10. Oktober 2010

Raus aus der Schmuddelecke

Von nst_xy

Mit Depressionen will keiner gern zu tun haben. Sie kommen vor allem dann ins Gespräch, wenn Unglücke geschehen, und gelten als unheimliche und erschreckende Krankheit. Immer häufiger ist von einer Volkskrankheit die Rede. Was es damit auf sich hat, wie die Krankheit aussieht, und was für Betroffene und Angehörige wichtig ist, erklärt Martin Hautzinger. Der Psychologieprofessor aus Tübingen zählt zu den führenden Depressionsforschern in Deutschland.

Herr Hautzinger, im Zusammenhang mit Depressionen spricht man immer öfter von einer Volkskrankheit. Wie kommt das?

Hautzinger: Nach Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation nehmen Depressionen und andere psychische Erkrankungen so sehr zu, dass sie bis zum Jahr 2020 voraussichtlich die zweithäufigsten Krankheiten sein werden.

Dafür sind unterschiedliche Faktoren verantwortlich: die komplexere Umwelt, die gestiegenen Ansprüche an den einzelnen, die Auflösung der klassischen Auffangstrukturen wie Großfamilie oder andere regionale Verbünde. Überforderung und Belastung spielen eine Rolle. Sogar die Jahreszeiten, Lichtverhältnisse und Sonneneinstrahlung haben Einfluss. So gilt: Je industrialisierter ein Land, oder auch je weiter nördlich, umso höher die Depressionsraten. Außerdem sind Ärzte heute sensibler für die Krankheit, so dass sie leichter erkannt wird.

Die Bezeichnung „Volkskrankheit” sagt, dass es jeden treffen kann! Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Lebens daran zu erkranken, liegt bei 20 bis 25 Prozent. Ein solch hohes Lebenszeitrisiko erreicht kaum eine andere Krankheit.

Trotzdem gehört sie nach wie vor zu den Tabuthemen. Ändert sich das dadurch, dass sie häufiger auftritt?

Hautzinger: Keiner sagt gerne, dass er deswegen vier Wochen krank war. Da hat man lieber Bauchschmerzen oder eine unklare Infektionserkrankung. Trotzdem meine ich, dass sich etwas ändert. Man spricht allgemein mehr darüber, und auch die Medien berichten häufiger. Die Krankheit wird stärker wahrgenommen. Aber deshalb sind Depressionen noch lange nicht aus der Schmuddelecke heraus.

Unterschiedliche Stimmungen kennt jeder. Wo liegt die Grenze zu einer behandlungsbedürftigen Depression?

Hautzinger: Als gängige Symptome gelten: Niedergeschlagenheit, Antriebsmangel, fehlendes Interesse, schlechter Schlaf; fehlende Energie, Frische und Erholung; körperliche Beschwerden. Eines dieser Symptome reicht jedoch nicht, um von einer Depression zu sprechen. Dafür müssen in der Regel vier oder fünf zeitgleich vorliegen und das über mindestens zwei Wochen.

Leider denken auch heute viele Hausärzte bei ihrer Diagnose noch zu selten an diese Krankheit. In einer regionalen Studie ist es gelungen, durch systematische Information aller Ärzte aber auch anderer Zielgruppen wie Telefonseelsorger, Pfarrer, Polizei und Beratungsstellen sowie der gesamten Bevölkerung ein größeres Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sich hinter körperlichen Beschwerden auch eine seelische Verstimmung verbergen kann. Die betroffenen Personen wurden eher behandelt, und die Suizidrate ist ganz deutlich zurückgegangen.

Ist dieses Bewusstmachen also eine Art Vorbeugung?

Hautzinger: Das ist ein schwieriges Thema. Wir wissen zwar, dass einzelne Symptome eine Vorhersage erlauben. Aber es ist unklar, ob man wirklich vorbeugen kann. Man kann jedoch zumindest frühzeitig eingreifen, das Leben anders gestalten und bei sich selbst etwas ändern, ohne Medikamente oder noch ernstere Maßnahmen ergreifen zu müssen. Es wäre ein gewaltiger Gewinn, wenn man die Warnsignale frühzeitig erkennen würde. Wenn man einzelne Symptome hartnäckig ignoriert, kann das zu schlimmeren Phasen oder dem vollen Krankheitsbild führen.

Was tun, wenn ich solche Anzeichen bemerke? Zum Arzt gehen?

Hautzinger: Wenn man eines dieser Symptome bei sich beobachtet, sollte man es vor allem nicht nur als Frühjahrsmüdigkeit oder anderes abtun. Insbesondere wenn es mehrere Tage anhält, sollte man sich fragen, ob man nicht vielleicht Raubbau mit seiner Gesundheit betreibt, oder was einem auf der Seele brennt, – und dann eine Lösung suchen. Auch das Gespräch in der Familie oder mit Freunden könnte vieles ohne professionelle Hilfe lösen.

Wenn das aber nicht gelingt, und die Symptome anhalten, sollte man mit dem Hausarzt oder einem Arzt reden, der einen kennt. Der sollte nicht nur die organische Schiene betrachten, sondern organische Veränderungen auch als Ausdruck von Lebensbelastung oder psychologischen Konflikten in Erwägung ziehen.

Es kann sein, dass der Arzt überlegt, ein Medikament zu geben. Die meisten setzen am Serotoninsystem an: Man versucht also dem Körper den Stoff zu geben, der ihm fehlt. Das funktioniert bei vielen erfolgreich, aber es gibt keine Garantie dafür.

