10. Juni 2010

Lass ihn jetzt nicht stehen!

Von nst_xy

Mein Mann und ich freuten uns schon auf einen lange geplanten Abend bei Freunden. Doch dann war der Tag für uns beide stressig und kurz bevor wir losgingen, stritten wir sogar noch ein wenig.

Und dann – wir standen schon auf der Schwelle – tauchte noch ein befreundeter Unternehmer auf, der eine Unterschrift von uns brauchte. „Ausgerechnet jetzt! Das ist der völlig falsche Moment,“ schoss es mir als erstes durch den Kopf. Und dann: „Er kann nicht wissen, was für einen Tag wir hinter uns haben. Er freut sich, uns zu sehen. Lass ihn jetzt nicht stehen.“

Ein kurzer Blick zu meinem Mann bestätigte mir, dass er mich verstanden hatte. Wir wandten uns beide unserem Bekannten zu, grüßten ihn herzlich und baten ihn ins Haus. Die Stimmung war locker und die Unterschrift schnell erledigt. Humorvoll verabschiedete sich unser Bekannter, nachdem wir uns für einen anderen Abend verabredet hatten.

Auf dem Weg zu unseren Freunden konnten mein Mann und ich den kurzen Streit unter uns bereinigen und stellten froh fest, dass wir vor dem Haus an denselben Satz aus dem Evangelium gedacht hatten: „Liebt einander wie ich euch geliebt habe.“ Ich hatte das Gefühl, dass wir unseren Freunden durch dieses Erlebnis ein besonderes Geschenk mitbringen konnten – eine erfüllte Beziehung. N.C.

Ständig kam jemand.
Bis vor kurzem arbeitete ich als Geschäftsführerin eines Geschenkladens in einem Einkaufszentrum. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, morgens vor Arbeitsbeginn in aller Ruhe einen Espresso in einem der Cafés zu trinken. Mit der Zeit gesellten sich andere dazu, und es entwickelte sich ein origineller „Stammtisch“ – mit Filialleitern, einigen Italienern, Senioren und anderen Personen. Die Stimmung war sehr aufgeweckt und mit der Zeit entstanden freundschaftliche Beziehungen.

Eines Morgens erlag der junge Geschäftsführer „unseres Cafés“ noch im Café einem Herzinfarkt. Alle im Einkaufszentrum waren schockiert. Da ich unseren Laden zum Saisonwechsel umbauen musste, hatte ich an dem Tag viel Arbeit. Aber ständig kam jemand, um mit mir zu reden. Ich wurde zur Anlaufstelle für alle. So machte ich den Vorschlag, gemeinsam eine Trauerkarte zu schreiben. Alle waren einverstanden. Sie wollten sogar im Café eine Kerze für den Verstorbenen aufstellen. Weil im ganzen Zentrum striktes Kerzen-Verbot bestand, übernahm ich es, die Verwaltung davon zu überzeugen, dass sie eine Ausnahme machten.

Nun musste ich den Vorschlag noch mit dem Café-Inhaber klären. Da ich bisher keinen Draht zu ihm gefunden hatte, musste ich mich überwinden, ihn anzurufen. Das Gespräch dauerte sehr lang. Er erzählte mir seine nicht einfache Lebensgeschichte. Am Ende bedankte er sich und erlaubte uns, die Kerze aufzustellen. Er war mir gegenüber wie verwandelt. In all dem Schmerzlichen empfand ich es als großes Geschenk, dass ich – gerade noch rechtzeitig vor dem Verlassen des Zentrums – eine so positive Erfahrung mit ihm machen durfte. C.T.H.

Sie war mein ganzer Stolz!
Vor vielen Jahren habe ich gelesen, dass Franz von Assisi einem kranken Mann einen Mantel geschenkt hatte, obwohl auch seine eigene Gesundheit angeschlagen war. Einem besorgten Mitbruder hatte er erklärt: „Ich glaube, dass Gott mir den Mantel nur solange gegeben hat, bis ich jemanden treffe, der ihn noch nötiger hat.“ Das haute mich um. Ich klappte das Buch zu und sagte zu Gott: „Zeig mir, was du von mir willst!“ Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass er mich so ernst nehmen würde: Kurz darauf fragte mich meine Nachbarin, ob ich jemanden kenne, der seine Modelleisenbahn verkaufen würde. Sie wollte ihrem Mann zur Pensionierung eine Freude machen. Als sie über Spurengröße und Markenwünsche sprach, war mir klar, dass meine Modelleisenbahn gefragt war.

Ich war damals 25 und hatte andere Interessen, als mit einer Modelleisenbahn zu spielen. Aber: Sie war mein ganzer Stolz! Trotzdem hörte ich mich dann sagen: „Kein Problem! Ich gebe ihnen meine Modelleisenbahn zu einem günstigen Preis.“ Im selben Moment stieg ein unbeschreibliches Glücksgefühl in mir hoch. Es war Gottes „Antwort“ auf mein Geben.

Eigentlich war damit alles abgeschlossen. Doch vor kurzem – gut zehn Jahre später – fragte mich mein ältester Sohn nach einer Modelleisenbahn. Mir kamen zum ersten Mal Zweifel, ob ich damals richtig gehandelt hatte. Und obwohl ich noch gut wusste, wie glücklich ich gewesen war, bedauerte ich, meinem Sohn dieses Geschenk nicht machen zu können.

Genau in dieser Zeit traf ich den damaligen Nachbarn wieder, den ich über zehn Jahre nicht mehr gesehen hatte. Natürlich fiel mir sofort die Modelleisenbahn ein, aber ich sagte nichts. Beim Verabschieden meinte er: „Du hast ja jetzt auch Kinder. Komm doch nächste Woche mal bei mir vorbei; ich habe viele Dinge, die ich nicht mehr brauche.“ Als ich eine Woche später von ihm weg fuhr, war mein Kofferraum voll mit einem großen Teil meiner ehemaligen Eisenbahn – gratis. M.E.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2010)
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