20. März 2013

Leben, das weiter wirkt

Von nst1

Am 14. März jährt sich zum fünften Mal der Todestag von Chiara Lubich, der Gründerin der Fokolar-Bewegung. Wir fragen Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft, was ihnen aus persönlichen Begegnungen mit ihr bis heute in Erinnerung geblieben ist.

TIEF VERWURZELT UND OFFEN

Der gebürtige Algerier Marc Raphael Guedj ist seit 1995 Oberrabbiner von Genf. 2001 gründete er die Stiftung „Racines et Sources“, die beitragen soll, die universellen Werte des Judentums zu vermitteln und durch interreligiösen und interkulturellen Dialog den Frieden zu fördern.

Wo sind Sie Chiara Lubich begegnet?
Bei einer Tagung in Caux, 2003. Dabei habe ich sie sofort als charismatische Persönlichkeit wahrgenommen, als jemand, der aus einer tiefen Inspiration lebt. Unserer Welt fehlen Propheten. Ein Prophet ist einer, der ein Wort erhalten hat, das er anderen zu sagen hat. Und er ist sich bewusst, dass er dieses Wort nicht aus sich hat, sondern Kanal ist, durch den das Wort von jemand anderem ankommen kann. Prophet zu sein bedeutet auch, losgelöst von sich selbst, leer zu sein. Das alles nahm ich sehr stark in Chiara wahr, in dem, was sie sagte und wie sie war.

Was ist Ihnen aus dieser Begegnung heute noch besonders wichtig?
Chiara war eine große Persönlichkeit und dabei sehr einfach. Sie war tief verwurzelt im Göttlichen, in ihrem Glauben und ganz offen für den Dialog mit anderen. Wir meinen oft, dass sich das ausschließt. Aber Chiara hat vorgelebt, was es heißt, ganz tief im Göttlichen verwurzelt zu sein und sich ganz leer zu machen für den anderen, alles zur Seite zu stellen, um sich ganz auf den anderen einzulassen. Nur so ist echter Dialog möglich: wenn man sogar die Grenzen der eigenen Identität und Überzeugung überschreitet, um dem anderen Raum zu geben. Jedes Charisma lebt aus der Einmaligkeit der Person, der es gegeben ist. Aber es wäre falsch, aus den Worten Chiaras ein Dogma zu machen; sie müssen immer wieder neu zu Leben werden in Menschen, und dadurch ankommen.

IDEE DER GESCHWISTERLICHKEIT

Herwig van Staa ist Präsident des Tiroler Landtags. Davor war er Landeshauptmann von Tirol und von 1994 bis 2002 Oberbürgermeister der Stadt Innsbruck.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie die Fokolargründerin getroffen?
Die Fokolar-Bewegung ist mir seit vielen Jahren gut bekannt, und ich habe die Aktivitäten und Ziele dieser großartigen Organisation immer mit Interesse verfolgt. Als ich in Innsbruck den Kongress „1000 Städte für Europa“ 1) veranstaltet habe, habe ich hier Chiara Lubich persönlich getroffen und war von ihrer Idee der Geschwisterlichkeit fasziniert. Die Ankündigung ihrer Teilnahme an diesem Treffen hat dazu geführt, dass alle Erwartungen an die Teilnehmerzahlen übertroffen wurden.

Was hat Sie persönlich besonders beeindruckt?
Chiara Lubich hat die Geschwisterlichkeit in der Politik postuliert, ein Anliegen, das mit meiner Grundeinstellung völlig übereinstimmt. Im persönlichen Gespräch mit ihr war ich von ihrem Charisma außerordentlich beeindruckt, sie hat – auf einem festen religiösen Fundament ruhend – eine große Mitmenschlichkeit und Wärme ausgestrahlt und auch ihre Toleranz gegenüber den anderen Glaubensgemeinschaften spürbar gemacht.
Ich habe Chiara Lubich noch einmal getroffen bei einer großen Tagung in Stuttgart, wo sich mein erster Eindruck völlig bestätigt hat. Ihre Botschaft der Geschwisterlichkeit ist nach wie vor gültig, ja, heute noch wichtiger und notwendiger. Ich denke gerne an diese große Persönlichkeit zurück, die uns allen so viel zu sagen hatte, und die ihre Worte auch tatsächlich gelebt hat.
1) November 2001

SIE WIRKT WEITER

Hilaria Dette ist Mitglied des Rechnungshofs Baden-Württemberg in Karlsruhe. Davor war sie Leiterin des Referats Europafähigkeit im Staatsministerium Baden-Württemberg, Stuttgart.

Wo hatten Sie mit der Fokolar-Bewegung zu tun?
Fast 10 Jahre ist es her, seit ich bei der Vorbereitung der großen Veranstaltung „Miteinander für Europa“ (Stuttgart 2004) Mitglieder derFokolar-Bewegung kennenlernen konnte. Sehr beeindruckt war ich, die Gründerin dieser Bewegung, Chiara Lubich, in Stuttgart live zu erleben. Ihrer Ausstrahlung konnte auch ich mich nicht entziehen. Heute spüre ich: Chiara wirkt weiter. Ihrem Vorbild folgend leben und arbeiten auch fünf Jahre nach ihrem Tod Angehörige derFokolar-Bewegung zusammen mit vielen anderen Bewegungen über alle Grenzen hinweg liebevoll und geschwisterlich „Miteinander für Europa“. Das macht Mut für eine gute Zukunft.

