„Europa hat eine Hoffnung!“
Am 7. November trafen sich in Würzburg 1500 Mitglieder von 85 Bewegungen und Gemeinschaften aus ganz Deutschland. Sie wollten „Zeichen der Hoffnung“ setzen.
Wer wünscht sich das nicht: einen Raum, wo man so sein darf, wie man ist; wo man sich nicht ständig selbst ins rechte Licht rücken muss, weil man befürchtet, zu kurz zu kommen; wo man einander angstfrei begegnen kann. Aber schon im engsten Bekanntenkreis scheint das oft schwierig. Und wer
glaubt daran, dass eine „Kultur des Zusammenlebens von Verschiedenen“ nicht nur in einer kleinen
geschützten Nische möglich ist, sondern gesellschaftliche Norm werden kann?
Genau diese Hoffnung hegen die 250 christlichen Gemeinschaften, die in ganz Europa seit zehn Jahren
auf einem Weg der Freundschaft und des Miteinanders unterwegs sind. Und um diese Hoffnung ging
es auch beim „Miteinander-Tag“ am 7. November im Würzburger Dom. 1500 Mitglieder von 85 Gemeinschaften waren aus ganz Deutschland angereist. Die bunte Vielfalt der verschiedenartigen Gruppen kam nicht zuletzt durch die Dekoration mit mehrfarbigen Würfeln im Altarraum des Doms zum Ausdruck.
Nach den internationalen Konferenzen von „Miteinander für Europa“ in Stuttgart 2004 und 2007 hatte nun ein nationales Komitee, bestehend aus 17 Personen verschiedener Bewegungen und Gemeinschaften aus dem evangelischen, katholischen und freikirchlichen Raum zu dieser bundesweiten Begegnung eingeladen.
Freude und Herzlichkeit kennzeichneten den Tag unter dem Motto „Miteinander auf dem Weg – Zeichen der Hoffnung“.
Gerhard Proß, Leiter des CVJM Esslingen und Mitglied im nationalen Koordinationsteam, machte gleich zu Beginn deutlich, dass sich diese Hoffnung aus einer zweifachen Erfahrung nährt: „Wir leben in
einer Zeit, in der der Geist Gottes in kraftvoller Weise am Werk ist,“ unterstrich Proß mit Bezug auf den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Und mit Blick auf die seit dem 31. Oktober 1999 gewachsene Weggemeinschaft unter den so verschiedenen Bewegungen fügte er hinzu: „Einheit ist möglich – das haben wir erfahren und das bezeugen wir gern!“ Nicht nur äußere, sondern auch innere Mauern seien gefallen. Dabei habe man nie „einen Einheitsbrei“ gewollt, sondern „das Eins-Sein der Verschie denartigen“.
Die bunte Weggemeinschaft vermittelt Hoffnung. Das bestätigten die anwesenden kirchlichen Würdenträger. Der katholische Bischof von Würzburg, Friedhelm Hoffmann, bezeichnete sie als „Ferment für die Gesellschaft“. Der evangelische Regionalbischof für Ansbach und Würzburg, Christian Schmidt, betonte, der Weg zu einer Abendmahlsgemeinschaft der getrennten Konfessionen könne „am ehesten vom Miteinander der Gemeinschaften“ ausgehen.
Siegfried Großmann, früherer Präsident der Vereinigung evangelischer Freikirchen, ermutigte zu einer „Kultur der gegenseitigen Ergänzung“.
Und die Weggemeinschaft zieht Kreise. Das zeigten viele Zeugnisse, nicht zuletzt die Berichte der
„europäischen Freunde“ aus Italien und Frankreich, Eli Folonari (Fokolar-Bewegung) und Gerard
Testard (Fondacio), von den „Miteinander-Treffen“ in ihren Ländern (s.u.). Als „historisch“ werteten Beobachter die Anwesenheit von Hartmut Steeb, dem Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz. Proß begrüßte ihn als Repräsentanten eines „älteren geistlichen Bruders“ der seit zehn Jahren bestehenden Miteinander-Initiative. Hartmut Steeb brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, dass beide evangeliumsgemäßen Strömungen nahezu identische Ziele verfolgten und wünschte
sich: „Beide Strömungen müssen sich noch weiter vernetzen.“
Was kennzeichnete den Miteinander-Tag in Würzburg im Vergleich zu den Treffen in Stuttgart? Eine Angehörige des CVJM sagte dazu beim Weggehen: „Stuttgart 2004 war die Freude über die Entdeckung der anderen, 2007 eine Vertiefung des Miteinanders. Aber hier in Würzburg kam stärker heraus, dass unsere Weggemeinschaft nicht Selbstzweck ist, sondern dass wir damit eine Sendung haben!“
Marco Impagliazzo, Präsident der internationalen Gemeinschaft Sant‘Egidio, hatte das in seinem
Referat am Vormittag leidenschaftlich unterstrichen. Angesichts zunehmender Ängstlichkeit oder gar
feindlicher Gesinnung gegenüber Ausländern und Flüchtlingen seien Christen aufgefordert, materiellen
Ängsten konkrete Projekte der Hoffnung und des Miteinanders entgegenzusetzen.
