Wenn Chaos den Alltag beherrscht
Menschen mit Messie-Syndrom sind desorganisiert – in ihrer Wohnung und im Alltag. In Deutschland sind schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen betroffen. Wedigo von Wedel steht einem Münchner Verein vor, der sich seit 20 Jahren diesem Phänomen widmet.
Herr von Wedel, bin ich mit meinem vollen Schreitisch auf dem Weg, ein ‚Messie’ zu werden?
VON WEDEL: Die sichtbare Unordentlichkeit ist höchstens ein Teil dessen, was einen „Messie“ auszeichnet. Und von einem unaufgeräumten Schreibtisch auf das Messie-Syndrom zu schließen, wäre verkehrt.
Was bedeutet es konkret?
VON WEDEL: In der Jugendkultur ist es ein Schimpfwort. Manche Betroffene finden es ganz schön, dass dieses merkwürdige Phänomen nun einen Namen hat. Der Begriff „Messie“ (von engl. mess: Unordnung, Durcheinander) wurde von der selbst betroffenen US-amerikanischen Pädagogin Sandra Felton geprägt. Messies sind Personen mit Desorganisationsproblemen. Hinsichtlich der Schwere gibt es eine große Bandbreite – von Unordentlichkeit bis zu extremer Vermüllung.
Messies haben häufig auch mit ihren Zeitstrukturen große Probleme, sind unpünktlich und gelten deshalb als unzuverlässig. Sie legen sich drei Termine auf Donnerstag, 15 Uhr und merken das erst kurz vorher. Vor Schreck nehmen sie dann gar keinen wahr. In solche Dilemma-Situationen geraten Messies ganz oft.
Es handelt sich nicht um eine anerkannte Krankheit, dahinter stecken andere Grunderkrankungen, in aller Regel Depressionen, auch Zwangsstörungen oder Suchtstrukturen. Meist geht es einher mit einer gebrochenen Persönlichkeit. Die Betroffenen haben kein Vertrauen in sich selbst oder zu Mitmenschen, wenden ein sehr rigides Erziehungsverhalten auf sich an und meinen, nur durch Leistung zu zählen. Häufig haben sie schon früh Verlassenheitspaniken oder Verluste kennengelernt und sind sehr auf Leistung getrimmt. Deshalb können Messies für andere oder im Beruf ganz hervorragende Leistungen erbringen, auch Ordnung halten und sogar Ordnungssysteme aufbauen, aber eben nicht für sich selbst.
Es ist also gar nicht offensichtlich?
VON WEDEL: Richtig. Alles, was in den eigenen vier Wänden passiert, ist ja ein geschützter Raum. Vieles bleibt dort versteckt. So kann es passieren, dass Menschen in der Wohnung alles vollsammeln, bis sie selbst kaum noch Platz haben. Die Sachen sind dann wichtiger als die Person. Und das ist ganz fürchterlich für die Betroffenen und auch für Freunde und Angehörige, die denken, sie könnten helfen, und dann kläglich scheitern. Denn typisch ist die Haltung: „Da kann mir keiner helfen, das muss ich selber machen.“ Und gemeint ist: „Mir ist eh nicht mehr zu helfen.“ Im Grunde haben die Menschen tief sitzende, Panik auslösende Angst vor einer neuen Enttäuschung, einem erneuten Verlust.
Stammen Messies meist aus sozial schwachen Schichten?
VON WEDEL: Im Gegenteil! Häufiger treten die Fälle in bürgerlichen und gut situierten Schichten auf. Aber es geht quer durch alle Schichten. Sozial Schwache kompensieren die Defizite vielleicht auf andere Art. Aber dort, wo man nach außen um jeden Preis den Schein wahren will, ist die Gefahr deutlich größer, sich selbst zu verlieren. Die Menschen tun alles dafür, die Fassade aufrechtzuerhalten.
Woran kann man einen Messie erkennen?
VON WEDEL: Den typischen Messie gibt es nicht. Man spricht ja auch von einem Syndrom und meint eine Ansammlung von Symptomen, äußerlich Sichtbarem. Viele kennen das Helfersyndrom, wenn also Menschen sich immer engagieren, überall dabei sein wollen. Es kann sein, dass sie vor sich selbst davonrennen. Andere sind im Beruf erfolgreich, haben akademische Grade, sind Abteilungsleiter; aber wenn sie nach Hause kommen, kommen sie zu sich. Und wenn das besonders unangenehm ist, geht man lieber hinaus, tut Gutes und kriegt dafür auch noch Anerkennung, kümmert sich aber nicht um sich selbst. Das zeichnet Messies aus.
Weitere Aspekte sind: der Hang zu Perfektionismus; die Unfähigkeit, Kompromisse einzugehen; eine Einzelkämpfermentalität. Messies sind keine Teamplayer; sie können vielleicht Teams führen, müssen aber Außenpositionen einnehmen. Manche geraten in soziale Isolation, andere haben noch ein soziales Umfeld, aber bei genauerer Betrachtung ist in der Nahsphäre von Beziehung und Partnerschaft der Schutzkreis so fest, dass keiner reingelassen wird. Messies sind häufig immer gleich gestimmt.
Das alles sind Indizien, die auch anderes bedeuten können. Aber bei Messies ist zumindest auffällig, dass sie, wenn sie zu sich kommen, sofort in ein Überforderungsgefühl geraten. Typisch ist auch eine Kraftlosigkeit sich selbst gegenüber, aber sobald man fragt, ob sie einem helfen können, sagen sie sofort ja.
Wenn man auf Messies trifft, ist Aufräumen also gar nicht die wichtigste Hilfe?
