“Wir dürfen uns nicht verkaufen!“
Die Rechtsanwältin Michaela Bahlmann hat für ein halbes Jahr ihre Arbeit an den Nagel gehängt, um nach Guatemala zu gehen. Dort stellen sich Fragen nach Recht und Gerechtigkeit viel drängender.
„Leer, leer!“, ruft der Ayudante, als der Bus knatternd an der Haltestelle stoppt. Dabei ist das Gefährt maßlos überfüllt. Michaela Bahlmann ist froh, dass es nicht ihr Bus ist. Ein Ayudante ist der Gehilfe des Busfahrers. Er surft meist auf dem untersten Trittbrett am Bus-Eingang, kassiert, ruft Fahrtrichtung und Haltestelle aus, ersetzt zuweilen den Blinker und dirigiert auch schon mal den Verkehr rund um seine „Camioneta“, seinen Bus, damit er durch die verstopften Straßen kommt.
Einige Camionetas sind so zerbeult, dass sich Michaela Bahlmann wundert, dass sie überhaupt noch fahren. Endlich ihr Bus! Kaum haben sie und eine guatemaltekische Freundin die vollen Einkaufstaschen hineinjongliert, geht es schon los. Keine Sitzpolster, keine Federung – jedes Schlagloch ist zu spüren.
Michaela Bahlmann ist zum ersten Mal in Guatemala, gleich für sechs Monate. Sonst lebt sie in Hannover in einer Fokolar-Gemeinschaft und arbeitet als Rechtsanwältin in einer Kanzlei in Hameln. Ihren Kollegen ist sie dankbar, dass sie ihren Teil für ein halbes Jahr mit übernehmen. So kann sie sich in dieser Zeit in Guatemala als Mediatorin – Vermittlerin zur Lösung von Konflikten – in einem Schulprojekt einbringen.
Rund 250 Kinder gehen in das „Colegio Fiore“. Das Projekt in Trägerschaft der Fokolar-Bewegung umfasst einen Kindergarten und eine Grundschule bis zur 6. Klasse. Weil zwischen von den Maya abstammenden „Indígenas“ und spanischstämmigen „Ladinos“ viele Vorurteile bestehen, hat sich die Schule der gemeinsamen Erziehung beider Bevölkerungsgruppen verschrieben. „Die Indígenas sind oft arm“, erläutert Michaela Bahlmann. „Sie kommen meist ohne große Schulbildung von den Dörfern in die Stadt, wo sie dann ausgenutzt werden.“
In Guatemala kürt jede Schule jährlich eine Schul-Miss. Die Lehrerinnen am „Colegio Fiore“ wollen es anders machen, um den Kindern zu zeigen, dass es nicht auf Äußerlichkeiten ankommt: Sie haben eine Kulturwoche rund um die Maya veranstaltet, in der die Schüler Tänze, Lieder und Gedichte einübten. Beim Abschlussfest wurde dann unter den Schülern ein Maya-Königspaar gewählt.
„Während der Kulturwoche bekamen wir von Schülern zu hören: Das wird uns zu viel, wir wollen den ganzen Maya-Mist nicht! Da war ich als Mediatorin gefragt.“
Ihre Kolleginnen haben Michaela gebeten, eine Stunde über die deutsche Geschichte zu gestalten, über den Nationalsozialismus und den Umgang mit Rassismus und Toleranz heute. „Überraschenderweise waren die Schüler sehr aufmerksam und haben vieles nachgefragt.“
Immer wieder kommen Kinder in den Schulpausen zu Michaela Bahlmann, um von ihren Süßigkeiten abzugeben. „Das kann ich doch nicht annehmen, dachte ich erst. Die haben doch selbst kaum etwas! – Aber wenn ich mitaß, waren die Kinder froh. Für sie ist es ganz selbstverständlich, das zu teilen, was sie haben.“
Eine Demonstration. Das Militär schießt auf Indígenas: Acht Tote, 34 Verletzte. Der Vorfall macht vielen Guatemalteken Angst: Ihnen steckt der 36 Jahre lange Bürgerkrieg in den Knochen, der erst 1996 endete. Spezielle Polizeieinheiten und das Militär hatten vor allem die indigene Bevölkerung äußerst brutal verfolgt. Die traurige Bilanz: rund 200 000 Tote und eine Million Flüchtlinge.
7. November 2012. An Guatemalas Pazifikküste bebt die Erde: der stärkste Erdstoß hier seit über 30 Jahren. Dutzende Menschen sterben, Tausende verlieren ihre Häuser, in vielen Gebieten ist die Ernte zerstört. Noch einen Monat später sind Menschen in abgelegenen Dörfern weitgehend sich selbst überlassen.
Michaela Bahlmann macht sich mit mehreren Frauen in einem Pick-up auf den Weg in die am meisten betroffene Region. Die Eltern einer befreundeten Jurastudentin wohnen in einem Dorf, das ausgerechnet Nueva Esperanza heißt, Neue Hoffnung. 41 Familien leben dort. Für jede haben sie eine Tüte gepackt: Bohnen, Reis, Mehl, Zucker und Salz. Die Lebensmittel haben Familien gespendet, die selbst nicht viel haben.
