10. Juni 2010

Randgruppen im Mittelpunkt

Von nst_xy

Einen Tag für Menschen leben, an die sonst vielleicht niemand denkt. Dazu lädt eine Gruppe Kinder und Jugendlicher in Wien seit ein paar Jahren regelmäßig ein. Heraus kam eine Initiative – die „socialdays“ – die nicht nur ihnen und ihren Freunden viel Spaß macht.

Jungen Leuten wird oft vorgeworfen, sie engagierten sich nur, wenn es um ihre eigenen Interessen gehe. Beim „socialday. für den Nächsten.“ in Wien scheint das nicht so zu sein. Kinder und Jugendliche im Alter zwischen neun und 17 Jahren treffen sich hier drei-, viermal im Jahr. Sie wollen „einen Tag für und mit Menschen leben, an die vielleicht niemand denkt und die am Rand der Gesellschaft leben!“ Dieser Wunsch führt sie zu Flüchtlingskindern, Obdachlosen, alten Menschen, Behinderten. Die Tage sind „ein Erlebnis“, sagt Anna Höss (15). Und Andi Chmielowski (16) ist jedes Mal so begeistert von der Begegnung mit den Obdachlosen, dass es ihn offensichtlich ganz cool lässt, wenn seine Freunde ihn deshalb nicht gerade mit Bewunderung als „Gutmenschen“ einordnen.

Angefangen hat es am Silvesterabend 2006/2007. Die „Jugendlichen für eine geeinte Welt“ in Österreich hatten ihre Freunde eingeladen, den Jahreswechsel gemeinsam zu feiern. Und bei der Planung war schnell klar: Die Party sollte „etwas anders“ sein als die üblichen Silvesterfeiern. „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.“ – Diese so genannte Goldene Regel haben sich die Jugendlichen der Fokolar-Bewegung zur Grundlage ihrer Initiativen gemacht. Sie sollte auch diesen Silvesterabend prägen. Deshalb wollten sie dabei nicht nur an sich und ihren eigenen Spaß denken, sondern den Tag zunächst mit Menschen verbringen, die sonst vielleicht nicht so viel Grund zum Feiern haben.

Die Idee hatte im Vorfeld alle ein wenig überrascht, erinnert sich die Unternehmensjuristin Angelika Bacher (36), die sich seit Jahren in der Jugendarbeit der Fokolar-Bewegung engagiert. Ein richtiges Konzept habe es nicht gegeben, gesteht sie. Aber der Gedanke habe alle so begeistert, dass sie einfach den verschiedenen Ideen nachgegangen seien, hier und dort angerufen hätten. Und „so ergaben sich verschiedene Einsatzmöglichkeiten.“

Am Nachmittag des 31. Dezember waren dann 90 junge Leute in verschiedenen Teams zu ihren Einsatzorten aufgebrochen: in Behinderten-Einrichtungen, zwei Altenheime, ein Flüchtlingsheim und eine Schulküche, um dort ein Festmenü für Obdachlose vorzubereiten.

Am Abend haben sie sich dann wieder getroffen. Und weil es so viel zu erzählen gab, war die Zeit bis zum Jahreswechsel geradezu verflogen. „Es hat echt viel Spaß g’macht!“ – „Ich hab’ erlebt, wie schön es ist, anderen eine Freude zu machen.“ – „Für das neue Jahr wünsche ich mir viele solche Erfahrungen.“ – So und ähnlich hätten sie berichtet, erinnert sich Angelika Bacher noch gut. Deshalb sei für die Jugendlichen ganz klar gewesen: Wir machen das wieder!

Seit jenem Silvesterabend haben viele weitere „socialdays“, wie sie ihre Einsatztage inzwischen nennen, stattgefunden – drei- bis viermal pro Jahr, teilweise noch mit denselben Einsatzorten und auch dem „Grundmuster“ jenes Silvestereinsatzes: Die Jugendlichen laden ein, treffen sich, bereiten ihren Einsatz vor und „schwärmen“ dann in verschiedenen Gruppen aus. Wenn die Zeit das zulässt, treffen sie sich zum Abschluss dann noch einmal, um einander zu erzählen, wie es gelaufen ist.

Zum Beispiel wie es beim Gala-Dinner für die Nichtsesshaften war. In der Schulküche der Schulbrüder in Wiens 15. Bezirk wird dann geschnippelt, gebrutzelt und dekoriert. Da ist Konzentration gefragt, sonst sind die drei Gänge, welche die Jugendlichen ihren Gästen in der Regel anbieten, nicht rechtzeitig fertig. Und während die einen in der Küche arbeiten, deckt eine andere Gruppe den Tisch; besonders festlich und liebevoll soll das sein für die 60 bis 80 Gäste. Hier ist Kreativität und Improvisation gefragt, vor allem, wenn die ersten Festgäste schon eine Stunde zu früh eintreffen. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass zwei oder drei der jugendlichen Gastgeber alles stehen und liegen lassen und sich mit ihnen an die noch unfertigen Tische setzen. Ein paar Mal haben die Jugendlichen auch Dinge von zuhause mitgebracht, die sie dann hübsch auf einem Geschenktisch hergerichtet haben. Natürlich sei es immer etwas spannend, so Andi, wer letztendlich dann komme – „aber bisher ging immer alles bestens!“ Beim ersten Mal habe er sich schon gefragt, was man denn da die ganze Zeit machen solle; aber das habe sich gelegt: „Es gibt immer etwas zu erzählen. Ich hab entdeckt, dass die Nichtsesshaften sich wirklich für alles interessieren: Politik, Philosophie; da fehlt es nie an Gesprächsthemen!“ Manchmal gibt es auch eine musikalische Einlage, und immer seien alle sehr zufrieden: die Gäste, „aber auch wir!“, unterstreicht der 16-jährige Wiener Schüler sehr bestimmt.