LODERNDES FEUER

Berndt Jäger, Ministerialdirigent a. D., war lange Jahre Stellvertretender Direktor des Bayerischen Landtags

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Chiara Lubich?
Meine Erinnerung an Chiara Lubich ist ebenso vielfältig wie intensiv. Sie geht zurück auf die Zeit meiner Berufstätigkeit im Bayerischen Landtag. Damals konnte ich den Besuch Chiaras beim seinerzeitigen Landtagspräsidenten Johann Böhm vermitteln und betreuen.1) Mir ist unvergesslich, wie sie mit leuchtenden Augen und dem für sie typischen sprühenden Temperament über die Gründung der Bewegung und das tiefe Gottvertrauen berichtete, das die jungen Frauen von Anfang an in seinen Beistand für die Bewältigung des schwierigen Alltags setzten. Mit klaren Worten erläuterte sie die Ideale der Bewegung: Geschwisterlichkeit, Einheit zwischen den Völkern, Religionen, Geschlechtern und Gesellschaftsschichten. Ihrer Spiritualität, ihrer Begeisterung und ihrem Charisma konnten sich die Anwesenden nicht entziehen. Uns wurde deutlich bewusst, wie sehr diese Liebe zu Gott und den Menschen die Welt verwandeln und die Gesellschaft wärmer machen kann. Das „Feuer“ derFokolare loderte unvermindert in Chiara, und der Funke sprang nachhaltig auf die Zeugen dieser Begegnung über. Möge diese Beseeltheit auch fünf Jahre nach Chiaras Tod in der Bewegung weiter wirken!
1) Im Rahmen einer Deutschlandreise im November/Dezember 1998

EINE TÄGLICHE HALTUNG

Corinna Mühlstedt ist Theologin, Autorin und ARD-Korrespondentin. Frau Mühlstedt lebt in München und Rom.

Wie haben Sie Chiara Lubich kennengelernt?
Die Fokolar-Bewegung habe ich 1999 über das Centro Uno 1) anlässlich der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre in Augsburg näher kennengelernt. Wenig später durfte ich Chiara Lubich ausführlich für eine lange Sendung im Bayerischen Rundfunk interviewen. Ihr Engagement, Gott und die Liebe zu ihm im Leben an die erste Stelle zu setzen, traf ganz tief meine eigene Spiritualität. Es war ein wunderschönes Erlebnis.

Ist Ihnen davon etwas besonders nahe?
Chiaras Satz „Wir sind wie Pinsel in der Hand des Meisters“ beschreibt die Haltung, die ich mir täglich für mein Leben wünsche. Diese Haltung wäre ein großer Gewinn für alle Menschen. Ihr seid in diesem Sinn Funken der Hoffnung für die Welt.
1) Ökumene-Sekretariat am Weltzentrum derFokolar-Bewegung

IN DER WAHRHEIT

Thomas Klann, gebürtiger Berliner, lebt in einerFokolar-Gemeinschaft in Rocca di Papa (Rom). Er ist Fotograf und hat Chiara Lubich über einen Zeitraum von 40 Jahren ständig begleitet – auf fast allen Reisen, bei Vorträgen, Veranstaltungen, teilweise im Alltag.

Wie haben Sie Chiara Lubich in all diesen Jahren erlebt?
Das lässt sich keinesfalls in einem Satz zusammenfassen. Ich sah sie nicht als Gründerin oder Chefin, sondern mehr als eine Schwester. Unsere Beziehung war deshalb sehr ehrlich. Sie wusste genau, wenn ich eine Kritik äußerte oder etwas zu beanstanden hatte, dann habe ich nichts beschönigt. Und Chiara liebte die Wahrheit. Sie ertrug es kaum, wenn man einfach nur sagte: „Ja, du hast recht!“ Aber einfach mit einer Kritik war es auch nicht getan, sie erwartete einen Gegenvorschlag. Du musstest also deinen Beitrag leisten. Da war sie sehr, sehr streng. Man kann sich das vielleicht kaum vorstellen, bei aller Liebe, die sie den Menschen gegenüber zeigte, denen sie begegnete. Diejenigen die sie um sich hatte, behandelte sie in der Wahrheit. Jeder hatte seine Verantwortung; man musste sich auch anstrengen. Aber wenn es einmal schiefging, war das auch okay. Aber man konnte sich nicht einfach zurücklehnen und nichts tun, sie wollte, dass jeder seinen Teil tut, so gut es eben möglich war.

Was liegt Ihnen heute besonders am Herzen?
Ich glaube, wir müssen einen gewissen Abstand gewinnen. Diese charismatische Zeit ist vorbei. Was mir ernsthaft bleibt, ist das umzusetzen, woran ich geglaubt habe und glaube. Außerdem bin ich dabei, das zu konservieren, was wir mit Chiara erlebt haben. Es gibt mehr als 7000 Videoaufzeichnungen und 254 Filme in unserem Archiv. Und ich versuche, diese alten Aufnahmen auf neue digitale Technik zu überspielen, damit den Menschen, die nach uns kommen, nichts fehlt, dass sie dieses Charisma trotzdem nachvollziehen und leben können.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2013 )
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