10. Dezember 2009

Angstfrei und ohne Selbstbehauptung

Von nst_xy

Die Begegnung hat sich in meiner Erinnerung förmlich eingebrannt: Ich war Mitglied einer fünfköpfigen Arbeitsgruppe, die im Rahmen eines internationalen Kongresses einen Abschlusstext zu entwerfen hatte. In wenigen Zeilen sollten wir die Kernaussagen der Tagung zusammenfassen. Schnell waren erste Formulierungen zu Papier gebracht, und dann hatte ich einen – wie mir schien – echten Geistesblitz: ein Gedanke, der meines Erachtens den Kern der Tagung traf und unbedingt in diesem Abschluss-Kommuniqué stehen sollte. Ich schlug ihn vor, und die übrigen Mitglieder der Arbeitsgruppe hörten mir auch aufmerksam zu. Aber dann kam keine Reaktion auf meinen Vorschlag, und der Nächste brachte seine Idee ein.

Sofort wogte in mir ein heftiger Gefühlsaufruhr: Ich fühlte mich missachtet, links liegen gelassen, unverstanden. Sollte ich den Gedanken noch einmal wiederholen? Sollte ich eine weitere Gelegenheit abwarten, um meine Idee noch einmal zu platzieren? „Du hast es gesagt, und sie haben es gehört,“ sagte ich mir. „Jetzt lass deinen Gedanken los und konzentriere dich auf das, was die anderen einzubringen haben.“ Es kostete einige Anstrengung, aber nach ein paar Minuten hatte ich mich wirklich von meiner „Superidee“ befreit.

Eine halbe Stunde später war der Text fast fertig, als mich plötzlich ein Kollege aus der Arbeitsgruppe ansah: Hier würde doch nun genau der Gedanke passen, denn ich am Anfang geäußert hätte, meinte er. Ich war geradezu fassungslos. Er hatte doch tatsächlich meinen Gedankengang aufgenommen und offenbar die ganze Zeit nach einer Möglichkeit gesucht, ihn an der richtigen Stelle unterzubringen. Und so fand mein Beitrag am
Ende doch noch Eingang in den Text.

Konflikte entstehen, wo einzelne oder Gruppen in der ständigen Sorge leben, zu kurz zu kommen, und sich deshalb ständig selbst ins rechte Licht rücken und behaupten müssen. Das wird deutlich in der groß angelegten Studie, in der unser Interviewpartner, der Politikwissenschaftler Uwe Wagschal, gewaltsame Auseinandersetzungen der letzten 60 Jahre untersucht hat.

Wie das Miteinander von Verschiedenen geht, das stellen seit inzwischen zehn Jahren Bewegungen und Gemeinschaften aus unterschiedlichen christlichen Konfessionen unter Beweis. Und man muss nicht glauben, dass so etwas „unter Christen“ doch von vornherein einfacher wäre. Wenn es um Wahrheiten geht, zumal um Glaubenswahrheiten, ist Verschiedenheit oft schwieriger zu vereinbaren, als auf anderen Feldern. Zu Recht sehen sich diese Bewegungen in ihrem Miteinander als Übungsraum einer Einheit, in der man einander angstfrei begegnen kann, sich Verschiedenheit entfaltet, in der sich keiner behaupten oder gar durchsetzen muss. Und es ist keineswegs vermessen, darin ein Vorbild für das Zusammenleben auf unserem europäischen Kontinent zu sehen – und darüber hinaus.

„Du darfst so sein, wie du bist!“ – „Du musst nichts beweisen, musst dich nicht selbst ins rechte Licht rücken!“ – „Du brauchst keine Angst haben, dass du zu kurz kommst!“ – Das ist die Haltung, mit der – nach christlicher Überzeugung – Gott den Menschen begegnet. Die Theologen nennen das die Lehre von der Rechtfertigung. Drei große christliche Kirchen haben einander schriftlich bestätigt, dass sie darin übereinstimmen. Wenn ihre Mitglieder in dieser Haltung jetzt auch einander und allen anderen Menschen begegnen, ist die Welt ein großes Stück weiter gekommen.
Frohe Weihnachten!
Ihr
Joachim Schwind,
Chefredakteur

Glauben wir an die Krippe hinter der Tür des anderen und
klopfen wir geduldig, freundlich und zugleich eindringlich an seine Tür.

Vergessen wir aber auch nicht,
den Schlüssel in unserer Tür umzudrehen, um öffnen zu können.
Und wenn wir glauben, ihn verloren oder verlegt zu haben,
unterlassen wir dennoch nicht, ihn zu suchen:

Er ist da, er lässt sich finden.

Klaus Hemmerle

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2009)
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