17. März 2014

Die „Kleine Flamme“, das große Los

Von nst1

Die Demokratische Republik Kongo zählt trotz ihres Rohstoffreichtums zu den ärmsten Ländern der Welt. Leidtragende sind vor allem die Kinder.  Im Sozialprojekt „Petite Flamme“ kümmern sich hundert Mitarbeiter hingebungsvoll um Bildung, Ernährung und medizinische Versorgung.

1995, Kinshasa, Demokratische Republik Kongo, damals noch Zaire. Das Land hatte gerade eine zweite große Plünderungswelle hinter sich, erinnert sich die deutsche Fokolarin Monika-Maria Wolff: „Wie viele hatten auch wir nichts mehr: keinen Stuhl, keine Schuhe, keine Brille.“ Die Fokolarinnen suchten einen Ort, wo sie sich mit den Menschen treffen konnten, die sich zu ihrer Bewegung zählten. Sie konnten eine Schule anmieten, die schon von tropischen Pflanzen überwuchert zu werden drohte.
Ganz sicher fühlten sie sich dort jedoch nicht. Denn die Schule hatte eine gemeinsame Mauer mit einem Militärlager inklusive Gefängnis. „In Afrika sind Soldaten oft kein Schutz, sondern Bedrohung“, erklärt Monika-Maria Wolff. Die Mitglieder der Fokolar-Bewegung richteten ein kleines Fest für alle aus, die bei der Wiederherrichtung des Schulgebäudes und des Geländes mit angepackt hatten. „Wir hatten vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) Reis und Bohnen bekommen.“ Während die harten Bohnen stundenlang köchelten, sammelten sich am Gittertor Kinder. „Sie waren von den Soldatenfamilien aus dem Militärlager. Wer weiß, wann die das letzte Mal etwas zu essen hatten? Die standen da mit großen Augen, und wir saßen vor vollen Töpfen!“
„Gebt ihr ihnen zu essen“, schoss es Monika-Maria Wolff durch den Kopf. Jesus hatte diesen Satz zu seinen Jüngern gesagt. Sie sollten mit wenigen Fischen und Broten Tausende satt machen. Ähnlich überfordert fühlte sie sich jetzt. „Aber wir haben das Tor aufgemacht, die Kinder reingelassen und unsere Bohnen mit ihnen geteilt.“

Den Soldatenkindern ging es wie 60 bis 70 Prozent der Jungen und Mädchen im Kongo: Um zur Schule gehen zu können, fehlte ihren Familien das Geld.

Das WFP sorgte dafür, dass die Essensausgabe weitergehen, die Kinder sich waschen und ihre Kleidung in Ordnung bringen konnten. Und die Studenten in der Fokolar-Bewegung begannen, ein kleines Schulprogramm für sie auf die Beine zu stellen.
Aber bald machte ihre Uni wieder auf. „Und jetzt? Kümmern wir uns nur um die Randgruppen, solange wir nichts Besseres zu tun haben?“, fragten sich die Fokolarinnen und trommelten ihre Leute wieder zusammen. Die brachten eine große Bereitschaft und viele Ideen mit: „Ich bin Lehrer und arbeite nur vormittags, kann also nachmittags kommen!“ Bei anderen war es umgekehrt. So fing der Einsatz für zunächst rund 60 Kinder an, für die Schule bisher ein Fremdwort war.

Um zum Überleben ihrer Familien beizutragen, hatten sich beispielsweise  Gaylor und Jean-Paul, damals 13, bisher vor tiefe, regenwassergefüllte Schlaglöcher gestellt, Autos angehalten und den Fahrern in gewichtigem Ton geraten, den Motor abzustellen. Während der eine den Fahrer vor dem tiefen Loch warnte, kroch der andere unter den Wagen und spritzte die Zündkerze nass, so dass er beim Starten nicht ansprang. Dann boten sich die beiden an, das Auto anzuschieben – gegen Entgelt, versteht sich.
Immer neu aufflackernde Kriege haben viele Kinder zu Waisen oder Halbwaisen gemacht. Haben sie Glück, werden sie von Verwandten aufgenommen. Wenn sie neu in die Schule kommen, wissen sich einige nicht anders zu helfen, als Auseinandersetzungen mit den Fäusten auszutragen. Auch Gaylor und Jean-Paul hatten noch nie eine Schule von innen gesehen. „Die kann man natürlich nicht mit den Kleinen in die erste Klasse stecken“, sagt Monika-Maria Wolff. „So haben wir ein Nachholprogramm gestartet: Das durchlaufen ältere Kinder für drei Jahre, bis sie in die normalen Klassen eingegliedert werden können.“

Später wurde das kongolesische Sozialministerium auf das Programm aufmerksam, fand es überzeugend und sah darin ein Modell für das ganze Land.

Manchmal verschwinden Kinder einfach oder verantwortungslose Eltern lassen sie verwahrlosen. An sauberes Trinkwasser zu kommen, ist ein teures, fast unlösbares Problem. Die Behörden enteignen Einrichtungen, weil jemand das Grundstück will und sie geschmiert hat. Rebellen dringen in Gebäude ein und plündern: An den Missständen der Gesellschaft leidet auch das Schulprojekt, wie alle Menschen muss es ums tägliche Überleben kämpfen. Weil es in dieser Umgebung wie eine „kleine Flamme“ ein Hoffnungszeichen setzen will, gab es sich den Namen „Petite Flamme“. Hier bekommen die Kinder tägliche Mahlzeiten, vor allem Soja-Maisbrei: eine Maßnahme gegen den Proteinmangel, der ihre körperliche und geistige Entwicklung gefährdet. Eine projekteigene kleine Poliklinik betreut sie gesundheitlich.

