12. November 2010

Supermarkt, adé!

Von nst_xy

Kritischer Konsum: In Italien formieren sich „Solidarische Einkaufsgruppen“.

Das Angebot ist – wie jeden Tag – riesig in den Großmärkten: Mangos aus Indien und Kiwis aus Neuseeland, Bananen aus Ecuador und Tomaten aus Marokko. Bis sie so sauber gewaschen und ordentlich aufgeschichtet in den Verkaufsregalen liegen, haben sie Tausende von Kilometern hinter sich: auf Lastwa gen, per Zug, auf Containerschiffen oder in Fracht-Flugzeugen. Ob die Apfelsinen von einem Bauern mit der Hand oder auf einer RiesenPlantage maschinell gepflückt wurden, weiß Angelo Albonico nicht. Er hat keine Ahnung davon, ob die Arbeiter, die sie geerntet haben, von ihrer Bezahlung leben können oder ob sie für ihre Arbeit nur einen Hungerlohn bekommen. Irgendwann begann sich Angelo darüber zu ärgern, dass er all das nicht weiß. Wieso kauft er eigentlich genau dieses Shampoo? Warum jene Pasta-Marke? Immer öfter hat Angelo seine Einkaufsgewohnheiten hinterfragt. Zuerst war es nur ein leiser Verdacht, der sich jedoch mehr und mehr bestätigte:

Ganz offensichtlich war er doch nicht so immun gegen die Werbung auf den Plakaten und im Fernsehen, wie er immer gedacht hatte. Ihn beschlich das leise Unbehagen, von irgendwelchen Marketingstra tegien fremdgesteuert zu sein.

Angelo Albonico, Elektro-Ingenieur aus Norditalien, lebt in Borgo Ticino, ein paar Kilometer südlich vom Lago Maggiore. Bei einer Wanderung vor zwei Jahren in den Bergen hörte der heute 31-Jährige das erste Mal von den „Solidarischen Einkaufsgruppen” in seinem Land. Eine junge Frau erzählte ihm, dass sich die allererste schon 1994 in der Provinz Parma gebildet hatte. Dort hatten einige Familien in der direkten Umgebung Landwirte besucht, die biologischen Anbau betrieben. Sie wollten die Hersteller persönlich kennenlernen, von denen sie ihre Waren künftig gemeinsam beziehen wollten. „Ich hab dann eine Zeitschrift über alternative Formen des Wirtschaftens abbonniert”, erzählt Angelo. „Darin fand ich immer wieder Berichte über Solidarische Einkaufsgruppen, und das hat mich neugierig gemacht.”

Familien und Singles, die sich zusammenschließen, um gemeinsam Produkte einzukaufen, die in der eigenen Region und nach ökologischen Kriterien hergestellt werden: Die Idee hatte Erfolg und breitete sich zunächst in den norditalienischen Provinzen, später dann über das ganze Land aus. Kleinere Gruppen bestehen aus einer handvoll, größere setzen sich aus bis zu vierhundert Familien zusammen. Heute sollen schon mehr als Hunderttausend Italiener in über tausend „GAS” organisiert sein, so die gängige Abkürzung der „Gruppi di Acquisto Solidale” – Solidarischen Einkaufsgruppen.

An deren Einkaufskonzept gefällt Angelo, dass zahlreiche Zwischenhändler und lange Transportwege wegfallen. Kleine und KleinstBetriebe in der direkten Umgebung werden gegenüber großen, international aufgestellten Supermarktketten bevorzugt und damit gefördert.

Das ermöglicht den direkten Austausch mit den Herstellern vor Ort, man kennt sich und kann sich vertrauen, der Einkauf ist persönlicher. Häufig werden Unternehmen bevorzugt, die bewusst sozial benachteiligte Personen wie Behinderte und Zuwanderer beschäftigen oder sich weigern, der Mafia Schutzgeld zu zahlen. Ein günstiger Nebeneffekt fürs Portemonnaie: Selbst wenn einige Produkte aus biologischem Anbau etwas mehr kosten: Dank der gemeinschaftlichen Bestellung in größeren Mengen gewähren die Produzenten gerne bis zu zwanzig Prozent Rabatt.

Nachdem er das erste Mal von den Solidarischen Einkaufsgruppen gehört hatte, suchte Angelo Albonico im Internet nach genaueren Informationen und nach „GAS” in der Nähe seines Wohnortes.

Viele dieser Gruppen haben sich vernetzt und wickeln ihre Geschäfte online und über E-Mail ab. Dennoch spielen die persönlichen Kontakte auch innerhalb der Einkaufsgruppen eine große Rolle. Man feiert zusammen und trifft sich in regelmäßigen Abständen, um über alternative Wirtschaftsmethoden oder nachhaltige Entwicklungsprojekte zu fachsimpeln. Wird eine „GAS” zu groß, entscheiden die Mitglieder, ob es nicht zweckmäßiger ist, sich in kleinere Untergruppen aufzuteilen.

