“Warum?” und “Wozu?”
Ursachenforschung nach einer Erfahrung des Scheiterns
„Warum hast du mich verlassen?“ Die schmerzvolle Frage eines enttäuschten Menschen sucht nach Antwort: nachdenken, reden, grübeln. In der therapeutischen Sitzung heißt es dann oft: „Warum bin ich verlassen worden, habe ich einen – unbewussten – Anteil daran?“ Das gemeinsame Suchen in der Biografie bringt manche Sachverhalte, oft Erschütterungen zutage, die prägend waren. Es ist gut, in der Vergangenheit zu forschen und Zusammenhänge zu erkennen, vor allem aus den ersten Lebensjahren. Oft aber wollen wir nicht mehr im Vergangenen bohren, wo wir Dingen begegnen, die schon geschehen, also unveränderbar sind. Es ist kränkend, sich nur als Opfer der Verhältnisse zu begreifen. Manchmal ist es auch bequem: „Ich war eben ein uneheliches Kind; bin eben in einer unsportlichen Familie aufgewachsen.“
Die Frage „Warum?“ sucht Gründe in der Vergangenheit (causa efficiens). Die Suche gemäß einem Verursacherprinzip beruht auf der neuzeitlichen Naturforschung, wo etwa Krafteinwirkungen als eindeutige Ursache von räumlichen Bewegungen gesetzmäßig erfasst werden konnten. Dieses Denken prägte viele Bereiche der Kultur, auch die Freud’sche Psychoanalyse.
Es gibt aber noch ein anderes, mit Aristoteles viel älteres Prinzip, etwas zu erforschen. Die Frage „Wozu?“ sucht die Gründe in der Zukunft (causa finalis). Wozu habe ich eine Lernhemmung? Weil ich die Benotung fürchte: Ein Ungenügend würde mich niederschmettern, eine positive Note mir die Fähigkeit attestieren, künftige Lebensaufgaben in Angriff zu nehmen, wovor ich Angst habe. So bleibt nur die Erstarrung.
Der Individualpsychologe Alfred Adler pflegte die Frage „Wozu?“, um Gegenwärtiges zu erhellen. Jede Person hat einen einzigartigen Lebensstil, der auf ein meist unbewusstes Ziel, einen persönlichen Lebenssinn ausgerichtet ist. So erhält sie mehr Freiheit, da sie erkennen und entscheiden darf. Das Leben wird damit ergebnisoffen, bis hin zum Unvorstellbaren.
Dorothea Oberegelsbacher
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2013 )
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