Wo und wie das die Bewegungen und Gemeinschaften in Deutschland bereits umsetzen, beleuchteten
die neun Foren am Nachmittag.
Unterschiedliche Gemeinschaften hatten sie im Vorfeld gemeinsam vorbereitet und stellten darin bereits bestehende Projekte vor: für den Schutz des Lebens, für Ehe und Familie, für die Schöpfung, in der Wirtschaft, in Solidarität mit Armen und Benachteiligten, für den Frieden und in Verantwortung für die Gesellschaft. „Es war unglaublich ermutigend,“ berichtete eine Fokolar-Angehörige begeistert, „zu sehen, was in anderen Bewegungen für Arme und Benachteiligte läuft; dass den Teil, den wir nicht tun können, andere tun.“ Jemand anders erinnerte sich nach den Foren an „die Freude über die Entdeckung der verschiedenen Gaben“ beim ersten Mitarbeiterkongress in Stuttgart 2004; „nur dass es jetzt um die Konkretisierung dieser Gabe in die Gesellschaft hinein ging.“
In einer durch Applaus bestätigten Abschlusserklärung versuchten die Gemeinschaften, ihre Erfahrungen in den verschiedenen Projekten zu bündeln: Es fällt auf, dass es sich dabei nicht um eine Absichtserklärung oder einen Forderungskatalog handelt. In weiten Teilen stellen sie geradezu schlicht fest, wo und wie sie sich bereits einsetzen. Und vielleicht können daraus und aus dem Miteinander in dieser bunten Weggemeinschaft einmal umsetzbare und bereits erprobte Hinweise für gesellschaftliche Institutionen und die Politik erwachsen – für eine „Kultur des Zusammenlebens von
Verschiedenen“.
Vielleicht hat Landesbischof i.R. Jürgen Johannesdotter, der EKD-Beauftragte für Kommunitäten, deshalb am Ende des Tages ausgerufen: „Europa hat eine Hoffnung!“ und die Gemeinschaften aufgefordert, ihren „Schatz“ nicht zu verbergen, sondern unter die Menschen zu bringen.
Gabi Ballweg
Nationale Begegnungen 2009
In den zurückliegenden Monaten fanden auch in anderen europäischen Ländern nationale Begegnungen von „Miteinander für Europa“ statt.
Slowenien | „Christliche Bewegungen im Dienst an Frieden und Einheit“ – So berichtete eine slowenische Wochenzeitung von der Begegnung am 4. April in Logatec bei Lubljana. Über 1000 Teilnehmer, darunter viele Jugendliche, waren der Einladung des Koordinationsteams gefolgt.
Ungarn | Am 25. April kamen 480 Teilnehmer aus 16 Gemeinschaften und Bewegungen zum Treffen „Frieden und Verantwortung“ nach Budapest. Erfahrungsberichte zeigten Lösungen für viele Konflikte im täglichen Leben auf.
Belgien | In Roteselaar trafen sich am 9. Mai 170 Vertreter von 18 Bewegungen und Gemeinschaften. Sie vertieften die Grundlagen des Miteinanders mit Vorträgen, Erfahrungsberichten und in Workshops.
Slowakei | Unter dem Titel „Ja zur Familie“ trafen sich 120 Teilnehmer aus drei Kirchen am 16. Mai in Bratislava. Dabei wurden drei für die slowakischen Familien kritische Punkte behandelt: Familienväter, die aus Arbeitsgründen im Ausland leben; die Vorbereitung junger Menschen auf das Vater- und Muttersein; Adoptionen.
Frankreich | Dem Treffen „Ein Europa der Geschwisterlichkeit ist möglich!“ mit 1000 Teilnehmern aus 25 Bewegungen und Gemeinschaften am 16. Mai in Paris waren jeweils zwei bis drei vorbereitende Treffen in 40 französischen Städten vorausgegangen.
Irland | Vom 28. bis 30. August trafen sich 50 Vertreter von vier Gemeinschaften zu einem Wochenende in der Gemeinschaft von Corrymeela in Nordirland. Im gemeinsamen Einsatz für diese Gemeinschaft lernten sie sich besser kennen und vertieften auch die Geschichte von „Miteinander für Europa“.
Italien | In Loppiano kamen im September 1400 Mitglieder aus mehr als 60 Bewegungen und Gemeinschaften unter dem Motto „Miteinander für ein Europa des Geistes und eine Kultur der Gemeinschaft auf allen Ebenen“ zusammen. Viele bezeichneten die Begegnung als „Beginn einer neuen Etappe“.
Österreich | Am 21. November trafen sich in Graz Vertreter von Bewegungen und Gemeinschaften zu einem diözesanen Studientag. Dabei vertieften sie den Beitrag der christlichen Gemeinschaften für Europa. Eine weitere Begegnung findet am 19. Dezember in Wien statt.
Weitere nationale Begegnungen finden im Dezember in Russland und Kroatien statt.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2009)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und Email finden Sie unter Kontakt.
© Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München