Fiktion oder Realität?!
Das Kino will die Wirklichkeit sehen, aber es will auch sehen, was darüber hinausgeht. (Georg Seeßlen)
Ein Kinofilm ist per se ein fiktionales Medium, das uns eine ausgemalte Wirklichkeit buchstäblich vor Augen führen will. Das Gezeigte formt eine Filmrealität, die wir in Beziehung zu unserer eigenen Lebenswirklichkeit setzen. Nun gibt es aber auch Filme, die sich mit diesem Umstand ausdrücklich beschäftigen. Sie thematisieren die mögliche Fiktionalität unserer tatsächlichen Lebensrealität.
Sehr eindrücklich hat Rainer Werner Fassbinder in seinem Fernsehfilm „Welt am Draht“ bereits 1973 dieses Thema behandelt. Er basiert auf der Romanvorlage von Daniel Francis Galouye und zeigt eine durch einen Hochleistungsrechner simulierte Kleinstadt. Die Simulation wird zur Erforschung sozialer und ökonomischer Verhaltensweisen von einem Kybernetiklabor erzeugt, bis sich ein Mitarbeiter in die Simulation begibt und bald nicht mehr unterscheiden kann, in welcher Realität er sich befindet.
Fassbinder nimmt ohne Spezialeffekte vorweg, was die Brüder Wachowski 1999 in „Matrix“ als Science-Fiction-Spektakel zelebrieren. Es ist die uralte Frage, die sich bereits Platon und der taoistische Philosoph Zhuang Zhou zur selben Zeit gestellt haben: Woher weiß ich eigentlich, dass ich in der Realität lebe? Der Computerfreak Neo wird in Matrix von einem Unterweltaktivisten darüber aufgeklärt, dass sein bisheriges Leben eine in sein Hirn implantierte Simulation ist. In der wirklichen Wirklichkeit sei die Erde eine unbewohnbare Wüste, in der nur noch ein paar Aufständische gegen allmächtige Maschinen kämpfen, für die Menschen lediglich eine Energiequelle sind. Neo schließt sich den Widerständlern an und wird später zu deren Retter.
Gänzlich überwacht und medial gesteuert wird Truman Burbank in Peter Weirs „Truman-Show“ (1998). Seit seiner Kindheit lebt er in einem riesigen Filmset, das sein Leben in Echtzeit im Fernsehen überträgt. Die Zuschauer meinen Truman zu kennen, denn sie haben sein Leben von Beginn an mitverfolgt. Ob aber Truman der gleiche wäre, wenn sein Leben nicht in einer ausschließlich für ihn inszenierten Umgebung verlaufen wäre? Am Ende kann Truman dem Filmset entkommen, doch welche Realität erwartet ihn dort draußen?
Weitere stilistisch wie inhaltlich herausragende Beispiele zum Thema sind: „TRON“ (1982) und „eXistenZ“ (1999), die einen Schwerpunkt auf das Videospiel setzen, sowie „Strange Days“ (1995) von Kathryn Bigelow und „Total Recall“ (1990) von Paul Verhoeven. Der radikale Konstruktivismus dieser Filme spiegelt die Ungewissheit unserer Zeit wider und birgt zugleich die Aufforderung, mit unserer Vorstellungskraft die tatsächliche Wirklichkeit zu formulieren. In einer weitgehend mediatisierten Welt wächst die Sorge um den Kontrollverlust: Wer fühlt sich heute nicht etwas fremdgesteuert, überwacht und medial ausgeliefert?
Markus Thiel
Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2013)
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