Sich überwinden und dann entdecken, wie viel sie zu geben haben, das scheint die wichtigste Erfahrung für die Jugendlichen zu sein. Und Überwindung braucht es mal mehr, mal weniger. Denn keiner weiß im Vorfeld so ganz genau, wen man dann trifft – im Altersheim oder bei den Schwestern von Mutter Teresa. Jede und jeder kann seine Idee in der etwa zweistündigen Vorbereitungszeit einbringen, und so verläuft jeder „socialday“ ein wenig anders. Im Altersheim CaSa Leben im 10. Bezirk tanzen sie manchmal sogar mit den alten Menschen und staunen dann, wie viel Spaß das macht. Meist bereiten die Jugendlichen für ihre Besuche bei den Senioren aber Lieder vor, Sketche, eventuell auch ein Geschenk zum Mitbringen. „Im Altenheim muss man vor allem zuhören“, erklärt Andi. „Dabei erfährt man echt viel!“

Die Erfahrung, selbst beschenkt zu werden, wenn man die eigenen Talente für andere ins Spiel bringt, überrascht vor allem diejenigen, die zum ersten Mal mit dabei sind. Wie zuletzt eine Gruppe von Firmlingen aus einer Wiener Pfarrei, die in der abschließenden Runde darüber staunten, wie viel sie selbst zu geben hatten. Oder Emir, ein junger Bosnier und begeisterter Tänzer in seiner Volkstanzgruppe, der für den Nachmittag mit den Flüchtlingskindern einen Workshop angeboten hatte: „Tänze aus dem Balkan“. Die Kids „fanden das toll!“, erzählt Angelika Bacher, „viele kannten das eine oder andere Element aus ihrer Heimat, andere brachten eigene Tanzschritte ein, und Ermin selbst war so begeistert, dass er seine ganze Volkstanztruppe überredete, an einem Benefizkonzert für die ‚socialdays’ mitzumachen.“

Die Idee für dieses Konzert war den Jugendlichen aus der Vorbereitungsequipe gekommen, weil sie für ihren Einsatz natürlich auch Geld brauchen und sich überlegten, wie sie „auf möglichst nette Art und Weise“ zu Spenden kommen konnten. Wie Ermins Volkstanzgruppe hatten sich dann auch viele bereit erklärt, mit ihren musikalischen oder künstlerischen Talenten beizutragen. „23 verschiedene Beiträge, 100 Akteure und 300 Besucher“ – so fasst Anna Höss das Benefizkonzert „Colours of the World“ nicht ohne Stolz in Worte. Wie man als Gemeinschaft Höchstleistungen zustande bringen kann, das wollten sie zeigen, erklärt die 15-Jährige.

„Wir haben es uns eigentlich ganz einfach gemacht, unsere Talente mit allen geteilt und so versucht, einen abwechslungsreichen Nachmittag zu gestalten.“

Die Beiträge waren international und vielseitig: „Nicht nur mit Musikstücken auf klassischen Instrumenten haben unsere Künstler die Zuschauer verzaubert, sondern auch mit tänzerischen Darbietungen! Von bosnischer Volkstanzkunst, indischem Tanz und mystischen Darstellungen bis zu Stomp und Breakdance war alles dabei!“, schwärmt Anna. „Und zwei lustige Clowns haben für Abwechslung und Tiefgang gesorgt!“ Zwischendurch haben die Jugendlichen dann ihr Projekt „socialday“ vorgestellt. Am Schluss luden sie alle ein, an einem internationalen Buffet Schmankerl aus aller Welt zu kosten. Nicht nur die großzügigen Spenden, sondern auch die persönlichen Reaktionen des Publikums bestärkten die Jugendlichen in ihrem Engagement. Der Leiter von Ermins Volkstanzgruppe beispielsweise wollte genau wissen, ob er schon zu alt wäre für ein solches Engagement – gerne wollte er „diesem Verein“ beitreten.

Die „socialdays“ gibt es inzwischen nicht nur in Wien; auch in anderen Städten Österreichs haben sich kleine Gruppen „im Einsatz für andere“ getroffen. Auch sie berichten vor allem von der Freude und Überraschung, die sie bei ihrer Initiative erfahren. Vielleicht ist also doch etwas dran an der Annahme, dass Jugendliche sich nur dann engagieren, wenn es ihnen etwas bringt. In Punkto Spaß zumindest scheinen die Jugendlichen in Wien bei den „socialdays“  reich beschenkt, dadurch dass sie andere in den Mittelpunkt stellen.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2010)
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