Keine abgezäunten Weideplätze

Das weltweite Internet bietet die Chance, Beziehungen zu pflegen und sich nahezu grenzenlos zu informieren. Dass viele Anbieter dabei den Markt der Möglichkeiten – aus wirtschaftlichen Interessen – begrenzen und den Nutzern individuell zugeschnitten präsentieren, ist vielen nicht bewusst. Unser italienischer Kollege Giulio Meazzini plädiert daher für einen kritischen und bewussten Umgang mit dem Web und sozialen Medien – gerade um sich die Kommunikationsmöglichkeiten nicht selbst zu beschneiden.

Wer hat sie nicht? Seine bevorzugte Tageszeitung – gedruckt oder online, seine Nachrichtensendung – im Radio oder Fernsehen, bestimmte Bücher. Und wer liest nicht am liebsten den Artikel oder das Buch eines bestimmten Journalisten oder Autors: weil es ihm gefällt, wie er argumentiert, denkt, erklärt und weil er die Dinge ähnlich sieht wie man selbst? Wenn wir in unserer Meinung bestätigt werden, ist das bequem, beruhigend, und vermittelt uns einen Sinn. Das wird in einer Zeit, in der alles „im Fluss“ ist, Fixpunkte fehlen oder sich beständig ändern, immer bedeutender. Schon allein deshalb sucht man beständig nach Sicherheit, Werten, „richtigen“ Ideen, auf die man sein Leben, die Diskussion mit Freunden und die Erziehung der Kinder gründen kann.
Wer das allerdings übertreibt, läuft Gefahr, sich in der eigenen kleinen, begrenzten und unantastbaren Welt zu verschließen; er verliert Flexibilität und die Fähigkeit, andere zu verstehen und sich mit Fremdem, Andersartigem auseinanderzusetzen. Sicher, den Horizont zu erweitern, die eigenen Ideen im Dialog der Meinung und Korrektur anderer auszusetzen, ist anstrengender, als sich dem zu verschließen, aber auf Dauer fördert es die geistige Gesundheit. Wir Menschen sind geschaffen, um in Beziehung zu treten, zu lieben, uns mitzuteilen und uns so weiterzuentwickeln. Die Entdeckung der Spiegelneuronen in der Hirnforschung scheint das auch anatomisch zu bestätigen:

Diese Nervenzellen im Gehirn von Primaten scheinen für das innere Imitieren fremder Aktionen zuständig zu sein und bilden damit möglicherweise das Fundament von Mitgefühl, intuitivem Nachvollziehen und innerer Teilhabe.

Deshalb ist es wichtig, sich ab und zu eine andere Tageszeitung zu kaufen, eine andere Nachrichtensendung anzuschauen und den Freund anzuhören, der eine ganz andere Meinung vertritt und sich so eine gewisse geistige Elastizität zu bewahren. Das gilt nicht zuletzt im Internet. Nachdem Google im Dezember 2009 die personalisierte Suche einführte, erkennt das System aufgrund vorheriger Netzaktivitäten die politischen, beruflichen, religiösen Vorlieben, den Geschmack, die Interessen, Neigungen, die geografische Herkunft und den Charakter des Nutzers und speichert diese Informationen. So erhalten zwei Personen, die auf zwei verschiedenen PCs denselben Suchbegriff eingeben, dennoch verschiedene Ergebnisse. Die gesammelten Daten sind die Grundlage für gezielte Werbung oder werden an Dritte verkauft.
Das ist ein gewinnbringender Markt. Und um uns zufriedenzustellen, zeigt das System uns beim nächsten Mal jene Ergebnisse, die wir sehen möchten, bestätigt unsere Ideen, spiegelt uns das, was wir ihm zuvor schon an Information über uns und unser Leben zur Verfügung gestellt haben.

Letztlich macht uns das zu Schafen, wo jedes für sich auf seinem abgezäunten Weideplatz gerade mal jenes Stückchen Gras sehen kann, das direkt vor seiner Nase steht und das so den Kontakt zu anderen verliert.

Was innerhalb des Zaunes passiert, wo ein anderer für mich Angebote und Informationen auswählt und so meine Sicht auf die Welt und auf mich selbst beeinflusst, wird wichtiger als das Schicksal anderer und deren Interessen. Natürlich weiß ich – das Schaf – nicht, was man mir nicht zeigt, und warum oder wie das Profil aussieht, das man von mir angelegt hat. Ich kann nicht so einfach aus der Umzäunung ausbrechen; es ist nicht vorgesehen, dass ich etwas anderes auswähle als das, was ich bisher gewählt habe.

Die neuen Medien sollen Kommunikation fördern und verbessern.

Und das tun sie sicher auch. Manche argumentieren jedoch auch, dass Menschen sich immer mehr wie Computer ausdrücken, in kurzen, schnellen Botschaften, den direkten Kontakt und emotionale Beteiligung vermeiden und so die Fähigkeit verlieren, Gefühle anderer zu erkennen und zu interpretieren, und deshalb in emotionaler Kälte und losgelöst von Beziehungen leben.
Viele Webseiten unterbreiten uns auch, was unsere Facebook-Freunde oder andere in sozialen Kontakten mit uns verlinkte Personen gekauft, gelesen oder gesehen haben. Neuere Studien hingegen bestätigen, dass das nur die Konformität erhöht: Oberflächlichkeit und Fehler bei der Beurteilung werden dadurch verstärkt und gleichzeitig Vorurteile verfestigt. Wir neigen dazu, andere zu imitieren, entwickeln einen Herdentrieb, wie Schafe eben, die meinen zu wissen, was sie tun, während wir auf der Grundlage eines sehr begrenzten Horizonts unsere Auswahl treffen.
Für diejenigen, die sich besser auskennen, gibt es natürlich Möglichkeiten, aus der Umzäunung auszubrechen, zum Beispiel durch Verwendung geeigneter Software oder Deaktivierung bestimmter Funktionen von Facebook und anderer sozialer Netzwerke. Aber das Grundproblem bleibt. Und so ist es wichtig, die Neutralität des Netzes zu gewährleisten, wie das auf vielen Ebenen gefordert wird. Noch wichtiger ist jedoch die persönliche Herangehensweise: So kann jeder die Zeit reduzieren, die er in sozialen Netzwerken verbringt und aufpassen, welche Spuren er hinterlässt. Man kann auch darauf achten, die Seiten, die man besucht, immer wieder zu wechseln, sodass es für das System schwierig wird, das persönliche Profil fest zu definieren.
Das einzige Gegenmittel ist ein erfülltes Leben außerhalb des Netzes, reich an Beziehungen und Freundschaften, die beständig, aufrichtig und abwechslungsreich sind. Wenn dieser Aspekt unseres Lebens in Ordnung ist, dann brauchen wir uns nicht mehr vor den Abzäunungen des Internets zu fürchten.
Giulio Meazzini

Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2013)
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