Stifte und Bücher

Offener Brief an: Malala Yousafzai, 16, pakistanische Bildungsaktivistin

Liebe Malala,

deine Geschichte ist unglaublich. Sie könnte das Drehbuch eines Kino-Thrillers sein. Mit elf hast du für die BBC einen Tagebuch-Blog über den wachsenden Einfluss der Taliban im Swat-Tal und ihre Gewalttaten geschrieben. 2011 verleiht dir die pakistanische Regierung einen Friedenspreis. Dann hast du die „Malala Education Foundation“ gegründet. Mit 15 dringen fundamentalistische Taliban in deinen Schulbus ein, um dich zu töten. Du überlebst deine schweren Verletzungen. Sie haben es nicht geschafft, dich mundtot zu machen. Im Gegenteil, jetzt nutzt du deine Bekanntheit erst recht, um den Kampf um mehr Bildungschancen für Mädchen voranzutreiben! Was du durchgemacht hast und wie du es durchgestanden hast, rührt die Menschen an. Für viele bist du eine Heldin.
Das äußert sich in vielen Ehrungen, bis dahin, dass du dieses Jahr Top-Favoritin und bisher jüngste Kandidatin für den Friedensnobelpreis warst. Staatsmänner und –frauen haben dir gute Genesung gewünscht, Pop- und Hollywoodstars die Daumen gedrückt, Medienhäuser stehen für Interviews Schlange, du warst bei Präsident Obama zu Gast, hast vor der UN eine Rede gehalten. Die weltweite Aufmerksamkeit, die du erhältst, ist Fluch und Segen zugleich.

Segen, weil es den in vielen Ländern immer noch existierenden Bildungsnotstand für Mädchen endlich auf die Tagesordnung hebt – in unseren Breiten unvorstellbar, dass ihnen der Schulbesuch verwehrt wird! Du kannst mit deiner Kampagne auf dieser Welle reiten, Gelder locker machen und vieles bewegen, was dir vorher in dieser Wucht nicht möglich war.
Fluch, weil der Medienhype für eine 16-Jährige auch beängstigend ist; er kann dir schnell zu einer Last werden, die nicht mehr abzuschütteln ist. Ich kann nur hoffen, dass du ihn seelisch unbeschadet überstehst! Du bist eine Symbolfigur für das Recht auf Bildung geworden. Wer so im Rampenlicht steht, auf den hagelt es auch Kritik: Dein Vater, der selbst eine Mädchenschule geleitet hat, habe dich zur Friedensaktivistin erzogen, mit seinem Ehrgeiz habe er dich instrumentalisiert, heißt es. In der Tat fragt man sich: Sind deine öffentlichen Auftritte perfekt einstudiert oder bist du wirklich so schlagfertig und argumentationsgewandt? Steckt da eine medienwirksame PR dahinter oder bist das natürlich, authentisch du? Oder sind die Manipulationsvorwürfe absichtlich gestreut von den Pakistanern, die in deiner Heimat gegen dich hetzen, weil ihnen dein Einsatz viel zu weit geht?

Es kursieren Fernsehgespräche mit dir im Internet, da bleibt den Interviewern die Spucke weg: weil du – solltest du den Taliban begegnen – dich nicht rächen, sondern ihnen nahebringen willst, dass Bildung auch ihren Töchtern Zukunft gibt. Du hast Mut, du wirkst furchtlos, du rührst uns zu Tränen.
Stifte und Bücher sind mächtiger als das Schwert, ist deine Devise. Kämpfe deinen Kampf. Das Ziel lohnt es. Aber pass auch auf: Lass dich nicht von wem auch immer vor den Karren spannen. Bleib du selbst.

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr
Redaktion NEUE STADT

Unser offener Brief wendet sich an Malala Youzafzai. Die 16-jährige Pakistanerin erhält am 20. November den Sacharow-Menschenrechtspreis des Europäischen Parlaments.
Letztes Jahr überlebte sie knapp ein Attentat von Taliban-Kämpfern. Sie hatten auf Malala geschossen, weil sie seit ihrem elften Lebensjahr öffentlich für das Recht aller Mädchen auf Bildung in ihrem Heimatland eintritt. Sie wurde zur Behandlung von Kopf- und Halsschüssen nach Birmingham in Großbritannien ausgeflogen, wo sie zurzeit mit ihrer Familie lebt.

Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2013)
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