Auf nach Jerusalem
Tagebuch der diesjährigen NEUE STADT-Leserreise auf den Spuren Jesu im Heiligen Land
Dienstag, 25. Mai
Die Landung in Tel Aviv ist äußerst holprig. Mancher der 53 Teilnehmer an der diesjährigen Leser- reise der NEUEN STADT hat wohl den Wunsch verspürt, den Boden zu küssen – nicht nur, weil dies Heiliges Land ist, sondern auch wegen der geglückten Landung. Die Mitreisenden kommen aus der Schweiz, aus Belgien und aus allen Teilen Deutschlands. Wie immer war die Nachfrage weit höher gewesen als das Platzangebot. Zwischen den etwa 100 Interessenten an dieser Reise musste am Ende das Los entscheiden. Die Busfahrt geht zuerst durch die fruchtbare Sharon-Ebene nach Norden und dann östlich ins galiläische Bergland. Es ist erstaunlich, was das neue Israel in den 60 Jahren seines Bestehens geleistet hat. Vieles verdankt es Pionieren wie den Idealisten der Kibbutz-Bewegung. Im Kibbutz Lavi, einer dieser religiös-sozialistischen Siedlungen, beziehen wir Quartier. Zeugen der Anfangszeit berichten, wie sie dem öden Bergland ihre Lebensgrundlage abgerungen haben.
Mittwoch, 26. Mai
Rudolf Ammann, Schönstattpater und Führer unserer Reise, leitet uns mit der Bibel in der Hand durch die Landschaft, aus der der Galiläer Jesus stammt: Chorazim, Betsaida, Kafarnaum und Magdala heißen die Städte, die alle eng beieinander liegen. Vom Berg der Seligpreisungen kann man zu Fuß hinunter gehen nach Tabgha, wo die wunder- bare Brotvermehrung stattgefunden haben könnte. Pater Ammann ist seit 30 Jahren Israelreisender. Er hat die bewundernswerte Gabe, mit den Texten aus der Schrift und seiner eigenen Glaubenserfahrung „Kopfkino“ zu projizieren: Während zwischen den Ausgrabungsruinen der aus den Psalmen bekannte Klippdachs herumspringt und im Hintergrund die Boote über den See Gennesaret gleiten, zieht vor unseren geistigen Augen der Wanderprediger Jesus vorüber. Hier ist er sich seiner Sendung bewusst geworden, die die Welt verändert hat. Hier hat er sich seine armselige Gefolgschaft zusammengesucht, mit der er sein „Reich“ aufrichten wollte. Hier liefen ihm Menschenmassen nach – und auch wieder davon. Hier hat er viele Menschen spüren lassen, dass eine Kraft von ihm ausging, die Mut machte und Heilung schenkte.
Donnerstag, 27. Mai
Woher kam dieser Jesus? Diese Frage stellte sich erst richtig nach seiner Auferstehung – vor allem für die, die ihm nur nach Ostern begegnet sind. So bekommt der auferstandene Christus, den die Reisegruppe auf dem Berg Tabor gewissermaßen in seiner verherrlichten Gestalt wahrnimmt, in seiner Heimatstadt Nazareth ganz menschliche Züge: die seiner Mutter Maria, die ihn gewiss wohl zu der immer noch sprudelnden Quelle mitgenommen hat; oder die von Josef, der Person, die das Vaterbild dieses Jesus maßgeblich geprägt hat.
Freitag, 28. Mai
Die Spuren Jesu führen auch nach Norden, an eine der drei Jordan- quellen. Banjas heißt der Ort, den die Bibel Cäsarea Philippi nennt. Hierher hat sich Jesus zurück- gezogen, als er immer mehr als Wunderheiler und Brotvermehrer missverstanden wurde. Hier erhebt sich unvermittelt aus der Ebene die erste Felswand des Hermon- Gebirges. Hier standen schon vor den Zeiten Jesu viele Heiligtümer und Tempel. Hier galt schon seit Urzeiten die mächtige Höhle in der Felswand als der Eingang zur Unterwelt. Vor diesem Szenarium wird die Zusage Jesu an Petrus höchst anschaulich: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16,18)
Samstag, 29. Mai
Wir verlassen Galiläa. Der Weg nach Jerusalem führt – heute wie damals – den Jordan hinab. Mit 9000 Jahren gilt Jericho als älteste noch existierende Stadt der Welt. Hier wirkt sogar die gut 3000-jährige biblische Geschichte noch vergleichsweise jung. Der strategisch wichtige Ort wurde vor 1200 Jahren von den „Kindern Israels“ eingenommen. Heute liegt er im Palästinenserland, doch der Blick auf die politische Entwicklung führt unweigerlich zur Frage, wann die „Kinder Israels“ im Rahmen der 1948 begonnenen „zweiten Landnahme“ auch diese Stadt wieder zurückholen. Unweit von Jericho liegt Qumran, wo zu Jesu Zeiten der Essener- Orden seinen Hauptsitz hatte. Die Spiritualität dieser Gruppierung hat wohl auch das Denken Jesu geprägt. Als „wahrer Mensch“ war der Gottessohn den geistigen Strömungen seiner Zeit ausgesetzt. Diese Erkenntnis lässt nach und nach die Ehrfurcht vor diesem Land wachsen: Alles hier – Landschaft, Klima, Geschichte, Politik, Kultur, Religion – ist Teil der Offenbarungsgeschichte Gottes. Er hat sich diesen kleinen Landstrich und diese ganz bestimmte Zeit ausgesucht, um seinen Heilsplan für die Menschheit zu verwirklichen. Der letzte Abschnitt dieses Tages ist der Weg „hinauf nach Jerusalem“. Vom Toten Meer – 400 Meter unter dem Meeresspiegel liegend – geht es auf 800 Meter über Null, also 1200 Meter Höhenunterschied.
