Die Chancen nutzen

Gehen Sie mal Ihre Nachbarn durch: Wer würde Sie auf der Straße schützen, wenn Sie bedroht würden? Wer Ihnen beistehen oder Hilfe holen, wenn Sie überfallen würden? Das Szenario können wir auch umgekehrt durchgehen: Welcher und welchem Ihrer Nachbarinnen und Nachbarn wären Sie im Zweifelsfall bereit, spontan zu Hilfe zu kommen?

Ich würde tippen: Je intensiver der Kontakt, je besser wir uns kennen, desto mehr würden wir füreinander riskieren und desto stärker stehen wir füreinander ein. Wissen wir nur oberflächlich voneinander und sind wir uns im Wesentlichen fremd, dann bleiben wir einander eher gleichgültig, welcher Schicksalsschlag auch immer den einen oder anderen trifft.
Ich von meiner Seite hätte kein gesteigertes Bedürfnis gehabt, auf Punks zuzugehen. Aber da waren sie nunmal; unsere mehrtägige Begegnung und die dazugehörige Musik hatten sie mit ihrer löcherigen Kleidung, den schrillen Farben, auffälligen Frisuren samt Hunden angelockt. Sollten wir sie verjagen? Sie hatten uns nichts getan. Sie ignorieren? Das war kaum möglich. Sie schienen sich sogar wohlzufühlen. In den Pausen ließen die Musiker sie auf den Instrumenten spielen. Wir kamen ins Plaudern. Sie fragten nach unseren Zielen und Vorstellungen. Von ihnen wollte ich wissen, warum sie sich provokant anzogen und ein so unangepasstes Leben führten. Ich erfuhr, welch üble Erfahrung manchem zugesetzt hatte, dass sie von Haus aus wenig besaßen oder bewusst auf Konsum verzichteten. Mit der Zeit konnte ich ihre rebellische Haltung als Aufbegehren gegen alles Scheinheilige und Ungerechte verstehen. Ich litt mit. Mich beeindruckte, wie friedfertig und sozial diese Punks trotz ihrer Biographien und ihres aggressiv scheinenden Äußeren eingestellt waren. Auf einmal wurden mir diese komischen Vögel sympathischer. Ich sah sie mit anderen Augen. Und ja, als die Polizei kam, um nach dem Rechten zu sehen, sie in barschem Ton angehen und des Platzes verweisen wollte, habe ich beschwichtigend die Hand für sie ins Feuer gelegt und erklärt, warum sie von mir aus gern weiter bleiben könnten.
Es können Nachbarn sein, Punks, Obdachlose oder Muslime, mit denen wir von Natur aus erstmal nichts zu tun haben, die uns fremd sind, Angst machen, auf die wir vielleicht gar nicht zugehen wollen. Dann können wir jahrelang gut nebeneinanderher leben, ohne etwas zu vermissen. Es kann aber auch der Moment kommen, wo wir bereuen, die vielen Gelegenheiten vergeben zu haben, diesen Menschen näherzukommen.
Darum sprechen wir in diesem Heft über Dialog.

Herzlichst, Ihr
Clemens Behr

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2018)
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