20. November 2013

Sprudelnde Quelle

Von nst1

Aldo Stedile war einer der ersten Italiener, mit denen 1958 die Spiritualität der „Focolarini“ den Sprung über die Alpen schaffte. Er starb mit 88 Jahren in der Nähe von Rom. Einige Pinselstriche aus seinem Leben.

„Am 6. März 1958 war ich in Belgien“, schrieb Aldo Stedile in einem Bericht als Zeitzeuge über Werenfried van Straaten, den Gründer des Hilfswerks Kirche in Not/Ostpriesterhilfe. „Kurz darauf folgten drei weitere Fokolare und ebenso die Fokolarinnen, sodass wir eine Männer- und eine Frauengemeinschaft in Tongerlo 1) eröffnen konnten, die ersten Fokolare außerhalb Italiens.“ Sie alle arbeiteten für das Hilfswerk des „Speckpaters“. Stedile begleitete ihn acht Monate lang als Chauffeur auf seinen strapaziösen „Betteltouren“ quer durch Europa. Pater Werenfried war Chiara Lubich begegnet, auf die die Fokolar-Bewegung zurückgeht. Er war vom „Geist der Einheit“ angetan und hatte darum gebeten, Fokolare ans damalige Zentrum seines Hilfswerks zu schicken.

Stedile hatte Chiara Lubich 1948 im norditalienischen Trient kennengelernt. Im folgenden Jahr begann er dort mit zwei anderen jungen Italienern das erste Männerfokolar. Lubich gab ihm ein Wort aus der Schrift mit auf den Weg, das ihn sein Leben lang begleitete: „Wer an mich glaubt, aus dessen Inneren werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ 2). Daher war er vielen unter dem Namen „Fons“, dem lateinischen Wort für Quelle, bekannt.
Auf den Reisen mit Pater Werenfried ergaben sich Gelegenheiten, von der Bewegung zu erzählen, die das Wort Gottes ins Leben umsetzen wollte. Auch in Belgien selbst kamen mehr und mehr Menschen mit ihr in Kontakt. Um sich der ständig wachsenden Kommunität widmen zu können, übergab Stedile den Chauffeurdienst einem anderen Fokolar. Die beiden Gemeinschaften wurden von Tongerlo nach Brüssel verlegt.

„Ich habe Aldo Weihnachten `58 in Brüssel getroffen “, erinnert sich Vittorio Fasciotti, der damals aus Italien gekommen war. Ein paar Tage später brachte Stedile ihn nach Köln, um dort mit zwei weiteren Männern eine Fokolargemeinschaft zu beginnen.
Stedile trug Mitverantwortung für die Bewegung von den Niederlanden bis nach Österreich. Trotzdem hatte Fasciotti nie den Eindruck, einen „Organisator“ vor sich zu haben: „Er hatte das Bewusstsein, dass Gott das Charisma der Einheit für dieses Land in dieser Zeit geschenkt hat. Und das gab ihm Sicherheit.“
Dieses Vertrauen in Gott vermittelte Stedile auch den Menschen um sich herum: Anfang der 1960er-Jahre hatte Fasciotti schon länger vergeblich für eine Fokolargemeinschaft in der Schweiz eine Wohnung gesucht. „Ach, das findest du!“, meinte Stedile. „Und er hat uns weiter Mut gemacht, bis wir tatsächlich eine Wohnung bekamen.“
Gern erinnert sich Vittorio Fasciotti an die Autofahrten zu dritt oder viert ans Zentrum der Fokolare in der Nähe von Rom: „Wir haben uns über unsere Erfahrungen mit Gott ausgetauscht, haben gebetet, Musik gehört oder uns auch gegenseitig veräppelt. Es war eine Gaudi! Aber zugleich ganz wesentlich – eine tiefe Freundschaft!“
In Köln lernte bald Helga Bretfeld das Männerfokolar kennen. Die junge Frau besuchte eine Schule für Erzieher; die Ausbilderin lud sie mit vierzig Mitstudentinnen ein, das „Pilotprojekt“ zu besuchen. „Ich bin nur aus Höflichkeit mitgegangen“, gesteht Helga Bretfeld. Die Gemeinschaft unter den dreien faszinierte sie dann doch. Sie kam öfter und beobachtete, wie sie miteinander umgingen. „Das war so überzeugend, dass ich dachte: Vielleicht ist so ein Leben auch was für mich.“

Helga Bretfeld war jedoch verlobt. Welchen Weg sollte sie einschlagen? Sie hatte inzwischen Vertrauen zu Aldo Stedile gefasst, der von Brüssel aus immer wieder im Kölner Fokolar vorbeikam.

„Ich wandte mich mit meiner Sorge an ihn. Er hat mich nur groß angeguckt, und ich begriff: Versuch, nach dem Evangelium zu leben und die Menschen zu lieben, dann wird Gott dich verstehen lassen, wie es weitergeht.“
Erst später erfuhr Helga Bretfeld, dass Stedile früher selbst verlobt war und daher die Entscheidung, als unverheirateter Fokolar zu leben, nicht leichtfertig gefällt hatte. Noch etwas hatte er damals aufgegeben, um dem Ruf Gottes zu folgen: Er hatte eine künstlerische Ader; sein Traum war, Maler zu werden. Nachdem er schon eine ganze Weile von der gemeinschaftlichen Spiritualität angezogen war, sagte eine von Chiara Lubichs Gefährtinnen zu ihm: Künstler gibt es genug, was die Welt braucht, sind Heilige!