Wegen der großen Zahl der Schüler ist im Kongo autoritärer Frontalunterricht üblich. Die Lehrer von Petite Flamme dagegen wollen den Kindern auf Augenhöhe begegnen und „sie so behandeln wie unsere eigenen“. Sie gehen in der Begleitung weit über die rein schulischen Erfordernisse hinaus, besuchen einmal im Monat ihre Schüler zuhause. Erst recht, wenn ein Kind fehlt: Ist es krank, wird es ausreichend versorgt? Gibt es familiäre Gründe für sein Fernbleiben wie Armut, Streit, Todesfälle? „Bei der Betreuung hängt die ganze Familie mit dran“, erzählt Monika-Maria Wolff, die heute in Zwochau bei Leipzig lebt. „Wir können ja nicht nur einem Kind helfen und seinen Geschwistern nicht. Vielleicht müssen wir auch die Oma und den Opa unterstützen, bei denen das Kind lebt. Diese Herangehensweise zieht Kreise.“

Zum Beispiel, indem Eltern der Schulkinder eine ganze Familie bei sich übernachten lassen, die auf der Straße lebt: „Sie kommen dann und sagen, sie können bei uns bleiben, bis ihr eine Unterkunft für sie gefunden habt.“ Andere nehmen ein Schulkind auf, das keine Angehörigen hat: „Ihr habt uns geholfen, jetzt helfen wir euch!“
Für die Mitarbeiter ist ein tiefes gegenseitiges Vertrauen die Grundlage ihrer Arbeit, erzählt Edeltraud Strugholtz, die von Kinshasa aus den Kontakt mit dem deutschen Patennetz hält:

„Zusammen mit den Kindern beginnen sie den Tag mit einem Gebet. Dann werfen sie einen Würfel, auf dessen Seiten Impulse stehen: als Erster lieben – die Feinde lieben – sich einsmachen, in den anderen hineinversetzen.“

Die Seite, die oben liegt, ist ihr Tagesmotto. Sie überlegen, wie sie es in der Arbeit mit den Schülern umsetzen können und erzählen sich später, ob es ihnen gelungen ist. „Die Frau, die kocht, die Person, die die Abwasserkanäle freischaufelt, die Lehrer, die Schulleitung – alle sind gleichermaßen mitverantwortlich“, so Strugholtz. „Und alle verdienen das Gleiche, rund 170 Dollar im Monat.“
2006 sollte eine EUFOR-Mission die ersten demokratischen Wahlen im Kongo sichern, darunter Soldaten der deutschen Bundeswehr. Um der Bevölkerung zu helfen und ihr Vertrauen zu gewinnen, haben sie sich auch zivilen Projekten gewidmet. So lernten sie das Schulprojekt Petite Flamme in N`Dolo kennen, dem Stadtteil von Kinshasa, in dem das EUFOR-Camp aufgebaut war. „Schon nach dem ersten Besuch des Schulprojektes waren unsere Soldaten dermaßen beeindruckt, dass für sie feststand, sich persönlich besonders für diese Ärmsten der Armen engagieren zu wollen. Auch mit eigenen, privaten Mitteln“, schreiben Henning Bess und Julie Müller in einer Infobroschüre über Petite Flamme. Seitdem setzen sich der Flottillenadmiral und seine Frau mit großem persönlichen Engagement für die Kinder im Kongo ein, zusammen mit einem weiten Netzwerk von Soldaten, Familien Freunden und Bekannten in ganz Deutschland.

„Nicht für die Kinder, sondern mit den Kindern“! Das von UNICEF geprägte Prinzip aus der UN-Kinderrechtskonvention wird nach Ansicht der deutschen Botschaft in Kinshasa in den Einrichtungen von Petite Flamme praktiziert. „Das Miteinander unter Lehrern, Erziehern und Kindern schenkt den Kindern ein familienergänzendes Zuhause“, heißt es auf den Internetseiten der Botschaft. „Diese Kinder haben das große Los gezogen“, äußerte der damalige Botschafter Peter Blomeyer bei einem Besuch der Einrichtung 2011. Ohne Petite Flamme hätten sie kaum eine Überlebenschance. Gaylor und Jean-Paul haben die Schule mittlerweile abgeschlossen, sind verheiratet und arbeiten als Elektriker.
Clemens Behr

Das Sozialprojekt „Petite Flamme“
unterhält in der Demokratischen Republik Kongo 11 schulische Einrichtungen, in der Hauptstadt Kinshasa (8), in Kikwit (2), Idiofa und Kisantu: darunter Kindergarten/Vorschule, Grundschulen, Wiedereingliederungsschule, Blindenschule, eine Taubstummenklasse, Nachmittagsprogramme für Jugendliche in weiterführenden Schulen, zwei Berufsschulen, die Mädchen zu Schneiderinnen ausbilden. Insgesamt begleiten rund 100 Mitarbeiter über 1 800 Kinder und Jugendliche.

Für den täglichen Unterhalt wird das Projekt vorwiegend über „Patenschaften“ in Form finanzieller Unterstützung der Kinder auf Entfernung getragen, vermittelt über die gemeinnützige Organisation „Bewegung Neue Familien“ (Azione per Famiglie Nuove onlus). Dem haben sich EUFOR-Soldaten mit einem Patennetz angeschlossen, die „Deutschen Freunde von Petite Flamme“. Außerdem unterstützen eine Reihe von Sponsoren das Projekt.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2014)
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