Frischer Wind und alte Gemäuer

Die französische Region Burgund ist für den Wein, die Küche und zahlreiche Zeugen romanischer Baukunst bekannt:  Aber von ihr sind auch immer wieder geistliche Reformbewegungen ausgegangen. Darum haben wir sie zum Ziel einer Leserreise gemacht.

Cluny: Nicht einmal 5 000 Bewohner hat der Ort, in dem sich im Mittelalter die größte Kirche der Christenheit befand. Mit unserer Reisegruppe stehen wir dort, wo der Eingang gewesen sein muss. Von der erhöhten Stelle aus können wir den noch erhaltenen Nebenturm der Abteikirche sehen und ihre gigantischen Ausmaße erahnen. Ein 3-D-Film im modernen Besucherzentrum zeigt plastisch, wie der 187 Meter lange Bau ausgesehen haben soll.
Im Jahr 910 war in Cluny ein Benediktinerkloster entstanden. Von hier ging die cluniazensische Reform aus, eine Rückbesinnung auf die Ordensregel des heiligen Benedikt. Um das Kloster gegen die Einmischung weltlicher, aber auch geistlicher Macht zu sichern, wurde es direkt dem Papst unterstellt. Zudem konnten die Mönche ihren Abt frei wählen. Der starke Zulauf machte bald eine größere Abteikirche nötig; mit dem Bau der dritten, noch größeren, wurde 1089 begonnen. Anfang des 12. Jahrhunderts lebten 400 Mönche in Cluny; hundert Jahre später hatten sich 1 500 Klöster der Abtei unterstellt. Damit war sie eines der einflussreichsten religiösen Zentren des Mittelalters. Später jedoch schwand ihre Ausstrahlung, als französische Könige Einfluss nahmen. Vielleicht ist sie an ihrer eigenen Größe erstickt. Nach der französischen Revolution wurde die Abtei aufgehoben und unter Napoleon die Kirche als Steinbruch ausgeschlachtet. 

Winzig wirkt dagegen die romanische Dorfkirche im nur zehn Kilometer entfernten Taizé. Roger Schutz, Sohn eines reformierten Pfarrers, kam Anfang des Zweiten Weltkriegs aus der Schweiz nach Südburgund. Zwei Jahre verbarg er in seinem Haus Verfolgte, vor allem Juden, vor den Nazis. Die Versöhnung wurde sein Herzensanliegen. Nach dem Krieg schlossen sich ihm einige Studenten an. 1949 legten sieben Brüder die Gelübde ab: Die ökumenische Gemeinschaft von Taizé war geboren. Bald fasste die Dorfkirche die wachsende Zahl an Gästen nicht mehr. 1962 wurde die „Kirche der Versöhnung“ gebaut, die später erweitert werden musste.

In Taizé empfängt uns Christina Margraf, 22. Die Studentin aus Hessen ist sechs Wochen hier. Normalerweise kommen junge Leute für eine Woche, erzählt sie. „Ich war schon zweimal hier. Das hat mir sehr gefallen. Darauf wollte ich mich nicht ausruhen, sondern etwas beitragen zur Gemeinschaft von Taizé, dass es weiterläuft.“ Dass sie neu zu sich selbst finden kann, aber auch zu Gott, spricht Christina Margraf an.
Die rund 100 Brüder aus 25 Nationen und unterschiedlichen Konfessionen sehen wir beim Mittagsgebet in der Kirche. Mit ihnen und mehreren hundert Jugendlichen singen wir die mehrsprachigen Lieder, spüren den beruhigenden, befreienden, Gemeinschaft stiftenden Geist, der hier lebt.
So provisorisch Kirche, Holzbaracken und Zeltplätze auch wirken, in den Sommermonaten füllen Tausende junge Leute sie mit Leben. Auch Nichtgetaufte sind dabei, wenn Frère Alois, der jetzige Prior der Bruderschaft, jeden Donnerstag Katechesen hält und auf Fragen antwortet.
Die Studentin will ganz hier sein, sich voll auf Ort und Begegnungen einlassen. Und erst bei der Rückkehr daran denken, was sie ändern kann: „Um anderen Gutes zu tun, muss ich bei mir selbst anfangen.“

Ausgangspunkt unserer Ausflüge ist die Stadt Beaune. Von hier brechen wir morgens mit unserem Bus auf, durch die sanft hügelige, wenig besiedelte Landschaft, vorbei an Weinbergen, Wäldern, ausgedehnten Weiden, auf denen Schafe, weiße, stämmige Charolais- oder kleinere, hellbraune Limousin-Rinder grasen. Wenn sich der Morgennebel verzogen hat, wärmt uns die späte Septembersonne mit bis zu 25 Grad.

350 romanische Kirchen gibt es in Burgund, viele in Dörfern wie Brancion, in dem seit dem Mittelalter die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Malerisch auch Flavigny-sur-Ozerain, in dem der Kinofilm „Chocolat“ gedreht wurde, mit seinen verschlungenen Gassen, Treppen und Steinhäusern. Einen Schokoladenladen sucht man in dem 370-Seelen-Ort allerdings vergeblich. Dafür findet man eine Anisbonbon-Fabrik, die ihre süße Ware schon seit 1591 herstellt.

