25. Oktober 2011

Europas heimliches Herz

Von nst_xy

Polen gilt nicht gerade als Traumreiseland. Und doch hat es eine spannende Geschichte: Malerische Orte und Zeugnisse leidvoller Epochen liegen oft nah beieinander. Das haben die Teilnehmer der diesjährigen NEUE-STADT-Leserreise erfahren.

Polen ist eine Baustelle. Der Eindruck drängt sich auf, als uns der Bus vom Lech-Wal§sa-Flughafen in Danzig abholt: immer wieder Absperrungen und Umleitungen, neu entstehende Schnellstraßen und Autobahnen. In der Ferne sehen wir das neue Fußballstadion von Danzig. „Auch Warschau und Breslau haben neue Stadien bekommen”, erzählt unser polnischer Reisebegleiter Gerard Baszczok, „die Arena in Posen wurde komplett umgebaut.” Das Land wappnet sich für die FußballEuropameisterschaft der Herren, die es nächstes Jahr gemeinsam mit der Ukraine ausrichtet.

In Danzig tauchen wir in eine tausendjährige Geschichte mit europaweiter Bedeutung ein: Während wir Kran-Tor und Marienkirche anschauen, erfahren wir, dass die Stadt ein wichtiges Hanse-Mitglied war und über Jahrhunderte große Autonomie genoss.
Zwischen Langem Markt und Frauengasse wird viel Bernsteinschmuck angeboten. Auf dem Weg zum Seebad Sopot kommen wir in der Nähe der Stelle vorbei, wo am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann.

Die Ausstellung „Straßen zur Freiheit” führt uns die jüngere Geschichte vor Augen: Nachdem es schon 1970 die ersten Streiks in Danziger Werften gegeben hatte, leistete ab 1980 die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc dem kommunistischen Regime Widerstand. Zehn Millionen Polen schlossen sich an und trugen damit zur politischen Wende in Osteuropa bei.

Weiter geht es durch Pommern zur Marienburg, einer der größten Backsteinbauten in Europa. Wir sind rund vierzig in unserem Reisebus, aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg. Viele haben in der eigenen Geschichte einen Anknüpfungspunkt gefunden, der sie neugierig auf Polen macht: „Meine Tochter hatte einen polnischen Freund”, erzählt eine Mitreisende aus dem Engadin. Eine andere hat aus Kindertagen noch zwei Polen in guter Erinnerung, die während des Zweiten Weltkriegs bei ihnen auf dem Hof Zwangsarbeit leisten mussten. Bei wieder anderen war der Vater in polnischer Kriegsgefangenschaft, oder Verwandte wurden aus heute polnischen Gebieten vertrieben.

Zunächst aber springen wir ein paar Jahrhunderte zurück: Von 1309 bis 1454 war die Marienburg Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens. Später bewohnte sie der König von Polen, im 17. Jahrhundert wurde sie von den Schweden besetzt. Mit der ersten polnischen Teilung 1772 kam die Ordensburg zum Königreich Preußen; sie war eine der Pfalzen von Kaiser Wilhelm II.; die Nationalsozialisten hielten hier Versammlungen und Aufmärsche ab. Davon, dass die weitläufige Festungsanlage im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, zeugt heute nur noch die dazugehörige beschädigte Marienkirche.

Noch am selben Tag geht es weiter nach Thorn. An den berühmtesten Bürger der Stadt, den Astronomen Nikolaus Kopernikus, erinnern sein Geburtshaus, der Name der Universität, ein Denkmal am Renaissance-Rathaus. Wie viele andere Orte, die wir besuchen, steht die mittelalterliche Backsteinstadt auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. Zwischen historischen Lagerhäusern am Weichselufer, Artushof und Marienkirche begegnen uns auf Fenstersimsen und Mauervorsprüngen von aktuellen Künstlern geschaffene farbenfrohe Figuren.

Modern präsentiert sich die Millionenstadt Warschau, die wir am nächsten Tag erreichen. Wolkenkratzer wachsen empor, verstecken den 231 Meter hohen Kulturpalast im Stil des sozialistischen Klassizismus. Das Denkmal für den Widerstand gegen die deutsche Besatzung und die Helden des Aufstands im Warschauer Ghetto erinnert an ein düsteres Kapitel der deutsch-polnischen Geschichte. Nebenan entsteht das neue Jüdische Museum.

Entlang der Weichsel, die uns auf unserer Route von Nord nach Süd begleitet, kommen wir nach Wilga zur Modellsiedlung der Fokolar- Bewegung. Wir werden herzlich empfangen und erfahren, wie die ersten Fokolare, ihre Spiritualität und Lebensweise 1968 von Italien aus über die DDR nach Polen gelangten. Das kommunistische Regime wollte in Nowa Huta bei Krakau eine Arbeiter-Stadt „ohne Gott” errichten; ausgerechnet hier fand 1972 die erste Fokolar-Gemeinschaft eine Wohnung, aber auch starke moralische Unterstützung durch den Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla.