VON WEDEL: Keinesfalls. Das sollte man nur mit höchster Vorsicht tun. In der Regel haben Messies keinen Müll in der Wohnung, und da, wo es geht, wird geputzt. Staub mag ein Problem sein, weil man an die Sachen nicht mehr rankommt. Aber im Grunde sind Messies überordentlich, mit perfektionistischen Vorstellungen, scheitern aber kläglich daran und machen deshalb lieber gar nichts, als nur halbe Sachen.
Messies sind meist nicht die typischen Sammler, die losziehen und Beute mitnehmen. „Die Sachen finden sich einfach bei mir ein“, ist eine typische Selbstbeschreibung. Oft werden sie auch reich beschenkt und freuen sich darüber auch. In ihrer Wohnung kommt das Geschenkte dann aber auf den Schiebebahnhof. Und dieses Aufschieben bis zum Sankt-Nimmerleinstag ist typisch; inzwischen legen sie sich immer neue Aufgaben zu und sind dann hoffnungslos überfordert.
Es gibt aber auch Menschen, die wirklich durch die Welt ziehen, Müll nach Brauchbarem durchsuchen. Das sind meist sozial schwache Schichten, die nicht viel Geld ausgeben können. Bei denen, die Geld haben, findet man eher eine Kaufsucht.
Deshalb muss man differenzieren und sich bewusst machen: Das alles ist nur das äußere Symptom und hat eine ganz wichtige Funktion für diesen Menschen! Wenn man daran etwas ändert, destabilisiert man die Person. Sie reagiert mit Abwehr oder Abwendung.
Ein Messie wünscht sich durchaus ein geordnetes, aufgeräumtes Privatleben, aber im Alltag auf keinen Fall eine Störung des Systems. Oft sind Messies sehr intelligente und kreative Menschen. Und das innere Gefühl des Chaos ist schwer zu ertragen.
Wie viele Menschen leiden unter diesem Syndrom?
VON WEDEL: Es gibt leider keine fundierten Fakten. Da ist einiges aufzuholen in Wissenschaft, Forschung und Lehre. So geistern für Deutschland Zahlen zwischen 1,8 und über zwei Millionen Betroffenen herum.
Dabei handelt es sich um Erwachsene. Es gibt zwar auch Jugendliche mit ähnlichen Syndromen, die aber eher pubertär bedingt sind und dann wie der Schnee im Frühling von alleine wegschmelzen. Vielleicht wird ein Jugendlicher irgendwann ein Messie werden, aber der hat mit 15 kein übermäßig unordentliches Zimmer, sondern eher ein so pedantisch aufgeräumtes, dass man sich wundert. Messies sind als Kinder die kleinen Erwachsenen, um die man sich nicht kümmern muss, weil sie so vernünftig und brav sind. Deshalb bekommen sie auch wenig Aufmerksamkeit und machen alles mit sich selbst aus.
Was kann man als Angehöriger oder Freund von Betroffenen tun?
VON WEDEL: Sich informieren und sich beraten lassen. Dazu kann man sich an sozialpsychiatrische Dienste und Gesundheitsämter wenden. Wenn die selbst sich nicht auskennen, wissen sie, wo man sich informieren kann. In größeren Städten gibt es Selbsthilfegruppen – für Betroffene und Angehörige. Das erfährt man in Selbsthilfezentren – und überall kann man anonym anfragen. Auch das Internet ist eine Quelle, aber manchmal findet man so viel, dass es verwirrt. Auch bei unserem Verein kann sich jeder erkundigen.
Sie arbeiten seit zwanzig Jahren in diesem Bereich. Nehmen Sie Veränderungen wahr?
VON WEDEL: Als wir anfingen, waren in erster Linie ältere Menschen betroffen, später kamen immer mehr Erwachsene im Berufsalter und auch Jüngere hinzu. Inzwischen sind alle Alterstufen von 20 bis 100 vertreten. Damals haben die Betroffenen gedacht, mit ihrem Problem wären sie die einzigen auf dem Planeten. Mit mehr Aufklärung und Einsicht wächst auch die Bereitschaft der Unterstützung. Mittlerweile kommen zunehmend Anfragen aus dem jeweiligen Umfeld. Es rufen viele Vermieter an, weil sie jemand haben, dem sie nicht kündigen wollen, aber trotzdem natürlich ihr Eigentum oder das Gemeinschaftseigentum schützen müssen.
Was möchten Sie uns mit auf den Weg geben?
VON WEDEL: Den Wunsch, dass Angehörige und Freunde von Betroffenen die Kraft finden, über das, was das Auge sieht – die chaotische Wohnung – zuerst auf den Menschen zu schauen. Und erst über den Menschen zum Problem Wohnung kommen. Und dass man erst von Beratungsangeboten Gebrauch macht, bevor man irgendwelche Aktionen lostritt. Mit Hilfen beim Aufräumen sollte man sehr vorsichtig sein und sich bewusst machen, dass diese oft nur sehr kurzfristigen Erfolg haben und eine langfristige Schädigung der Beziehung darstellen können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Gabi Ballweg
Wedigo von Wedel,
Pädagoge, ist Vorstand des Münchener Vereins H-Team e.V. Der möchte Bürgern in sozialen Nöten ein würdiges Wohnen im vertrauten Zuhause ermöglichen und ihnen ein größtmögliches Maß an Unabhängigkeit und Selbstbestimmung bewahren. Der 1990 gegründete Verein kümmert sich im Münchner Stadtgebiet um Menschen mit Wohnproblemen; über München hinaus versucht er, durch Beratung zu helfen.
Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2013)
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