Reden ist Gold
Welche Bedeutung hat die Sprachbeherrschung für unsere Persönlichkeit?
Sprache gilt als wichtiges Mittel in der Geschichte des Menschen, um seine Kultur und sein Überleben zu sichern. Sie hängt aber auch eng mit der Entwicklung der Persönlichkeit und der Beziehungsfähigkeit zusammen. Ein Student, der in seinen Praktika für einen Sozialberuf bestes Feingefühl und Können erwies, rasselte durch die mündliche Abschlussprüfung. Er konnte seine Gedanken nicht ausreichend darlegen; seine Worte blieben karg. Er wollte daraufhin sein Studium abbrechen, suchte aber noch eine Therapeutin zur Klärung auf. Er hatte von klein auf gelernt: Man darf Dinge erst sagen, wenn sie Kopf und Fuß haben. Sein Vater verlangte für alles stichhaltige Argumente, sonst vernichtete er wortgewaltig das Gesagte seines Kindes! Die strenge Zensur hatte der Student verinnerlicht, was sein kreatives Denken blockierte. Er musste bewusst üben, auch „Halbfertiges“ zu äußern, was er als befreiend erlebte.
Das Fragealter ist ein wichtiger Baustein für die Formung von Gedanken und die Ausgestaltung von Beziehung, auch wenn das für Eltern mühsam ist. Wer nicht reden darf, lernt auch nicht denken! Der psychologische Vorgang der Mentalisierung – die Vorstellung von Dingen oder Vorgängen und deren Benennung – kommt nur in Gang, wenn Menschen in Beziehung sind und die Sprache auch als emotionales Mittel der Kommunikation einsetzen. Wer als Kind nur mit kurzen oder gar keinen Antworten abgespeist wird, entwickelt keine ausreichende Emotionalität, Selbstsicherheit und kein Vertrauen in die anderen. Gefühle von innerer Leere, Einsamkeit und Alexithymie – das Fehlen von Worten für das, was man empfindet – nehmen Raum. Oft muss die Person dann mehr auf die Körpersprache ausweichen oder entwickelt gar psychosomatische Störungen. Der österreichische Individualpsychologe Erwin Ringel nennt Menschen mit psychosomatischen Störungen „Frühentmutigte“.
Die Redensart „Der hat nichts zu sagen“ meint, dass jemand unwichtig und vom sozialen Leben ausgeschlossen ist – etwas vom Schmerzlichsten. Helfen wir mit, dass es niemanden unter uns gibt, der „nichts zu sagen hat“.
Dorothea Oberegelsbacher
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2013)
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