Hat der Schmerz einen Sinn?

Unfassbar, welches Leid manche Menschen durchmachen! Unfälle, Missbrauch, Krankheiten, Krieg, Folter, Naturkatastrophen durchkreuzen und zerstören Existenzen. Sie fordern immer wieder neu die Frage heraus: Warum?

„Herr Pfarrer, wie, was und an wen kann ich denn jetzt noch glauben?“ Mit großen, traurigen Augen schaut Klaus mich resigniert an. Sein Bruder ist gerade im besten Alter gestorben. Kurz zuvor waren wie er die Eltern vom Krebs brutal dahingerafft worden. Der andere Bruder war vor ein paar Jahren vom Hochwasser überrascht worden und ertrunken. Wie kann Gott, wenn es ihn denn gibt, so etwas zulassen – all das Leid? Auf diese Frage kann ich keine Antwort geben; niemand kann das.
Ich stelle sie mir selbst immer wieder und versuche, mit ihr irgendwie umzugehen. Dazu mache ich mich auf den Weg. Im Geiste betrete ich mit Klaus und vielen anderen eine Galerie und wir schauen uns die dort ausgestellten Bilder an. Wir lassen sie – es sind fünf – auf uns wirken.

Keine heile Welt
Das erste Bild zeigt die Vertreibung aus dem Paradies. Die Geschichte darüber steht in der Bibel im Buch Genesis. Weise Menschen haben sie aufgeschrieben, weil ihnen aufgegangen war, dass wir nicht dort leben, wo wir hingehören. Dass wir nicht so leben, wie wir leben könnten, wie wir eigentlich gedacht sind. Es gibt den Ort, an dem alles gut ist, wo alles passt und keine Fragen offen sind, wo kein Leid mehr ist und kein Tod. Aber er ist uns nicht zugänglich. Anders gesagt: Wir haben nicht den Blick für das Ganze, in dem sich der Sinn von allem erschließen könnte. Die zutiefst heile Welt ist nur noch in Bruchstücken da. Denn irgendetwas ist schiefgegangen und geht immer wieder schief. Die Bibel beschreibt das in den Bildern vom Sündenfall. Damit ist nicht nur ein Stück gestohlenes Obst gemeint. Adam und Eva haben dem Geschöpf – der Schlange – mehr vertraut und mehr geglaubt als Gott. Wenn wir ehrlich sind, merken wir das noch heute: Unser Vertrauen auf Gott mag noch so stark sein – es ist immer wieder brüchig und mindestens bedroht.

Klagen! Verzweifeln?
Das zweite Bild hängt im selben Raum in der Nähe. Es zeigt Hiob, den Leidenden aus dem nach ihm benannten Buch der Bibel. Alles war ihm genommen worden. Er hatte geklagt, mit seinen Freunden gestritten, war der Verzweiflung nahe. Gott schien ihm unendlich fern. Am Ende ergreift Gott das Wort. Doch anstatt zu antworten, stellt er ihm sechzehn Fragen 1 – angefangen mit: „Wo warst du, als ich die Erde gegründet?“, und zeichnet dabei ein großartiges Bild der Schöpfung, die ganz und gar in Gottes Plan steht, in der sogar all das, was wir Menschen als Leid und Not empfinden und erfahren, seinen sinnvollen Platz findet. Hiob – und der Mensch überhaupt – kann das Ganze nicht im Letzten erfassen; das wird in den provokant klingenden Fragen Gottes deutlich. Doch es gibt jenseits der Grenzen menschlichen Erkennens den einen vollkommenen Zusammenhang. 2 Gott deckt ihn nicht auf, doch er reißt mit seinen Fragen ein Loch in die dunkle Wand, die Hiob zu umgeben scheint. Inmitten seiner Not erhält Hiob also nicht die Antwort. Aber er erkennt, dass er die Undurchschaubarkeit des Großen und Ganzen stehen lassen kann und nicht mehr daran verzweifeln muss.

