis Anfang 1973 geleitet hatte. Anm. d. Red.). Ein Neustart ohne Telefon, die Litho-Anstalt fürs (Vierfarb!-)Titelbild eine halbe Tagesreise entfernt. Ich hatte NICHT alles, doch bald schon: ein Faxgerät, eines der ersten und geschenkt! – Das Evangelium verlangt alles und gibt eben alles, auch wenn man NICHT alles parat hat.
Budget? Eine Interviewreise pro Jahr! Doch mit Serien zu Oswald von Nell-Breunings Wirtschaftsethik und einem Arbeiterkongress der Bewegung, zur sexuellen Paarbeziehung bis zu neuen Medien wuchs ein fähiges und engagiertes Redaktionsteam, fokussiert auf geschwisterliche Werte einer neuen Gesellschaft.
Weiter gut vernetzte Experten und viele Praxisbeispiele für diese – einzig zukunftsträchtige – Basiskultur uneigennützig-gegenseitigen Gebens, das wünsche ich der NEUEN STADT. Dann „hat sie alles.“

Foto: (c) Thomas Klann

Severin Schmid, gebürtiger Basler, war von 1985 bis Anfang 1997 verantwortlicher Redakteur. Zur NEUEN STADT gekommen war er schon zwei Jahre zuvor. Heute ist er am internationalen Zentrum der Fokolar-Bewegung Ansprechpartner für die europäischen Länder.
Zu meiner Zeit stand wie auch heute hinter jedem Artikel die Absicht, die Geschwisterlichkeit, das Miteinander und die Gemeinschaft zu fördern. Und das nicht nur mit der Auswahl der Themen oder durch den Schreibstil und die Aufmachung des Artikels, sondern gerade in den Beziehungen mit den Menschen, die wir interviewt haben. Hinter jedem Beitrag steht eine eigene Geschichte geschwisterlicher Beziehungen.
Diese Einstellung hat oft das Gesprächsklima geprägt. Ein Interview mit Lech Wałęsa, damals Präsident der Gewerkschaft Solidarność, hat 1989 in Danzig an einem für ihn sehr spannungsgeladenen Tag stattgefunden. Während des Gesprächs beruhigte er sich, sodass er selbst die Dauer ausdehnte.
Nach solchen Begegnungen konnten die Interviews so verfasst werden, dass die Gesprächspartner danach oft sagten: „Ihr habt besser als ich selbst das ausgedrückt, was ich sagen wollte!“

Redaktionskonferenz ca. 1987. – Foto: Archiv NST

Ich meine, dass die NEUE STADT auf einem guten Weg ist: nämlich in einem ständigen Wandlungsprozess. Die Veränderungen seit der März/April-Nummer 2017 sind nur ein Beispiel dafür. Ihren Weg geht die Zeitschrift zusammen mit einer weltweiten Bewegung, von deren Leben eine verändernde Kraft ausgeht. Und deshalb hat sie viel zu sagen.

Foto: privat

Joachim Schwind stieß im März 1990 zur Redaktion, die er von März 1997 bis April 2011 leitete. Lange Zeit war er auch Geschäftsführer vom Verlag Neue Stadt. Er lebt in Rocca di Papa bei Rom und arbeitet als Medienkoordinator am Zentrum der Fokolar-Bewegung.
Von den vielen schönen, interessanten und stimulierenden Ereignissen in meiner Zeit in der NEUEN STADT ist mir eine eher unscheinbare Begebenheit ganz besonders in Erinnerung geblieben: Die Begegnung mit einer einfachen Frau in einem kleinen bayerischen Dorf von etwa 500 Einwohnern. Ihre Ausrichtung am „Wort des Lebens“ hat eine große Zahl weiterer Landfrauen in diesem Dorf dazu angeregt, sich zu einem Bibelkreis zusammenzuschließen, mit dem „Eiergeld“, dem traditionellen Taschengeld der Bauersfrauen in Bayern, Gütergemeinschaft zu praktizieren und damit ein beachtliches Hilfswerk für Bedürftige in Osteuropa auf die Beine zu stellen. Solche verborgenen Perlen zu entdecken und behutsam ans Licht zu holen, habe ich als besonders beglückende Aspekte meiner beruflichen Laufbahn erlebt.
Dementsprechend wünsche ich der NEUEN STADT beständige kreative Treue zur Utopie,

1996. – Foto: Archiv NST

die in ihrem Namen steckt und die sich in unzähligen Lebensgeschichten wie der jener Bauersfrau bereits verwirklicht: der Glaube an eine Gesellschaft, die ihren Zusammenhalt und ihre Ausstrahlung in und aus Beziehungen des Respekts, der gegenseitigen Offenheit füreinander und der uneingeschränkten Hingabe aneinander findet.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2018)
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