Ein Würfel, ein Heft und 3000 Bälle
Soziales Lernen durch Spiel und Bewegung fördern, das ist das Ziel von „Sports4Peace“. In einer Schule am Achensee hat das Konzept voll gegriffen.
So was lässig’s haben wir überhaupt noch nie gemacht!“ So lautete die einhellige Meinung der Schülerinnen und Schüler an der Hauptschule Achensee am Ende eines großen Spiel- und Lauffestes. Die 250 jungen Leute im Alter zwischen zehn und vierzehn Jahren Beurteilen damit nicht nur den zurückliegenden Tag. Acht Wochen zuvor hat die „coole“ Aktion schon begonnen. Dabei standen ein Würfel, über 3000 farbige Bälle und ein Schulheft pro Klasse im Mittelpunkt.
„Sports4Peace“ heißt die Aktion, von der an der Schule in Tirol nicht nur die Kinder, sondern auch die 30 Lehrer begeistert waren. Die örtliche Tageszeitung schrieb „Hauptschule Achensee setzt auf Miteinander“ und brachte damit das Anliegen auf den Punkt: „Sports4Peace“ will Kindern und Jugendlichen im Gegensatz zu einer rein leistungsorientierten Mentalität in Sport, Spiel und Gesellschaft auf spielerische Weise eine „Kultur der Menschlichkeit und des Miteinanders“ vermitteln. Alois Hechenberger ist Spielpädagoge und hat zusammen mit den „Kindern und Jugendlichen für eine geeinte Welt“ in Österreich „Sports4Peace“ erfunden. „Das, was wir vermitteln wollen,“ erzählt der 44-jährige Tiroler, „können wir in der ‚Goldenen Regel’ zusammenfassen: Was du von anderen erwartest, das tu auch ihnen!“ Diese Regel, die sich in allen Kulturen und Religionen weltweit findet, sei klar, einfach und einprägsam.
Sport und Spiel seien für Jugendliche wichtige Lebensbereiche, und gleichzeitig lasse sich darüber auch eine ganze Menge an Grundhaltungen für ein friedliches Miteinander vermitteln.
„Was du von anderen erwartest, das tu auch ihnen“ meint übersetzt in Sport und Spiel – so Hechenberger – Grundhaltungen wie Ehrlichkeit, Einsatz, Freude, Durchhaltevermögen, gegenseitiger Respekt und Teamfähigkeit. Damit das für Kinder und Jugendliche griffig wird, sind daraus die sechs „Sports4Peace“-Regeln geworden (siehe Kasten). Hechenberger unterstreicht, dass diese Regeln nicht die jeweiligen Regeln eines Spiels oder einer Sportart außer Kraft setzen. Sie fördern hingegen bestimmte Erfahrungsmomente und die Freude am Miteinander.
Das Prinzip ist einfach: Auf dem aufblasbaren „Sports4Peace“- Würfel sind die sechs Regeln aufgedruckt. Vor Spielbeginn wird gemeinsam gewürfelt, und das gewürfelte Motto steht dann sozusagen als Grundausrichtung über dem Spiel. Seine Umsetzung wird unabhängig vom Spielergebnis mit gesonderten Fairness-Punkten für die Einzelnen oder die Mannschaft „bewertet“.
Astrid Lehner unterrichtet seit 14 Jahren als Lehrerin für Englisch, Geografie und Geschichte an der Hauptschule Achensee. Bei einem Pädagogikseminar in Wien hatte sie von „Sports4Peace“ erfahren und sofort Feuer gefangen: „Ich wusste: Das war etwas für uns!“ Normalerweise reagiere man als Lehrer vor allem auf das Verhalten „der Lümmel“, auf jene Schüler also, die durch schlechtes Verhalten stören. In „Sports4Peace“ sah Lehner nun eine Möglichkeit, vor allem auch jene Schüler zu bestärken, deren positives Verhalten sonst unbeachtet bleibt, – „und das sind an unserer Schule sicher 95 Prozent!“
Nach Absprache mit ihrem Direktor Bernhard Fritz lud die engagierte Lehrerin im Frühjahr diesen Jahres Alois Hechenberger zu einer Lehrerfortbildung an ihre Schule ein. „Sofort waren alle vom Konzept begeistert“, erzählt sie. Schnell stand dann fest: Nicht nur einige wenige, sondern die ganze Schule sollte beteiligt sein! Und: Ein Lauf- und Spielfest sollte der Höhepunkt von „Sports4Peace am Achensee“ werden! Damit die Schüler und Lehrer sich jedoch mitden „Sports4Peace“-Regeln vertraut machen konnten, sollte es eine Art „Warmlaufphase“ geben, die acht Wochen vorher beginnen sollte. Eine Gruppe von fünf Lehrern nahm die weiteren Vorbereitungen in die Hand.