Bleibende Fragen
Das dritte Bild scheint daran anzuknüpfen: Es ist ein kurzer Text aus der Feder von Rainer Maria Rilke. In einem von vielen Briefen an den jungen Dichter Franz Xaver Kappus ermutigt er diesen dazu, „Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben.“ Er rät ihm, nicht nach Antworten zu forschen, die nicht gegeben werden, weil sie nicht gelebt werden können. Manche Fragen erledigen sich nun mal nicht; sie bleiben ein ständiger Begleiter, der sich nicht abschütteln lässt. Es gilt, die Fragen zu leben: „Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ 3 Nachdenklich gehen wir weiter.

Unrecht und Ohnmacht
Wir betreten einen anderen Raum. Das Bild dort stammt aus der Feder des Evangelisten Johannes und zeigt den Prozess Jesu vor Pilatus. 4 Verlauf und Ausgang sind bekannt: Jesus wird gequält und am Ende unschuldig und ungerecht zum Tod verurteilt. Wer genau hinsieht, erkennt darin aber noch eine andere Geschichte. Es ist die Geschichte von der Einsetzung des Königs, die Johannes in genialer Weise mit erzählt. Der Purpurmantel, der Stab, die Krone und die Huldigung durch die Soldaten beschreiben ein Krönungszeremoniell und lassen die Kreuzigung in verborgener Weise als Besteigung des Thrones erkennen. Das von Pilatus angebrachte Schild macht die Proklamation des Herrschers  perfekt. Inmitten von Unrecht und Ohnmacht ergreift der Gerechte, Jesus Christus, die Macht.

Hängen am Kreuz
Das fünfte Bild ist ein Triptychon. Drei Bilder zeigen Jesus am Kreuz und auf jedem erkennen wir ein anderes Geschehen. Auf dem ersten sehen wir unterm Kreuz Maria, die Mutter Jesu, und Johannes. Es ist der Moment, in dem Jesus die beiden einander als Mutter und Sohn einsetzt und damit eine neue Beziehung stiftet. 5 Die Liebe des Sohnes tritt aus dem am Kreuz hängenden Jesus heraus und strömt weiter. Sie setzt einen neuen Anfang. Auf dem zweiten Bild sehen wir Jesus mit dem Verurteilten zu seiner Rechten. Auf dessen Bitte, an ihn zu denken, erklärt er ihm das Paradies für eröffnet – „heute noch“ 6. Das erste Bild unserer Ausstellung kommt uns in den Sinn. Die Vertreibung aus dem Paradies ist rückgängig gemacht; im Tod Jesu und des anderen Delinquenten schenkt sich der neue Eintritt in das Verständnis des Ganzen. Das dritte Bild des Triptychons zeigt nur Jesus. Er ist von allen verlassen, kein Mensch ist mehr zu sehen und nicht einmal Gott scheint da zu sein. „Wozu hast du mich verlassen?“, schreit sich Jesus mit den Worten aus Psalm 22 die Seele aus dem Leib. 7 Es scheint so, als ob diese Frage nicht ins Leere ginge und Jesus darum wüsste. Der Vater kann noch angeschrien werden. Denn Jesus ruft noch einmal zu ihm: „In deine Hände lege ich meinen Geist.“ 8 Im Abgrund spricht Jesus das Vertrauen aus. Hinter das Kreuz hat der Künstler ein Licht gemalt, strahlend hell wie die Sonne. Das Kreuz scheint daran festgemacht – gehalten im Licht.
Wir kehren von unserem Besuch im Geiste zurück. Die harte Wirklichkeit hat uns wieder. Doch die Bilder, die wir gesehen haben, haben sich uns eingeprägt. Sind es schon unsere Bilder geworden?
Udo Stenz

1 Hiob 38,1 – 39,30
2 Sehr lesenswert hierzu: G. Ravasi, Hiob. Der Mensch im Leid, Verlag Neue Stadt München, S. 110 ff
3 R. M. Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, hier: 3. Brief vom 16.07.1903
4 Johannes 18,28 – 19,21
5 Johannes 19,25-27
6 Lukas 23,42-43
7 Markus 15,34
8 Lukas 23,46

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2018)
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