Vor den Toren der Kleinstadt Autun stoßen wir auf römische und keltische Spuren: Kaiser Augustus hatte „Augustodonum“ 10 vor Christus gegründet und für die gallische Bevölkerung im Umland einen Tempel errichtet. Oben auf dem Berg in der Stadt die Kathedrale St. Lazare mit reichem Fassadenschmuck, über dem Westportal ein in Stein gehauenes „Weltgericht“, Werk des Meisters Gislebertus. So staunenswert Steinmetzarbeiten und architektonisches Können auch sind, so seltsam leer und leblos wirkt doch die hohe, dunkle Basilika nach unserem vorherigen Besuch in Vézelay.

Ein Ort mit weniger als 500 Einwohnern wäre kaum der Rede wert; Vézelay aber war vom 10. bis 13. Jahrhundert ein bedeutender Wallfahrtsort. Scharen aus ganz Europa kamen, um die heilige Magdalena zu verehren. Dementsprechend groß ist die gut erhaltene Abteikirche, seit 1979 UNESCO-Weltkulturerbe, heute ein Zentrum der 1975 gegründeten Gemeinschaften von Jerusalem.

„Fünf Brüder und zwölf Schwestern leben hier“, erzählt Bruder Philippe, nachdem uns Schwester Colombe Geschichte und bildhauerische Schätze der Basilika nahegebracht hat. „Dazu drei junge Männer, die sich für die Berufung interessieren. Wir haben immer Gemeinschaften von Brüdern UND von Schwestern in einer Stadt, um gemeinsam Zeugnis zu geben. Vor allem aber, um in der Liturgie Gott vielstimmig preisen zu können.“
Der Gründer der Gemeinschaften von Jerusalem, Pierre-Marie Delfieux, ist Anfang des Jahres gestorben, erfahren wir von Bruder Philippe. In den 1960er-Jahren Studentenpfarrer in Paris, hatte er Anfang der 70er- ein Sabbatjahr in der Sahara auf den Spuren von Charles de Foucauld eingelegt. „Nach und nach ist mir aber deutlich geworden, dass die eigentliche Wüste heute im Herzen der Großstädte mit ihrer Sehnsucht nach Spiritualität und echter Liebe ist“, beschreibt er selbst einmal. „So bin ich nach Paris zurückgekehrt mit dem Wunsch, ‚Mönch in der Stadt’ zu werden.“

„Wir wollen Oasen des Gebets bilden“, erläutert Bruder Philippe, „aus denen frisches Wasser fließt.“ Die Gemeinschaften von Jerusalem verstehen sich als kontemplativ. „Aber wir wollen unseren Lebensunterhalt selbst verdienen, von Chefs abhängen wie die Leute um uns herum.“ Als Programmierer in einer IT-Abteilung oder Verkäuferin in einer Buchhandlung fallen die Mitglieder in ihrem Ordenshabit natürlich auf. Schon daraus ergeben sich leicht Gespräche mit Kollegen oder Kunden.
Die Brüder und Schwestern bilden jeweils überschaubare, familiäre Gemeinschaften. Ihre Messfeiern und Gebetszeiten ziehen Menschen aus einem weiten Umkreis an. „Oft stolpern Leute mitten in unsere Liturgie, die sich eigentlich nur die Kirche ansehen wollten“, erzählt Bruder Philippe. „Sie erleben den Gesang, die Lesungen, bleiben und hören zu, und Gott rührt sie an. Und wir erleben, dass viele einen inneren Frieden finden, zur Beichte kommen und neu anfangen wollen.“ – Von Vézelay aus pilgern wir ein paar Kilometer auf dem Jakobsweg, der sich in leichtem Auf und Ab an Wiesen, Weghainen und Weinhängen vorbeischlängelt.

2010 hat die UNESCO das „gastronomische Mahl der Franzosen“ als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. Nicht nur wegen der Gaumenfreuden, erklärt Manfred Zentgraf, unser Reisebegleiter, langjähriger Jakobspilger und Kenner Frankreichs, sondern auch wegen der dazugehörigen Lebensart: Man lässt sich Zeit, und es fördert die Gemeinschaft. Etwas davon erleben wir in einer urgemütlichen „Ferme Auberge“. Unser bayrischer Busfahrer überrascht uns mit Akkordeonspiel und Gesang und trägt so dazu bei, dass die Geselligkeit unter uns fünfzig Reisenden wächst. Dass sich viele zuvor nicht gekannt haben, kann er kaum glauben: „Die acht Tage kamen mir vor wie ein Familienausflug“, verrät er später auf der Rückfahrt.

Cîteaux. 1089 gründeten Mönche, denen die Lebensweise in Cluny schon wieder zu lasch wurde, eine neue Abtei, um sich noch strikter an die Benediktregel zu halten. 1113 trat hier Bernhard von Clairvaux ein, 23-jährig, mit 30 Verwandten und Freunden. Von Cîteaux aus verbreitete sich der Zisterzienserorden rasant. Wieder war es die Französische Revolution, die das Ende der Mutterabtei besiegelte. Sie wurde verkauft.
Nur drei historische Gebäude sind noch zu besichtigen, aber neue sind hinzugekommen. Denn seit Ende des 19. Jahrhunderts leben wieder Zisterzienser in Cîteaux, heute sind es 35. Und sie tragen ihre Lebensart und ihren Glauben weiter: 2009 haben vier Mönche eine neue Gemeinschaft in Norwegen gegründet.
Clemens Behr

Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2013)
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