Unterwegs üppige Vegetation, ein Wasserfall, exotische Vogelstimmen. Nach sechs Stunden Fahrt über teils verschlammte Pisten parkt der Geländewagen bei zwei ärmlichen Hütten, vor denen auf einer Plane Kaffeebohnen trocknen. Ihre Tüten kommen Michaela dürftig vor. Umso mehr überrascht sie die Dankbarkeit, als sie diese verteilen: „Gott hat uns nicht vergessen“, sagt eine Frau unter Tränen.
Die Gäste aus der Stadt werden in den Hütten, die das Erdbeben einigermaßen verschont hat, herzlich empfangen: ein Schlafraum und eine Küche, gekocht wird auf einer Feuerstelle, Strom gibt es nicht. Das Trinkwasser muss in der Stadt, anderthalb Autostunden entfernt, gekauft werden.
Nach und nach lehrt sich die Ladefläche des Geländewagens. Aber sie wird auch wieder gefüllt: Viele Familien bringen das wenige, was sie selbst haben, Bananen und Plátanos, Kochbananen. Die Familie der Jurastudentin hat ein Festessen vorbereitet: die beste Tischdecke aufgelegt, Wasser und Limonade aus der Stadt herbeigeschafft und für die Suppe ein Huhn geschlachtet.
„Die Armseligkeit hat mich erschüttert“, bekennt Michaela Bahlmann. „Zugleich war ich aber auch gerührt, wie liebevoll wir aufgenommen wurden. Letztlich waren wir die Beschenkten.“
In Guatemala-Stadt ist Michaela Bahlmann nie allein irgendwohin gegangen. „Das war zu gefährlich. Man sieht mir an, dass ich nicht aus Guatemala bin. Die Armut ist groß, und Ausländer – denkt man – haben Geld.“ Immer wieder werden Touristen entführt und Lösegelder verlangt. Aber auch für Einheimische gibt es keine Sicherheit: „Wir wollten einen Abend mit Freunden verbringen. Nur Diego fehlte noch“, erinnert sich Michaela. Als er kam, war er übel zugerichtet. Drei Jugendliche hatten ihn abgefangen und mit gezückten Waffen sein Smartphone verlangt. Aber er hatte nur ein einfaches Handy, das er ohne Zögern herausrückte. Enttäuscht und wütend hatten die Diebe seinen Rucksack durchsucht und auf ihn eingeprügelt.
„Wieso ist Diego denn nicht zur Polizei gegangen?“ Mit ihrer Frage stößt Michaela auf Unverständnis: „Die Stadt ist voller Diebe. Wo sollten die denn anfangen zu suchen? Es ist besser, du machst einen großen Bogen um die Polizei!“ Die Freunde haben schon erlebt, wie Polizisten mit Verbrechern gemeinsame Sache machen. Einer war ungerechtfertigter Weise von der Polizei mit einem Bußgeld belangt worden. Als er den Zahlungsaufforderungen nicht nachkam, war er inhaftiert worden: Man habe in seinem Auto Drogen gefunden …
Korruption und Vetternwirtschaft machen auch vor dem Justizwesen nicht Halt. Michaela Bahlmann trifft sich mit Juristen und Jurastudenten, die in diesem System bewusst gegen den Strom schwimmen wollen. Im Hauptvortrag geht es um ein Prinzip der französischen Revolution, die Brüderlichkeit. Denn sie kann Grundlage für eine Berufsethik sein, die zu allererst die Akteure im Justizwesen an Recht und Gesetz bindet. Einige der fünfzig guatemaltekischen Kollegen berichten von den Hindernissen in ihrem Berufsalltag. Bahlmann selbst hält ein Referat über ihre Arbeit als Familienrechtlerin und die Berufsordnung der Rechtsanwälte in Deutschland.
In der Pause bedankt sich eine Familienrechtlerin bei Michaela für ihre Rede: „Es ist so wichtig, im Kampf gegen die Korruption von Kollegen in anderen Ländern moralisch unterstützt zu werden!“ Sie erzählt von einem Scheidungsfall, an dem mehrere Häuser und Geschäfte hingen, in dem sie die Ehefrau vertrat. Nachdem sie mit ihrer Mandantin das Honorar ausgehandelt hatte, erschien der gegnerische Anwalt und bot ihr das Dreifache, falls sie sich in der Gerichtsverhandlung einer Übertragung der meisten Güter auf den Ehemann nicht widersetzen würde. Das Geld legte er gleich auf den Tisch. „Aber wir dürfen uns doch nicht verkaufen!“ Sie lehnte ab und erreichte eine gerechte Verteilung der ehelichen Güter. – Einem anderen Kollegen ging es schlimmer. Er bekam Morddrohungen und musste untertauchen.
Guatemala ist eines der zehn gefährlichsten Länder der Welt. Aber es fällt auch unter die zehn Nationen, deren Bewohner am glücklichsten sind. „Das passt nicht in unser Weltbild“, meint Michaela Bahlmann.
Vielleicht liegt es an der Gelassenheit der Guatemalteken, dass bei ihnen beides zusammenpasst: „Ich habe Leute getroffen, die trotz vieler existenzieller Probleme in sich ruhen und nicht verzweifeln. Bei uns würde schon ein einziges davon eine lange Psychotherapie rechtfertigen!“
Clemens Behr
Guatemala
Fläche: 109 000 km2. Einwohner: 13 Millionen – 60 % Ladinos (europäisch und gemischt europäisch-indigen), 40 % Indigene (zumeist Maya). Geografie: Tiefland mit tropischem Regenwald, Hochland mit Vulkanen bis 4200 m.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2013)
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