Angelo selbst bezieht über seine Einkaufsgruppe neben Obst und Gemüse, die alle 14 Tage geordert werden, hauptsächlich länger haltbare Nahrungsmittel wie Pasta, Hülsenfrüchte, Honig oder Wurstwaren. Und Reinigungsmittel: „Eine Einkaufsgruppe in Rimini hatte auf dem Markt keine biologischen Kosmetik- und Putzartikel gefunden, die ihren Ansprüchen genügt hätten”, erklärt Angelo. „Einige Mitglieder hatten Ahnung auf chemisch-pharmazeutischem Gebiet, haben diese Artikel selbst entwickelt und eine kleine Firma gegründet. Und die ist natürlich bei uns mit auf der Liste.”

Ökologisch produzierte Waren wie Olivenöl oder Parmesankäse können schon teurer ausfallen als vergleichbare Produkte im Supermarkt; da müssen die Kunden abwägen, ob ihnen der bessere Geschmack auch den höheren Preis wert ist. Die „GAS” binden mehr und mehr auch Güter aus Entwicklungsprojekten in ihr Angebot mit ein: „Wir haben Produzenten, die von Indios aus Brasilien gesponnenes Garn zu fair gehandelten Textilien weiter verarbeiten – zu Unterwäsche oder auch Oberbekleidung.” Mittlerweile überprüfen einige Einkaufsgruppen schon, ob sie nicht auch Dienstleister finden, die ihren Kriterien entsprechen, wie zum Beispiel Telefonanbieter oder Energieversorger.

Damit eine „GAS” funktioniert, übernehmen viele ihrer Mitglieder ehrenamtliche Aufgaben: Einer hält die Kontakte zu den Produzenten und verteilt die Preislisten, ein anderer koordiniert die Bestellungen der Gruppe. Zuweilen gibt es „Referenten”, die für eine bestimmte Produktgruppe zuständig sind. Angelo selbst schreibt Protokoll, wenn sich seine Einkaufsgruppe alle ein bis zwei Monate zu Besprechungen trifft. Zum Beispiel, um über die Aufnahme neuer Produzenten und neuer Produkte in ihr Sortiment zu entscheiden. Manchmal hilft Angelo beim Entladen der Lastwagen und beim Weiterverteilen vom bestellten Obst und Gemüse an die Mitglieder seiner Gruppe. Viele „GAS” haben das Problem, einen Ort zu finden, wo sie größere Warenmengen zwischenlagern können, – wenn eine Lieferung ankommt, bevor die Ehrenamtlichen sie dann an die Endverbraucher weiterverteilen können.

Die italienischen Behörden haben die Solidarischen Einkaufsgruppen inzwischen als gemeinnützig anerkannt. Die Dienste innerhalb der „GAS” – solange sie tatsächlich unentgeltlich bleiben – werden nicht eigens besteuert. Handelsverbände sehen allerdings in den Gruppen oft eine ungebetene Konkurrenz und haben für die vermeintliche Sonderbehandlung durch den Staat wenig Verständnis. Sie kritisieren, dass die „GAS” zwar längere Transportwege von den Produzenten vermeiden, dafür aber bei der Verteilung der Ware innerhalb der Gruppen mehr unterwegs seien.

Angelo jedoch hält diese Kritik für fadenscheinig. Außerdem meint er, Geschmack und Qualität der Öko-Waren aus seiner Umgebung seien wesentlich besser als beim Discounter. Und für ihn zählt auch, dass er sicher sein kann, dass „seine” Produzenten ihre Angestellten menschenwürdig behandeln: „Zwar hast du vielleicht im Supermarkt auch einen Stempel drauf, dass die Ware aus biologischem Anbau kommt, aber letztlich kannst du nicht kontrollieren, ob das stimmt oder aus welchem Land sie tatsächlich eingeführt wurde. Oder die Dinge sind in der Tat biologisch, aber dafür wurden menschenverachtende Methoden verwandt: zum Beispiel Einwanderer als billige Arbeiter missbraucht und mit einem Hungerlohn abgespeist.”

Kürzlich war Angelo im deutschen Sprachraum zu Besuch. Deutschland, Österreich und die Schweiz stehen bei ihm im Ruf, anderen Ländern beim fairen Handel und im ökologischen Bewusstsein voraus zu sein.

Dass die Idee der Solidarischen Einkaufsgruppen den Sprung über die Alpen offenbar noch nicht geschafft hat, hat ihn daher schon ein bisschen gewundert.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2010)
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