Sie ließ mein Geschenk stehen.
Erfahrungsberichte
Als Pfarr-Pensionär lebe ich in einem Seniorenheim. Ausgerechnet auf Ostern hin braute sich nun scheinbar ein schwerer Konflikt zusammen zwischen mir und der Frau, die für den Kapellenschmuck zuständig war. Sie erschien nicht zum Festamt, gab keine Antwort auf meine Anfrage auf dem Anrufbeantworter und ließ mein Ostergeschenk stehen. Da ich mir keiner Schuld bewusst war, sah ich auch keinerlei Veranlassung, nochmals anzurufen.
Doch dann fiel mir am Freitag in der Osterwoche endlich auch ein, das Wort des Lebens mit dieser Situation in Verbindung zu bringen: „Nicht was ich will…” Und was Gott wollte, war klar: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe liegen; geh und versöhne dich.” So entschloss ich mich, morgens um 9.00 Uhr in der Hauskapelle die Laudes zu beten, und anschließend die Frau anzurufen. Als ich in der Kapelle ankam, fand ich sie zu meiner Überraschung in fröhlicher Osterstimmung in der kleinen Sakristei vor. Auf meine Anfrage, was denn zwischen uns passiert sei, erfuhr ich in einem längeren Gespräch, dass sie durch persönliche Umstände ab Karfreitag in schwere „innere Turbulenzen” geraten war, mit denen ich überhaupt nichts zu tun hatte. Nach einem gemeinsamen Lobpreis auf Gottes Güte feierten wir anschließend unsere „Versöhnung” in meiner Wohnung mit einem frohen nachösterlichen Cognac. H.E.
Schon vor einer halben Stunde!
Um 10.30 Uhr nahm ich die Rolltreppe zur U-Bahn am Hauptbahnhof in Stockholm. Obwohl keine Berufstätigen mehr unterwegs waren, war noch viel los. Unten sah ich einen Mann, der mit einem Stück Papier auf sich aufmerksam machen wollte. Alle hatten es eilig, und niemand beachtete ihn.
Ich blieb stehen und sah, dass eine U-Bahn-Haltestelle auf dem Papier genannt war. Offensichtlich wollte er mit seiner Familie – der Frau, zwei Töchtern und einem Sohn – dort hin. Es war meine Richtung, und so machte ich ihnen ein Zeichen, mir zu folgen. Offensichtlich waren die fünf nicht gewohnt, Rolltreppen zu fahren; die Frau stürzte fast. Nach und nach entdeckte ich, dass nur der zehnjährige Sabri ein paar Brocken Schwedisch sprach. So beschloss ich, mit ihnen bis zu ihrem Ziel zu fahren. Aber als wir an der Haltestelle, die auch Endstation war, ausstiegen, zogen sie andere Zettel aus der Tasche. Der erste hatte wohl nur die Richtung anzeigen sollen, die sie nehmen sollten. Jetzt stellte sich heraus, dass sie zur Einwanderungsbehörde mussten, und die Haltestelle dafür war schon fünf Stationen vorher gewesen.
Also machten wir uns wieder auf den Weg. Unterwegs fragte ich nach, ob sie Geld hatten, um den Bus für die letzte Strecke zu nehmen. Daraufhin leerten sie ihre Taschen: Weitere Zettel kamen zum Vorschein, ein Brief und die Fahrkarte. Kein Geld. Ein Blick auf den Brief zeigte mir, dass sie jetzt gar nicht zur Einwanderungsbehörde kommen sollten, sondern sich mit einem Vertreter der Behörde bei einem Rechtsanwalt in einem anderen Stadtteil treffen sollten. Und das schon vor einer halben Stunde. So rief ich dort an. Sie sollten so schnell wie möglich mit einem Taxi dorthin kommen. Der Anwalt sagte zu, ihnen das Geld dafür dann zu erstatten.
Mühsam versuchte ich, das zu erklären. Sie baten mich, mitzukommen und ihnen das Geld inzwischen auszuleihen. Aber das Taxi war zu klein für uns alle. So drückte ich ihnen kurz entschlossen das Geld und meine Adresse in die Hand. Fünf überglückliche Menschen verabschiedeten sich herzlich von mir.
Als ich diese Geschichte später Freunden erzählte, konnte ich kaum fassen, wie sehr die sich über mein Verhalten wunderten. Klar, es hatte mich ein wenig gekostet, mit ihnen zu fahren und dann festzustellen, dass wir schon früher hätten aussteigen müssen. Und natürlich kann ich nicht ganz sicher sein, dass ich das Geld wieder bekomme, aber wenn ich in einer fremden Stadt gewesen wäre und die Sprache nicht gesprochen hätte, dann hätte ich mich auch gefreut, wenn sich einer um mich kümmert. P.S.
Ich hörte einfach zu.
Ein Mädchen aus meiner Klasse fiel mir schon länger auf: Sie war immer verschlossen und in sich gekehrt. Manchmal brachte ich sie nach der Schule nach Hause. Dann spürte ich ihre ganze Verzweiflung. Was konnte ich für sie tun?
Eines Tages bat ich ihren Vater um ein Gespräch. Ich war sicher, dass man etwas für das Mädchen tun konnte und musste. Der Vater erzählte mir eine tragische Geschichte: 20 Jahre Drogen, Gefängnis, der Tod der Mutter. Sie hatte Aids. Ich hörte einfach zu. Am nächsten Tag bekam ich ein Briefchen: „Ich habe gemerkt, dass Sie meine Tochter gern haben”.
Zusammen mit anderen Lehrern überlegten wir, wie wir das Mädchen mehr in die schulischen Aktivitäten einbinden konnten. Ganz allmählich taute sie auf. Eines Tages kam sie zu mir und fragte: „Was passiert, wenn wir sterben?” Da wurde mir klar, dass ich das Kostbarste meines Lebens mit ihr teilen musste. Ich erzählte ihr vom Paradies, von der Liebe, von meinem Leben mit Jesus. Am Ende sagte sie: „Ich möchte auch so leben”. Das war für uns beide ein besonderer Augenblick des Lichtes. Dieser geheimnisvolle Schmerz ihres Lebens hatte einen Sinn gefunden. H.P.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2011)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und Email finden Sie unter Kontakt.
© Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München