Unschätzbarer Friedensdienst
An Monika Hauser, die gegen Kriegsgewalt an Frauen kämpft
Sehr geehrte, liebe Frau Hauser,
am Anfang war die Wut! Diese Überschrift hat mich neugierig gemacht und so habe ich Sie und „medica mondiale“ kennengelernt.
Ihre Wut und der Schock über die Massenvergewaltigungen an bosnischen Frauen, die unsensible Darstellung in den Medien und die Untätigkeit von Politikern und Hilfsorganisationen haben Sie, eine Gynäkologin, im Dezember 1992 bewogen, sich auf den Weg ins ehemalige Jugoslawien zu machen. Schon im April 1993 eröffneten Sie in der Stadt Zenica mit rund 20 einheimischen Psychologinnen und Ärztinnen ein bis dahin einmaliges Frauentherapiezentrum.
Mittlerweile hat „medica mondiale“, die Organisation, die sich in den folgenden Jahren aus Ihrer Wut entwickelte, in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, in Albanien, Afghanistan und Liberia Projekte für Frauen und Mädchen aufgebaut, die sexualisierte Gewalt in Kriegsgebieten überlebt haben. Außerdem leisten Sie in vielen Konfliktländern wie der Demokratischen Republik Kongo, Burundi, Ruanda und Uganda unverzichtbare Arbeit. Mehr als 100 000 Frauen und Mädchen haben Sie und Ihre Mitarbeiterinnen bis heute unterstützt – medizinisch, psychosozial, rechtlich, durch Alphabetisierungskurse, Fortbildungen oder berufliche Perspektiven.
Dass das alles nicht von selbst lief, Widerstände überwunden werden mussten und Ihr Durchhaltevermögen forderten, kann man sich lebhaft vorstellen!
Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen im Krieg zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Für die betroffenen Frauen bedeutet sie eine extrem schmerzvolle, demütigende und zerstörerische Erfahrung; oft wird den Frauen sogar eine Mitschuld unterstellt. All das führt dazu, dass Traumata unbearbeitet bleiben und über Generationen Schaden anrichten, für die Frauen selbst, ihre Familien und die Gesellschaft, in der sie leben. Deshalb können das Ausmaß von und der Umgang mit sexualisierter Kriegsgewalt die Entwicklung von Gesellschaften maßgeblich beeinträchtigen – im Krieg ebenso wie im Frieden! Welch unschätzbaren Friedensdienst Sie mit Ihrer Organisation deshalb leisten, können wir nur erahnen.
Ihnen war früh klar, dass Ihr Einsatz gegen Gewalt an Frauen nur dann erfolgreich sein kann, wenn Gesellschaft und Politik ein Bewusstsein für diese spezifische Problematik entwickeln. So haben Sie Ihren konkreten auch mit politischem Einsatz verbunden. Und um auch Menschen im Alltag für den Umgang mit von Gewalt betroffenen Frauen zu sensibilisieren, schult „medica mondiale“ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Polizei, in Krankenhäusern, Schulen und religiösen Einrichtungen.
Ich gestehe: Es hat mich fasziniert, diese vielfältige, wertvolle Arbeit zu entdecken! Was mich nicht zuletzt beeindruckt hat: dass Sie Ihre starken Emotionen, Wut und Schock, in so positiver Weise anderen zunutze gemacht haben. Und: dass Sie damit Emotionen, die in so brutaler und erniedrigender Weise ausgelebt werden, an den Pranger stellen! Wenn uns allen das doch immer mehr und immer öfter gelingen würde – wie viel menschlicher könnte unsere Welt dann sein.
Mit freundlichen Grüßen
Gabi Ballweg
Redaktion Neue Stadt
Unser offener Brief wendet sich an Monika Hauser, geb. 1959 in Thal, Schweiz, Fachärztin für Gynäkologie. In den 1990-er Jahren gründete sie in Köln die Frauenrechtsorganisation „medica mondiale“ mit dem Ziel, kriegstraumatisierten Frauen medizinische und psychologische Hilfe zu leisten. Für ihre Initiative erhielt sie unter anderem den als Alternativer Nobelpreis bekannten Right Livelihood Award 2008 und den Nord-Süd Preis 2012 des Europarats.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2013)
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