Sonntag, 30. Mai
Für die NEUE STADT-Reisegruppe ist es der Tag der Kinder. Wir haben in Betlehem im Gästehaus eines Waisenhauses übernachtet und in der Vinzentinerin Soeur Sophie eine Mutter Teresa von Palästina kennengelernt. Die dramatischen Ereignisse die hinter jedem ihrer Schützlinge stecken, sind unsagbar. Weil in Teilen der Gesellschaft, aus der die meist unehelichen Babys stammen, auch noch der Ehrenmord gang und gäbe ist, muss die Schwester die Mütter oft genauso schützen wie die Kinder. Nicht immer gelingt es! Und dann stehen wir auf den Hirtenfeldern von Betlehem, wo die Engel verkündeten, dass von einem Kind der Friede auf Erden ausgehen würde! Unglaublich! Die sogenannte Geburtsgrotte veranschaulicht, dass Marias Schicksal und Josefs Mut auch damals lebensgefährlich waren. So ein Gott muss verrückt sein – verrückt aus Liebe zu den Menschen!
Montag, 31. Mai
In der Nacht haben israelische Soldaten einen Schiffskonvoi mit Hilfslieferungen für Gaza gestoppt; Menschen kamen ums Leben. Als wir – vom Ölberg kommend – das arabische Viertel der Altstadt betreten, sind wir unversehens mitten im Konflikt: Steine fliegen über uns hinweg; israelische Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag zielen über unsere Köpfe auf die vermummten arabischen Jugendlichen; die Geschäfte werden auf einmal verriegelt; selbst kleine Schulkinder ziehen Parolen schreiend durch die Straßen. Wie schön und friedlich war es doch in Galiläa gewesen! Jerusalem dagegen ist eng, hektisch, bedrängend, friedlos. Von einem Moment auf den anderen kann die Stimmung umschlagen und lebensbedrohlich werden – heute wie damals! Der Weg durch die Via Dolorosa zur Grabeskirche ist besonders bedrückend auch wenn heute fast gespenstische Stille herrscht. Die arabischen Läden in der Altstadt sind aus Protest geschlossen. Die Grabeskirche, die auch den Golgota-Felsen enthält, ist auch keine Oase des Friedens. Zu deutlich treten hier die Rivalitäten der über dreißig verschiedenen christlichen Konfessionen zutage, die diesen heiligsten Ort der Christenheit eifersüchtig untereinander aufgeteilt haben. Wie soll von den Christen ein Friedenssignal für dieses Land ausgehen, wenn sie sich – wie letztes Jahr geschehen – wegen ritueller Streitigkeiten in ihrer heiligsten Kirche gegenseitig verprügeln? Und doch hat Gott diese Stadt ausgewählt: als seine Stadt, als Heimat aller Völker. Was mag er sich nur dabei gedacht haben?
Dienstag, 1. Juni
An der so genannten Klagemauer verdichtet sich das Drama Jerusalems: Hier stand die Jebusiter-Festung, die David eingenommen und so sein Reich begründet hat. Hier stand der Tempel Salomos, der das babylonische Exil Israels nicht überlebte. Hier baute Herodes den zweiten Tempel auf, dessen Zerstörung durch die Römer Jesus vorhersagte. Aber oben auf dem Tempelplatz steht auch die drittwichtigste Moschee des Islam, während unten an der Mauer fromme Juden die Errichtung des Dritten Tempels herbeibeten. Den wiederum sehen die Christen bereits errichtet: durch die Auferstehung Jesu. Unser Gottesdienst in der Grabeskirche bringt zum Ausdruck, was wir in diesen Tagen überdeutlich erfahren: Das Grab war zu eng für diesen Gott, Jerusalem zu klein, das Land zu begrenzt. Er hat all diese Grenzen gesprengt, weil er sein Reich, sein neues Jerusalem überall aufbauen will. Jetzt sind wir dran!
Mittwoch, 2.Juni
Auf dem Programm steht das neue, das christliche Zion, also die Stätten in Jerusalem, die mit der ersten Christengemeinde in Verbindung zu bringen sind. Aber im Laufe des Tages treten immer mehr die lebendigen Steine in den Vordergrund, die den neuen Tempel, die neue Stadt Gottes bilden: die Benediktiner in der Dormitio-Abtei, die viel für den interkonfessionellen aber auch interreligiösen Dialog tun; die vielen geistlichen Gemeinschaften – wie Chemin Neuf –, die hier im Dienst an der Versöhnung arbeiten; die Fokolare, denen wir am Abend begegnen und deren Einsatz ganz besonders dem Dialog unter den Religionen gilt.
Donnerstag, 3. Juni
Die letzte Station dieser Reise auf dem Weg zum Flughafen ist Emmaus. Der Name steht für das entsetzte Weg- laufen aus Jerusalem, für eine ein- fache und doch tiefe Begegnung mit dem Auferstandenen und schließlich für die Rückkehr nach Jerusalem, um das Erlebte zu bezeugen. Passender könnte es nicht sein: auch wir verlassen Jerusalem; und manches, was wir erlebt haben, war zum Davonlaufen. Aber in der Schrift, in den heiligen Orten, in den Begegnungen mit großartigen Menschen und nicht zuletzt in einem außergewöhnlichen Miteinander unter uns sind wir dem Auferstandenen begegnet. Und jetzt führt der Weg „zurück“ nach Jerusalem, um dort zu bezeugen, was wir gesehen und erlebt haben. Wo dieses neue Jerusalem ist, weiß jeder der 53 Mitreisenden ganz genau.
Joachim Schwind
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2010)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und Email finden Sie unter Kontakt.
© Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München