22. Oktober 2013

Fassaden

Von nst1

Alles gar nicht so schlimm wie die Medien berichten! Wahrscheinlich ist es das, wovon das nordkoreanische Regime ausländische Touristen überzeugen will, wenn es sie unter Aufsicht durch das Land reisen lässt. Aber frei bewegen dürfen sie sich nicht, und mit Einheimischen zu sprechen, ist kaum möglich: Der Dresdner David Marschner und seine Freunde, die Nordkorea auf einer geführten Tour erlebt haben, hatten den Eindruck, nur einem Teil der Wirklichkeit begegnet zu sein. Dem Teil, der dem Regime genehm war; einem geschönten Bereich, den es nach außen für präsentabel hält. Hinter diese Fassade, diese Maske, so der Verdacht der Besucher, hat man sie bewusst nicht blicken lassen (S. 23).

Eine vergleichbare Fassade halten die Regierungen der EU, Russlands und der USA, aber auch anderer Länder in Bezug auf Syrien aufrecht. Sie setzen den Krieg zwar auf die Agenda ihrer Gipfeltreffen, können sich aber kaum auf eine gemeinsame Strategie einigen. Nach außen vermitteln sie den Eindruck, an einem Friedensprozess interessiert zu sein, lassen dabei aber die nötige Konsequenz vermissen: Hinter der Fassade verfolgen sie in Wirklichkeit ihre eigenen Interessen (S. 11).

Ich fürchte, zuweilen präsentieren wir uns in zwischenmenschlichen Beziehungen voreinander ähnlich mit Fassaden. Oder bin ich immer der, der ich nach außen zu sein vorgebe? Auch da sind Schwächen und blinde Flecken, die ich lieber vor den anderen verstecke. Die mir peinlich sind. Die niemanden etwas angehen. Ich habe Angst, das Gesicht zu verlieren; dass andere mich weniger mögen oder gar verachten, wenn sie dahinter schauen könnten.

Das Interview über das Messie-Syndrom lässt mich aufhorchen: Gerade jene, von denen ich meine, dass sie keine Ordnung halten können, wollen eigentlich alles perfekt machen? Sie scheitern kläglich, weil sie den eigenen hohen Anforderungen nicht gerecht werden? Die Unordnung sei nur äußerliches Symptom und habe eine wichtige Funktion: Ändert man etwas, bringe man das Gleichgewicht des Betreffenden durcheinander. – Das bedeutet keineswegs, dass ihm nicht zu helfen ist. Nur darf man nicht mit der Brechstange, sondern muss mit Feinfühligkeit zu Werke gehen (S. 4). 

Eine Fassade kann also auch eine Schutzfunktion haben. Wenn ich sie einfach einreiße, kann das für die Person schädlich sein und die Beziehung zerstören. Also ist Behutsamkeit gefragt, oder auch: ein neuer Blick.

Das bedeutet im Umgang mit anderen wie mit mir selbst, aufmerksam zu sein: Wo stoße ich auf Fassaden? Gibt es hinter der Oberfläche, die mich blendet – oder aber stört – noch eine bisher verborgene, tiefere Ebene? Dann ist Fingerspitzengefühl nötig, um zu sehen: Wofür ist die Fassade da, wovor schützt sie eventuell? Nur wenn das nötige Vertrauen besteht, wird es möglich sein, Einblick zu gewähren. Die Wahrheit, die sich offenbart, kann befreiend sein. Sie kann unerwartet schön, aber auch erschreckend sein. Daher werden es wohl immer mutige und zugleich barmherzige Augen sein, die diese Blicke wagen dürfen.
Ihr

Clemens Behr

Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2013)
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