Dietlinde Assmus hat später in München mit Aldo Stedile im Verlag Neue Stadt gearbeitet und dachte, sie müsse wie er die Kunst hintanstellen. Umso überraschter war sie, als er ihr die Aufgabe übertrug, Aquarelle für Buchcover anzufertigen. „Er hatte auch selbst viele Ideen. Manchmal sogar sehr konkrete Vorstellungen, die er mich dann umsetzen ließ, wobei er mich immer wieder korrigierte. Später hat er sich immer dafür interessiert, was ich künstlerisch machte, und einige Bilder hat er in die Öffentlichkeit gebracht.“

Siegfried Großmann, baptistischer Pastor im Ruhestand und lange Präsident des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland, ist Aldo Stedile zum ersten Mal 1966 begegnet. Großmann war in einer Erneuerungsbewegung in den Freikirchen aktiv, die Stedile gebeten hatte, bei ihrer Ostertagung mit 500 Personen in Frankfurt am Main die Fokolare vorzustellen. „Es war das erste Mal, dass wir jemanden aus einer katholischen Bewegung eingeladen hatten – damals waren die Fokolare fast rein katholisch“, blickt Großmann zurück.

„Wir haben trotzdem vom ersten Augenblick eine enge geistliche Verwandtschaft gespürt.

Zwar waren wir schon für andere Kirchen offen, aber das bedeutete für viele von uns die erste wirklich innerlich fundierte ökumenische Beziehung.“
Einige Monate danach trafen sich beide beim zweiten „Oekumenischen Kirchentag“ der charismatischen Bewegung in Königstein wieder. Um die Fokolar-Bewegung bekannter zu machten, gab Großmann ein 30-seitiges Heft heraus, das Stedile verfasste. 1968 entstand in Ottmaring bei Augsburg das Ökumenische Lebenszentrum, dessen Gründung Stedile maßgeblich begleitete; in Craheim begann mit Großmann ebenfalls eine Begegnungsstätte, getragen von der „Lebensgemeinschaft für die Einheit der Christen“. 1969 wurde das „Treffen der Verantwortlichen“ gegründet, 1999 „Miteinander für Europa“, ein ökumenisches Netzwerk geistlicher Gemeinschaften und Bewegungen. „Der Kontakt mit der Fokolar-Bewegung ist die ganze Zeit über erhalten geblieben“, sagt Großmann, „und Aldo hat dafür den Weg eröffnet. Das lag auch an seiner Ausstrahlung, seiner ganz persönlichen Art.“

Johann Kraus war in Ottmaring Vorarbeiter für die Holzkonstruktionen, als dort das Begegnungszentrum gebaut wurde: „Oberster Bauherr war für mich der Herr Stedile, ein angenehmer, feiner Mensch. Der hat immer gelacht.“ Johann Kraus muss selbst lachen, als er an die fast täglichen Besprechungen zurückdenkt. „Ich hab immer gesagt, der bringt mir das notwendige Werkzeug mit: Mit ihm kam die Ruhe durch die Tür. Und die braucht man, wenn mal was Komplizierteres zu bereden ist.“ Mit der Zeit entwickelte sich eine Freundschaft. „Ich hab ihn dann gebeten, meine jüngste Tochter zu taufen.“ 3)

Günther Rattey von der „Bruderschaft vom Kreuz“ hat Aldo Stedile 17 Jahre lang in Ottmaring erlebt. Das Miteinander von Bruderschaften und Fokolar-Bewegung im entstehenden Ökumenischen Lebenszentrum war nicht immer leicht. Am Tag der Beerdigung Stediles in Rom erinnert er an Licht- und Schattenseiten im Ringen um die Einheit unter den beiden unterschiedlichen Charismen: „Es hat viele gute Erfahrungen gegeben, aber das eine oder andere, was wir vereinbart haben, fand so nicht statt. Ich war frustriert!“ Dann endlich die Gelegenheit, Aldo Stedile die Probleme darzulegen: „Aus acht Jahren habe ich ihm zehn Punkte vorgehalten“, so Rattey. „Mich hat erstaunt, dass er nichts gerechtfertigt hat, manches sogar verschärft. Ich habe also einen Menschen kennengelernt, der so souverän war, sich nicht darstellen zu müssen. Der wehrlos war, aber nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke. Das hat meine Einstellung zu den Fokolaren gewaltig geändert. Von da an war ich anderen Gemeinschaften gegenüber ihr Befürworter oder Beschützer.“

Mitte der 80er-Jahre wechselte Stedile von Ottmaring nach Rom. Als in den letzten Jahren seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten abnahmen, hat Vittorio Fasciotti ihn von Deutschland aus immer wieder besucht.

„Seine zwanzig Jahre in den deutschsprachigen Ländern waren bis zum Schluss in ihm lebendig.

Er hatte die Menschen im Herzen, die seinen Weg gekreuzt haben. Bei der letzten Begegnung Mitte August war er bettlägerig, konnte kaum hören und nur noch Laute von sich geben“, erinnert sich Fasciotti. „Aber in seinem Lächeln, seinen Augen strahlte: eine ganz tiefe Freude, die er allen geschenkt hat.“
Clemens Behr

1) Prämonstatenser-Abtei bei Antwerpen, zu der Pater Werenfried gehörte.
2) Johannes 7,38
3)  Aldo Stedile empfing 1963 die Priesterweihe.

Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2013)
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