Offen für die Not des anderen
Was kann das von Papst Franziskus ausgerufene Programm einer „armen Kirche“ in Europa bedeuten?
Armut lässt sich an äußeren Merkmalen feststellen; zu viele Menschen auf unserer Welt und in unserer Nachbarschaft sind mittellos und gelten damit als arm. Indessen gibt es noch eine innere Seite der Armut, die nicht direkt messbar ist. Diese hat Jesus wohl auch im Blick, wenn er von den „Armen im Geiste“ 1) spricht. Vor diesem Hintergrund wird Armut auch für jene zum Thema, die nicht äußerlich mittellos sind. Armut beschreibt dann die innere Beziehung zu Besitz überhaupt. Psalm 62 bringt es auf den Punkt: „Wenn der Reichtum auch wächst, so verliert doch nicht euer Herz an ihn.“ 2)
Der Apostel Paulus empfiehlt, so zu besitzen, als besäße man nicht 3). Ich darf also Besitz haben und gebrauchen, soll mich davon aber innerlich lösen und wissen: Zeitliche Reichtümer ansammeln führt nicht in die Ewigkeit 4). Gott allein rettet und ihm will mein Herz gehören.
Das Leben des innerlich Armen speist sich daher zutiefst nicht aus Besitz und Reichtum, sondern aus dem Glauben an die Vorsehung Gottes. Aus dessen Kraft kann es gelingen, die Sorge nur um sich selbst zu überwinden und die Not des anderen in den Blick zu nehmen. Das wird mitunter in letzter Konsequenz dazu führen, sich auch äußerlich zugunsten anderer vom Besitz zu trennen und arm zu sein, wie es Chiara Lubich und ihre Gefährtinnen in den Kriegszeiten immer wieder taten. Der Glaube an die Vorsehung erscheint damit als Innenseite der Armut vor Gott. So gesehen, verordnet das 2. Vatikanische Konzil der Kirche einen stärkeren Glauben an die Vorsehung, indem es festlegt, dass sie „nicht nur aus dem Überfluss, sondern auch von der Substanz“ die Nöte der Menschen zu lindern habe 5).
All diese Überlegungen können freilich keine festen Kriterien liefern, aber sie weisen unserem Gewissen den Weg – dem Gewissen der Einzelnen und dem gemeinschaftlichen Gewissen einer Kirche, die zuinnerst arm sein möchte.
Udo Stenz
1) Matthäus 5,3
2) Psalm 62,11
3) Vgl. 1 Korinther 7,31
4) Vgl. Matthäus 6,19
5) „Gaudium et Spes“, Nr. 88
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2013)
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Also ich weiß nicht, Udo… wer kann das ernsthaft: Besitzen, ohne dran zu hängen?
Ist es nicht viel eher so, dass mit dem Besitz die Angst wächst, weniger zu haben, vielleicht sogar zu den Armen zu gehören? Je mehr ich habe, desto mehr meine ich, es zu brauchen.
Du hast natürlich Recht: Es geht darum, ob wir glauben, dass Gott uns in ganz konkreten Dingen erhält und für uns sorgt (in der Fokolarbewegung wird dann gewöhnlich von “Vorsehung” gesprochen – andere Leute hören dabei eher “alles ist festgelegt, man kann nichts machen”, das ist nicht gemeint). So können wir in der Tat die Sorge um uns selbst los lassen, um dem anderen ein Nächster zu sein.
Meiner Erfahrung nach ist die moderne Idee einer nur übertragenen Bedeutung – sich nur rein “innerlich zu lösen” – allerdings eine Fiktion. “Im Prinzip” bereit zu sein, ist wie Essen auf dem Bildschirm serviert zu bekommen.
Mir scheint, das einzige, was funktioniert, ist: Immer bereit sein, tatsächlich zu teilen. Und da, wo ich gefragt bin, tatsächlich konkret geben.
Nicht also erst als “letzte Konsequenz” konkretes Teilen in den Blick zu nehmen – das macht mich nicht frei. Und, wenn tatsächlich die “letzte Konsequenz” dran wäre, werde ich scheitern.
Wo das gegenseitig wird, wird man nicht arm davon. Doch ohne davon abzusehen, ob ich etwas zurück bekomme, und dennoch bereit zu sein, tatsächlich zu geben, endet es im Selbstbetrug. Erwarten kann ich das “täglich Brot” dann tatsächlich nur von Gott.