10. Oktober 2010

Immer und überall

Von nst_xy

Wie lassen sich Glauben und Leben neu zusammenbringen? Die Antwort, die Madeleine Delbrêl auf diese Frage fand,
lautet: „Gott einen Ort sichern”- mitten im Alltag mit all seinen Widrigkeiten. Delbrêl (1904-1964) fand mit 20 Jahren zum Glauben. Im säkularisierten Umfeld der Pariser Arbeitervorstadt Ivry beschritt sie neue Wege, als Christin zu leben und Zeugnis zu geben. Hans Urs von Balthasar bezeichnete sie als „eine der bedeutendsten Frauen des 20. Jahrhunderts”.

Das Erste, was wir von Madeleine Delbrêl lernen können, ist: Lass Gottes Wort in dich hinein! Lass zu, dass es in dir geschieht! Erlaube diesem Wort, dass es sich in deinem Leben auswirkt! Und das Zweite: Der Ort, wo uns dieses Wort begegnet, ist der Alltag.

Madeleine lässt den Einwand nicht gelten, dass ein Tag, der mit Terminen und Verpflichtungen vollbesetzt ist, die Begegnung, das Rendezvous mit Gott nicht zulasse. Immer und überall kann Gott, kann sein Wort gehört werden, wenn man nur will, wenn man nur jederzeit und überall ein Signal des Geliebten erwartet, wie in der Haltung zweier sich liebender Menschen. Das ist ihre tiefste Überzeugung. Dafür bedarf es keinen Aufwand – weder an Zeit noch an Raum. Unser ganz konkretes Leben, die einfachste, alltäglichste Handlung birgt die Möglichkeit in sich, Gott und seinem Wort zu begegnen. So hat Madeleine es erfahren:

„Nirgendwo sonst als in unserem Leben strömt von morgens bis abends zwischen den Ufern unserer Häuser, Straßen, Begegnungen das Wort, in dem Gott gegenwärtig sein will.

Nirgendwo sonst als in unserem Geist, der uns durch unsere Arbeit und Mühsal, durch unsere Freude und Liebe hindurch auferbaut, will Gottes Wort wohnen. Jener Satz des Herrn, den wir während einer heiligen Messe oder einer Fahrt in der Untergrundbahn dem Evangelium entrissen haben oder zwischen zwei Haushaltsarbeiten oder abends in unserem Bett, darf uns ebenso wenig verlassen wie unser Leben und unser Geist.”

Dieser „Satz des Herrn” bleibt nicht in uns verschlossen. Das ist für Madeleine Delbrêl ganz wichtig. Das Wort Gottes strahlt aus in den ganz konkreten Alltag hinein: „Es wird uns befruchten, verwandeln, erneuern: den Händedruck, den wir heute zu geben haben, wie wir unsere Arbeit bewältigen, die Art, wie wir die Menschen anblicken, die uns begegnen, wie wir gegen unsere Müdigkeit ankämpfen, wie wir einen Schmerzanfall bestehen, in einer Freude aufblühen. Es will überall dort zu Hause sein, wo wir bei uns selber verweilen. Es will wir selber sein, wo immer wir selber sind.” Das Wort will in uns „Fleisch werden”.

So kann auch ein mit Terminen und Verpflichtungen noch so vollbesetzter Tag das Rendezvous mit Gott und seinem Wort nicht verhindern:

„Ist unser Tag so vollgestopft, dass Pausen unmöglich sind, wenn unsere Kinder, der Ehemann, das Haus, die Arbeit, die Gemeinschaft fast alles beanspruchen, dann glauben wir und vertrauen darauf: Die göttliche Kraft des Wortes Gottes kann dem Wort stets Raum verschaffen. Wir sehen es dann aufleuchten, während wir eine Straße entlanggehen, unsere Geschäfte besorgen, Gemüse putzen, auf ein Telefonat warten, unseren Flur kehren; wir sehen es aufblitzen zwischen zwei Bemerkungen eines Mitmenschen, zwei zu schreibenden Briefen, beim Erwachen und beim Einschlafen. Denn das Wort hat seinen Platz gefunden: ein armes und warmes Menschenherz, das ihm Herberge bietet.”

„Jede Handlung, die von uns gefordert wird, lässt uns Gott in Fülle empfangen und ihn in Fülle weitergeben in einer großen Freiheit des Geistes.” Das ist für Madeleine das Wichtige: empfangen und weitergeben.

„Dann wird das Leben ein Fest”, sagt Madeleine, und zwar mitten im Alltag. Mit wachsamer Aufmerksamkeit spürt sie gerade die alltäglichsten Dinge auf, die ein „gewaltiges Ereignis” sein können, in dem „uns das Paradies geschenkt wird, das wir – wie von selbst – weiterverschenken …” – wenn wir es nur in der liebenden Beziehung zu Gott tun. „Egal, was wir zu tun haben: ob wir einen Besen oder eine Füllfeder halten, ob wir reden oder stumm sind, etwas flicken oder einen Vortrag halten, einen Kranken pflegen oder am Schreibtisch arbeiten…. All das ist nur die äußere Schale einer herrlichen inneren Wirklichkeit, der Begegnung der Seele mit Gott in jeder neuen Minute, wo sie an Gnade zunimmt und immer schöner wird für ihren Gott.”

Es geschieht, wie Madeleine sagt, in jeder Minute, in jedem Augenblick, mitten in dem, was mir gerade begegnet, in dem Menschen, der eben jetzt auf mich zukommt.

FRAGEN AN UNS

Die Beispiele, die Madeleine nennt, werden zu einer Anfrage an uns:

„Es läutet an der Tür?” – „Schnell! Aufgemacht”, sagt Madeleine, „es ist Gott! Er kommt, um uns zu lieben!” Wie oft aber stöhnen wir: Wer kommt denn jetzt schon wieder…

„Eine Bitte an uns? Ja, gern. Es ist Gott! Er kommt, um uns zu lieben!” Wir hingegen klagen oft: Ach, immer diese Anfragen …

„Zeit, sich zu Tisch zu setzen? Gehen wir: Es ist Gott! Er kommt, um uns zu lieben! Lassen wir ihn gewähren!”

Lassen wir Gott gewähren? Leben wir im Bewusstsein, dass Gott uns vorbereiten will auf das Festmahl, zu dem er uns für alle Ewigkeit einladen möchte? Haben wir schon einmal etwas von dieser stillen und erfüllenden Freude verspürt, die der Herr gerade dann schenkt, wenn wir im Hören auf sein Wort gehandelt haben?

Rosemarie Nürnberg

aus: Rosemarie Nürnberg, Ergriffen von Gott.

Exerzitien mit Madeleine Delbrêl, Verlag Neue Stadt 2010, 96 Seiten, ISBN 978-3-87996-879-4, Bestellen

GEBET

Deine Worte, mein Gott, sind nicht dazu da,

um tatenlos in unseren Büchern zu bleiben.

Sie sollen in uns eindringen,

in uns Fleisch werden

und sich in unserem Leben auswirken,

damit sie uns leiten

und in uns die Welt durcheilen.

Gib, dass das Feuer, das in ihnen lebendig ist,

uns erreicht und entzündet,

damit wir von ihm entflammt,

wie Zunder im Stoppelfeld,

auf den Straßen unserer Stadt unterwegs sind

und die Menschen, die uns begegnen,

ganz besonders die, die uns nahestehen,

mit der Seligkeit und der Freude anstecken,

die du selbst bist.

Darum bitten wir dich

durch Jesus Christus, unseren Herrn.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2010)
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