Obwohl sich religiöse Gruppen nur verdeckt treffen konnten, breitete sich die Fokolar-Bewegung in Polen aus. Heute hat sie hier mehrere Tausend Mitglieder und Freunde. Gerard Baszczok, unser Reisebegleiter, freut sich über einige Exemplare der „Nowe Miasto”, der polnischen NEUEN STADT, die in der Siedlung entsteht.

Die Busfahrt nach Tschenstochau dauert wegen zahlreicher Baustellen länger als erwartet. Gerard Baszczok nutzt die Zeit, uns mehr über sein Land zu erzählen: In seiner Blütezeit beeinflusste das aus Polen und Litauen entstandene Großreich Mittel- und Osteuropa von der Ostsee bis zur Krim. Später geriet die Adelsrepublik in eine Krise; die Einführung des Wahlkönigtums schwächte den Staat; Ende des 18. Jahrhunderts verlor er vollends seine Souveränität: Preußen, Österreich und Russland teilten Polen unter sich auf. „Das ist noch heute in Bauweise und Mentalitätsunterschieden zu spüren”, meint unser Begleiter. „Im ehemals preußischen Teil haben die Leute mehr Initiative, im österreichischen geht es etwas gemächlicher zu, und der russische Teil leidet zuweilen darunter, dass sich die Machthaber das Volk systematisch mit Wodka gefügig gemacht haben.”

Entscheidend für das Christentum in Polen war die Taufe von Herzog Mieszko I. im Jahr 966: In den folgenden vier Jahrhunderten breitete es sich stark aus. 1384 schenkte Herzog Wladyslaw II. dem neu entstandenen Pauliner-Kloster Jasna Gora in Tschenstochau ein Madonnenbild, das im Laufe der Jahrhunderte nachdunkelte.

Gläubige Polen schrieben es immer wieder der Gottesmutter zu, wenn Angreifer in Kriegszeiten aufgehalten oder in die Flucht geschlagen werden konnten. Jasna Gora mit der Schwarzen Madonna entwickelte sich zur bedeutendsten Wallfahrtstätte des Landes.

Wir erleben diesen Ort, an dem jedes Jahr Millionen Polen Kraft und Trost erfahren, ausgerechnet am Festtag der Muttergottes von Tschenstochau: Tausende Pilger sind zu einem Open-Air-Gottesdienst mit zahlreichen Bischöfen angereist.

Trotz der Menschenmassen können wir einen Blick auf die Ikone in der Gnadenkapelle werfen und Basilika, Museum, Rittersaal und Schatzkammer besichtigen.

150 Kilometer weiter im Salzbergwerk Wieliczka vor den Toren Krakaus ist es angenehm kühl. Hier bauen Minenarbeiter seit 700 Jahren Salz ab. Wie salzhaltig das Gestein ist, schmecken wir, als wir mit dem Finger über die feuchten Wände streichen und sie ablecken. In 60 bis 130 Metern Tiefe kommen wir an Salzseen, bizarr geformten Kristallen und aus Salz gehauenen Skulpturen vorbei. Figuren zeigen die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter unter Tage. Ihre Frömmigkeit belegen unterirdische Kapellen, die sie gegraben haben, und eine mit Salzreliefs geschmückte Kirche von beachtlichen Ausmaßen.

Krakau, zweitgrößte Stadt Polens, ist wie Thorn im Krieg weitgehend unversehrt geblieben. Wir bewundern das Wawelschloss, ehemalige Residenz der polnischen Könige, den Hauptmarkt, einen der größten mittelalterlichen Marktplätze Europas, mit den Tuchhallen, die prachtvoll ausgemalte Marienkirche mit dem spätgotischen Hauptaltar von Veit Stoß. Aus einer der Luken ihres Turmes erklingt zu jeder vollen Stunde die Fanfare des Stadttrompeters.

Im Stadtteil Kazimierz lebten 1939 70 000 Juden; heute sind es etwa 150. Wir kommen an mehreren Synagogen vorbei, ehemaligen Badehäusern und koscheren Restaurants. Jahrhundertelang hat jüdisches Leben diesen Stadtteil geprägt. Ausruhen von dem bis 35 Grad heißen Tag können wir bei einem Abendessen unter freiem Himmel vor einem der jüdischen Restaurants. Eine Klezmer-Gruppe begleitet uns in den Abend. Das Zusammenspiel von Akkordeon, Kontrabass und Klarinette untermalt unsere mal heitere, mal melancholische Atmosphäre: Heiter dank der schönen Erlebnisse und Begegnungen der vergangenen Tage; dank der Begegnung mit einem Volk, das sich auch von den zahlreichen leidvollen Abschnitten seiner Geschichte nicht hat unterkriegen lassen, sondern immer wieder mit neuer Kraft – häufig aus dem Glauben heraus – für eine bessere, gerechtere Zukunft eingesetzt hat. Melancholisch, weil unsere Polenreise langsam zu Ende geht, und wir die Gemeinschaft, die in unserer Reisegruppe gewachsen ist, vermissen werden.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2011)
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