26. März 2013

Ein Papst geht in Pension

Von nst1

An: Joseph Kardinal Ratzinger

Eure Heiligkeit, lieber Bruder und Kardinal Joseph Ratzinger,

schon bei der Anrede komme ich in Verlegenheit: Wie spricht man jemanden an, der gerade noch Papst war? Sie haben Ihr Pontifikat mit einem Paukenschlag beendet. Obschon Sie längst die Möglichkeit ins Gespräch gebracht hatten, dass ein Papst auch zurücktreten kann, hatten die wenigsten geglaubt, dass Sie es tatsächlich tun würden!
Ein Papst im Ruhestand, jemand, der unter uns lebt und von sich sagen kann: „Ich war Papst“, das ist noch zu neu, ist immer noch ungewohnt. Der Papst nimmt seine Mitra und geht: ein historisches Ereignis! – Mit dieser Einordnung waren die Kommentatoren schnell bei der Hand. „Historisch“ im Blick zurück, weil es das jahrhundertelang nicht mehr gegeben hat. „Historisch“ vielleicht aber auch im Blick nach vorn, weil Ihr Schritt einen Perspektivenwechsel ermöglicht, der stärker betont, WIE ein kirchliches Amt ausgefüllt wird.

Bisher scheint mir die Ausübung des Petrusamtes vor allem von einem starken Pflichtbewusstsein geprägt zu sein, dem ein statisches Verständnis vom Willen Gottes zugrunde liegt, den es bedingungslos zu erfüllen gilt. Ihre Entscheidung zeigt, dass wir auch Partner Gottes sind: Gott lässt sich auf uns ein, geht mit uns mit, berücksichtigt unsere Fähigkeiten, unser Älterwerden, dass wir einen Weg zurücklegen, der uns verändert. Hier scheint mehr eine dynamische Auffassung durch von dem, was Gott von uns im Laufe unseres Lebens möchte. Die Folge ist eine größere Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, noch einmal neu aufzubrechen, sich von Gott zu etwas Neuem schicken zu lassen.
Ein solches Amt hat immer auch etwas von einem Job an sich: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“1) Jesus fordert hier unbedingten Einsatz, zugleich aber auch Bescheidenheit und Losgelöstheit von der übertragenen Aufgabe. Das haben Sie in einer Weise unter Beweis gestellt, die ich bei manchen Amtsträgern vermisse. Die Macht – im Sinn von Verantwortung vor Gott für eine große Aufgabe – ist nicht an die Person gebunden. Sie ist ein Dienst an den Menschen und für die Menschen. Und: Auch wer in der Kirche ein wichtiges Amt bekleidet, bleibt immer auch einfacher Bruder neben den anderen „Geschwistern im Herrn“.

Ihr mutiger Schritt rückt das in meinen Augen ans Licht. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen ein immer höheres Alter erreichen, gibt Ihr Rücktritt dem Papstamt ein neues Gesicht: Es wird entmystifiziert und damit menschlicher und zeitgemäßer. Ihre Entscheidung, die Sie sich reiflich überlegt haben, verdient Hochachtung! Ich habe die Hoffnung, dass sie auch dem ökumenisch dringend nötigen Gespräch über die Ausübung des Petrusdienstes, wie es Johannes Paul II. angeregt hat, neue Impulse gibt.
Ohne es überinterpretieren zu wollen, übermittelt der „Paukenschlag“ ein hoffnungsvolles Signal: Nicht alles muss immer so bleiben, wie es lange Zeit war. In gewissem Rahmen ist Spielraum für Veränderungen. Das – so scheint mir – ist die letzte große Lektion Ihres Pontifikats. Ihre unerwartete Geste setzt Maßstäbe und öffnet eine neue Tür. Ihr Nachfolger und die gesamte Kirche werden es Ihnen danken!

Mit freundlichen Grüßen,
Clemens Behr
Redaktion NEUE STADT

Unser offener Brief wendet sich an Joseph Ratzinger (85), 265. Nachfolger des Apostels Petrus als Bischof von Rom. Am 19. April 2005 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt, ist er am 28. Februar 2013 der erste Papst seit über 700 Jahren, der von seinem Amt zurücktritt.

1)Lukas 17,10

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2013 )
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