Keine Übergestalten
Mit einem dreitägigen Programm ging in Rom das internationale Priesterjahr zu Ende. Der Schweizer Tobias Häner, seit fünf Jahren Priester, zieht seine persönliche Bilanz.
Zwiespältig waren die Gefühle, mit denen ich zu den Feierlichkeiten zum Abschluss des Priesterjahres nach Rom gefahren bin. Wie viele Priester hatte ich mich schon langfristig entschlossen, an den Abschlussfeierlichkeiten teilzunehmen. Immerhin war mit einem ziemlich einmaligen, weltweiten Großereignis zu rechnen. Doch im Laufe der letzten Monate war mein Interesse dann eher geschwunden und hatte fast einem Gefühl der Abneigung Platz gemacht. Es schien doch zu sehr auf eine Veranstaltung hinauszulaufen, in der die Figur des Priesters überhöht dargestellt und auf ein Podest gehoben würde, auf das sie nach meinem eigenen Priesterverständnis nicht gehört. Dass ich am Ende doch nach Rom gefahren bin, war die Konsequenz einer einfachen Überlegung:
Das Priesterjahr war ein wichtiges Unternehmen meiner Kirche, und der Papst hat sehr engagiert zu dieser Abschlussveranstaltung eingeladen. Das reicht als Grund, um nach Rom zu fahren.
Das dreitägige Programm war geprägt von zwei großen Katechesen an den Vormittagen des 9. und 10. Juni durch die Kardinäle Meisner (Köln) und Quellet (Quebec), durch das von Schönstatt und der Fokolar-Bewegung vorbereitete Meeting in der päpstlichen Audienzhalle am Nachmittag des 9. Juni, durch die Vigilfeier mit Papst Benedikt auf dem Petersplatz am Abend des 10. Juni und durch die abschließende Messe am Vormittag des 11. Juni, ebenfalls mit dem Papst vor St. Peter.
Während bei den sehr theologisch geprägten Katechesen noch eine große Verhaltenheit unter den anwesenden Priestern zu spüren war, gestaltete sich die Vigil mit dem Papst als überraschend frische, lebendige und mitreißende Veranstaltung. Zeugnisse aus allen fünf Kontinenten – sowohl in Videozuspielungen als auch durch Live-Beiträge – ließen ein sehr facettenreiches Bild der Berufung zum Priestertum entstehen. Dabei kamen nicht nur Priester zu Wort, sondern beispielsweise auch Ordensfrauen, die ihre Aufgabe darin sehen, uns Priester vor allem auch durch ihr Gebet zu unterstützen, oder Familien als dem ersten Ort, an dem die Berufungen wachsen.
Auch die Ansprache des Papstes war kein trockener Monolog, sondern gliederte sich in Antworten auf fünf sehr spannende Fragen von Priestern zu ihrem Dienst und ihrer Berufung: die nach den immer größer werdenden pastoralen Zuständigkeitsbereichen, unter denen viele Pfarrer leiden; die nach der Rolle und Unabhängigkeit der Theologie; die nach der Tendenz zum Klerikalismus; die nach dem Zölibat; und schließlich die Frage der weniger werdenden Priesterberufungen.
Benedikt XVI. ließ bei all diesen Fragen sein vorbereitetes Manuskript beiseite und antwortete frei. Viele Priester hatten so den Eindruck, an einem ganz persönlichen Gespräch mit dem Pontifex teilzunehmen. So zum Beispiel als er – neben dem Hinweis auf die nötige Ausgewogenheit zwischen Verkündigung, Sakramentenspendung und tätiger Nächstenliebe – uns Priestern nahe legte, ihren wöchentlichen Ruhetag ernst zu nehmen. Und in seiner Antwort auf die Frage nach den schwindenden Berufungen verwies der Papst ausdrücklich auf die wichtige Rolle der Bewegungen und Gemeinschaften als die Umgebung, in der Berufungen zum Priestertum reifen können.
Benedikt schlug damit zugleich eine Brücke zu der Veranstaltung von Schönstatt- und Fokolar-Priestern, an der am Tag zuvor etwa 4000 Priester in der großen päpstlichen Audienzhalle teilgenommen hatten.
Noch mehr als die Vigilfeier mit dem Papst war diese Begegnung geprägt gewesen von einer abwechslungsreichen Mischung aus künstlerischen Beiträgen, Lebenszeugnissen, geistlichen und theologischen Impulsen.
Obwohl auch die Krisensituationen von Priestern – Anfechtungen im Zölibat, Gefahr von Abhängigkeit, Tendenz zur Vereinsamung – offen zur Sprache kamen, überschrieb der Osservatore Romano seinen Bericht von der Veranstaltung mit dem Titel: „Propheten einer neuen Welt“.
Wenn die ganzen drei Tage darauf angelegt waren, den Priestern Mut für die Zukunft zu machen, so konnte man in dieser Begegnung mit Priestern aus neueren geistlichen Gemeinschaften auch erkennen, wohin dieser Weg in Zukunft führen könnte oder sogar sollte: ein Priestertum, das sich nur in Gemeinschaft zu seiner Fülle entfalten kann.
Was bleibt von dieser Abschlussveranstaltung und vom Priesterjahr als ganzem? Ich kann darauf nur persönlich antworten: Gewiss hat es die Identität des Priesters ins Blickfeld gerückt und geschärft, damit zugleich aber auch das Wissen um die Gefährdung dieser Berufung. Nicht zuletzt durch die Skandale, die gerade in diesem Jahr die Kirche und ihre Priesterschaft erschüttert haben, widerstand man der durchaus realen Versuchung, die Priester als „Übergestalten“ wieder auf ein Podest zu stellen, das sie – in der Mehrzahl – längst verlassen haben.
In mir bleibt vor allem die Erkenntnis, dass das Priestertum ein Geschenk ist: zunächst einmal ein unverdientes Geschenk Gottes für mich, für das ich immer wieder nur dankbar sein darf; dann aber auch ein Geschenk für die Kirche und für die Menschen. Und damit wird für mich als Priester das Geschenk zur demütigen Verpflichtung.
Tobias Häner
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2010)
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