Wenn jemand keine Medikamente nehmen möchte, wirkt bei leichteren und mittelschweren Formen auch eine Psychotherapie, vor allem die kognitive Verhaltenstherapie. Das ist anstrengender und erfordert die Bereitschaft, sich einzulassen und zu überlegen, was man ändern kann. Bei schwereren Formen sind auch Kombinationsbehandlungen sinnvoll.

Was legen Sie Angehörigen besonders ans Herz?

Hautzinger: Die größte Belastung besteht darin, dass eine Person, die an einer Depression leidet, plötzlich so ganz anders ist: ohne Lebenslust, Energie, Eigeninitiative. Unter Umständen reagieren die Betroffenen auf alles negativ oder ablehnend. Man kommt nicht an die Person heran, sie zweifelt an der Zuneigung des Anderen. Depressive Menschen senden negative Signale aus, verbal wie auch durch ihre Körperhaltung oder in der Art, wie sie agieren. Schnell entstehen dann eigenartige Interaktionsabläufe; Situationen schaukeln sich auf. Am Ende fühlt sich der Patient darin bestärkt, dass er nichts wert ist, oder dass der andere ihn längst aufgegeben hat. Beim Angehörigen hingegen verstärkt sich der Eindruck, dass man an den anderen nicht heran kommt oder durch dessen Verhalten erpresst wird.

Das alles ist sehr belastend. Deshalb sollten Angehörige sich klar machen, dass die Reaktionen keine absichtliche Gemeinheit sind und auch keine Frage des Willens. Der Patient kann einfach nicht anders; der Antrieb ist wirklich weg. Wenn jemand eine Erkältung und Fieber hat, ist es nahe liegend, dass er wenig Energie hat und lustlos ist. Genauso ist es mit der Krankheit Depression. Wenn man das weiß, nimmt man die Lethargie, die Ablehnung, den Zweifel nicht so persönlich.

Sie helfen ihren depressiven Angehörigen auch nicht, wenn sie sich völlig auf sie einstellen, nur noch für sie da sind oder gar mit ihnen in Streit geraten. Das Wichtigste ist, ein möglichst normales Verhältnis zu bewahren, die Dinge anzusprechen und auch etwas dagegen zu stellen. Allerdings sollten sie nicht erwarten, dass der andere zustimmt, sondern damit rechnen, dass es einfach im Raum stehen bleibt. Solche Gespräche und Interaktionen tun dem Depressiven gut!

Wie sieht es im Arbeitsumfeld aus?

Hautzinger: Als Betroffener darf man sich klar machen, dass die Krankheit so weit verbreitet ist, dass es sicher auch in der Chefetage und bei den Kollegen jemanden gibt, der daran gelitten hat oder leidet. Das kann man vielleicht nicht vorbringen, es gibt einem aber wieder eine Perspektive.

Meist kommt man in Betrieben erst ins Gespräch, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Unabhängig davon sollte in größeren Betrieben bei betriebsärztlichen Diensten und im Personalrat über die Krankheit informiert werden, damit sie nicht in die Schmuddelecke des „psychischen Verrücktseins” abgeschoben wird. Es ist eine Krankheit wie eine Grippe.

Das alles klingt nach einem Plädoyer, mehr über die Krankheit zu sprechen?

Hautzinger: Bei Patienten bin ich da sehr zurückhaltend. Im Bekannten- oder Freundeskreis geht das eher, aber unter Kollegen muss man sich gut überlegen, wo und mit wem man darüber redet.

Aber insgesamt wäre es wichtig, viel mehr über die Krankheit zu sprechen, damit sie diesen Makel des Schrecklichen verliert. Wir müssen sie vielmehr als eine Erkrankung des Gehirns begreifen. Es ist ein Organ wie die Leber, die Nieren oder der Magen. Allerdings ist es das sensibelste Organ und reagiert am empfindlichsten auf Belastungen.

Ein wenig haftet den Depressionen das Vorurteil an, dass sie nicht heilbar seien.

Hautzinger: Drei Viertel der Betroffenen sind nach einem Jahr wieder gesund – entweder weil sich das Gehirn wieder von allein „berappelt” oder weil Belastungen verkraftet wurden oder eben weil eine Behandlung – wie eine Psychotherapie – angeschlagen hat.

Aber wenn man einmal eine solch depressive Phase durchlebt hat, sollte man sich auch eingestehen, dass das die eigene körperliche Schwachstelle ist; so wie andere Menschen auf Stress mit Magenschmerzen oder Migräne reagieren. Wenn man das akzeptiert, kann man die Depression am ehesten in den Griff bekommen und langfristig verhindern. Das hören viele Patienten nicht gerne. Aber man muss und kann lernen, mit dieser Anfälligkeit umzugehen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.
Gabi Ballweg

Ausführliche Informationen für Betroffene und Angehörige zum Krankheitsbild, zu Medikamenten und Therapieformen finden sich beim „Kompetenznetz Depression” www.kompetenznetz-depression.de oder www.buendnis-depression.at

Martin Hautzinger
Jahrgang 1950, ist seit 1996 Professor für Klinische und Entwicklungspsychologie in Tübingen. Nach dem Studium der Psychologie in Berlin promovierte er 1980 und war danach an verschiedenen Universitäten tätig. Er gehört zu den führenden Depressionsforschern in Deutschland und hat das „Kompetenznetz Depression“ mit initiiert.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2010)
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