Im Mai ging’s dann richtig los! Alle zwei Wochen trafen sich die Schüler von da ab Montagmorgens in der Aula; beim ersten Mal für etwa eine halbe Stunde, später dann nur noch für circa 15 Minuten. Dabei würfelten die Klassensprecher mit dem „Sports4Peace-Würfel“ das Motto für die kommenden zwei Wochen. Gemeinsam überlegten sich dann alle, wie sie es im Schulalltag umsetzen konnten. Und damit sie das Motto immer vor Augen hatten, wurde es auf ein großes Plakat geschrieben und in der Aula aufgehängt. Zusätzlich erarbeiteten die Klassen noch einen sogenannten „Fairplay“-Katalog. Immer wieder legten sie dann im Lauf der Woche eine kurze „Auszeit“ ein: Schüler und Lehrer überlegten miteinander, wie und wo sie selbst oder andere die Regel umgesetzt hatten: „S. hatte die Jause vergessen, selbstverständlich haben wir geteilt.“ – „Ich habe V. getröstet und aufgemuntert, weil sie heute so traurig scheint.“ – „S. hält sich beim Spiel zurück und lässt Schwächere vor.“ So oder ähnlich notierten sie ihre Beobachtungen in einem Heft, mit dem die Klassensprecher dann am Ende einer Woche zum Direktor gingen, der ihnen für jede aufgeschriebene Umsetzung einen farbigen Ball aushändigte. Diese sammelte jede Klasse in einer großen Plexiglasröhre, die in der Aula aufgestellt war. „Wir hatten zunächst 1000 Bälle besorgt“, erzählt Astrid Lehner „aber die reichten bei weitem nicht. Die Schüler waren so begeistert und engagierten sich so sehr, dass wir schnell noch einmal 1000 Bälle besorgen mussten und später dann sogar noch mehr. Über 3000 Bälle haben wir gebraucht.“
Gut fünf Jahre sind seit der Geburt von „Sports4Peace“ vergangen. Hechenberger kann deshalb auf viele Aktionen zurückschauen. Fast 10 000 Würfel, so schätzt er, sind mittlerweile im Einsatz. Und die österreichischen Landesgrenzen hat der Würfel schon in seinem ersten Lebensjahr überschritten. Deshalb gibt es ihn und das zugehörige pädagogische Begleitmaterial Inzwischen auch in sechs Sprachen. Der Spielpädagoge hat das Konzept seit 2004 in zahlreichen Seminaren vorgestellt, 2005 im Rahmen des „Jahres des Sports für Entwicklung und Frieden“ sogar vor der UNO in Genf. Deshalb konnte er das Konzept inzwischen auch immer wieder verfeinern. Drei Schritte allerdings seien unumgänglich: würfeln, umsetzen, auswerten. Gerade die „Auszeit“ jedoch, das gemeinsame Wahrnehmen und Werten des Verhaltens, sei das anspruchsvollste Element des Konzeptes. „Normalerweise fragen alle: ‚Wer hat gewonnen?’ Und es gehört Mut und Entschlossenheit dazu, sich zusammen zu setzen und zu fragen: ‚Wie ist es gelaufen?’“ Viele Sport- und Spielpädagogen – so Hechenberger – unterstreichen jedoch, dass man nur so auch eine Verhaltensänderung erreichen könne. Nicht zuletzt deshalb komme den Betreuern, oder wie am Achensee den Lehrern, eine entscheidende Rolle zu. „Die Kinder und Jugendlichen spüren, ob sie hinter dem, was im Sports4Peace-Würfel rüber kommt, stehen.“ Und Astrid Lehner fügt hinzu: „Wir hatten im Konferenzzimmer auch ein Heft aufliegen, in dem wir Lehrer unsere Bemühungen und Beobachtungen festhielten und unsere Bälle haben wir genauso wie die Schüler in der Aula gesammelt.“
Außerdem hatte sich die Vorbereitungsgruppe am Achensee noch einen zusätzlichen Ansporn überlegt: Am Ende sollte jeder „erarbeitete“ Ball einen Euro einbringen; die Sponsoren dafür suchten sich die Schüler selbst. Das so verdiente Geld (über 3400 Euro) konnten sie dann einem Sozialprojekt zukommen lassen. Gemeinsam und mit positivem Verhalten kann man etwas erreichen und verändern. Beim Abschlussfest am Achensee wurde das nicht zuletzt durch das stattliche Netz sichtbar, in dem alle „erarbeiteten“ Bällen mit einem Kran in die Höhe gezogen wurden.
Schüler, Lehrer, Sponsoren und Ehrengäste erlebten darüber hinaus bei einem Friedenslauf und verschiedenen Fair-Play-Spielen eine Atmosphäre des Miteinanders und der gegenseitigen Wertschätzung, wie sie viele Lehrer nach eigenem Bekunden in ihrem langjährigen Schulalltag noch nicht erlebt hatten.
Deshalb – so Astrid Lehner – war das Fazit eindeutig: „Alle drei Jahre machen wir das an unserer Schule wieder – und wer will, darf auf unser Material zurückgreifen und es selbst ausprobieren.“ Über dieses großzügige Angebot dürfte sich auch der Sportinspektor von Tirol freuen, der nach dem Abschlussfest am Achensee überlegt, „Sports4Peace“ bei den landesweiten Lehrerfortbildungen einzubinden.
Gabi Ballweg
Informationen unter www.teamtime.net
Die „Sports4Peace“-Regeln
Do your best! – Sei mit vollem Einsatz und Freude bei der Sache
Play fair! – Sei ehrlich mit dir und den anderen
Hang in! – Gib nicht auf, auch wenn’s schwierig wird
Take care of! – Behandle alle mit Respekt, jeder ist wichtig
Celebrate! – Freu dich über den Erfolg des anderen, wie über den Eigenen
Make a difference! – Große Ziele können wir nur gemeinsam erreichen.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2009)
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