17. März 2014

Wörter, die das Schweigen hervorheben

Von nst1

Die Niederländerin Etty (Esther) Hillesum, am 15. Januar 1914 geboren, hat einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt. Aufgewachsen in einer nicht praktizierenden jüdischen Familie, bedrängen und bedrücken sie die Folgen der Nazi-Herrschaft in Deutschland immer mehr, bis hin zu ihrer Ermordung in Auschwitz am 30. November 1943. Aus einem anfänglich nur vagen religiösen Empfinden entwickelt sie trotz zunehmender Gefahren und drohender Verzweiflung einen Sinn für Gott, der schließlich ihr ganzes Leben bestimmt. Das Zwiegespräch mit ihm gibt ihr innere Ruhe, Kraft, Freude, bei allem Realitätssinn, den sie sich bewahrt.
Zu Beginn der österlichen Passionszeit bringen wir Auszüge aus ihren Aufzeichnungen. 1)

„Ich glaube, dass ich das tun sollte: morgens vor Beginn der Arbeit eine halbe Stunde lang ,mich nach innen wenden’, horchen nach dem, was in mir ist. ,Sich versenken.’“

„Der Zweck des Meditierens sollte sein: dass man sich innerlich zu einer großen Ebene ausweitet, ohne all das heimtückische Gestrüpp, das die Aussicht behindert. Dass etwas von ,Gott‘ in einem erwächst, wie auch in der Neunten von Beethoven etwas von ,Gott‘ enthalten ist. Dass auch eine Art ,Liebe‘ entsteht …“

„Eigentlich ist mein Leben ein unablässiges ,Hineinhorchen‘ in mich selbst, in andere und in Gott. Und wenn ich sage, dass ich ,hineinhorche‘, dann ist es eigentlich Gott, der in mich ,hineinhorcht‘. Das Wesentlichste und Tiefste in mir horcht auf das Wesentlichste und Tiefste in dem anderen. Gott horcht auf Gott.“

„Es ist, als hätte sich etwas in mir einem beständigen Gebet überlassen: ,Es betet in mir‘, selbst wenn ich lache oder scherze.“

„… jeden Tag Abschied nehmen. Der wirkliche Abschied ist dann nur noch eine kleine äußerliche Bestätigung dessen, was Tag für Tag in mir vorgegangen ist.“

„Es ist das Einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen.“

„Und wenn Gott aufhört, mir zu helfen, dann werde ich Gott helfen!“
„Man muss sie täglich bekämpfen wie Flöhe, die vielen kleinen Sorgen um die kommenden Tage, die an den besten Kräften im Menschen nagen.“

„Man muss sogar die Sorgen um die anderen, die man liebt, fallen lassen.“

„Immer wieder steigt wie eine kleine, wärmende Welle das Gefühl in mir auf, auch nach den schwersten Augenblicken: Wie ist das Leben doch schön! Es ist ein unerklärliches Gefühl. Es findet auch keinerlei Halt an der Realität, in der wir jetzt leben. Aber gibt es nicht auch andere Realitäten außer denen, die man in der Zeitung liest und in den gedankenlosen, erregten Gesprächen aufgeschreckter Menschen findet? Es gibt auch die Realität dieses kleinen rosaroten Alpenveilchens und des großen Horizontes, die man auch im Lärm und im Wirrwarr dieser Zeit immer wieder entdecken kann.“

„Viele sagen mir: Wie kannst du noch von Blumen träumen?“

„Manchmal kommen mir die Menschen vor wie Häuser mit offen stehenden Türen. … Man sollte aus jedem Haus eine Wohnung machen, die dir geweiht ist, mein Gott. Und ich verspreche dir, dass ich in so vielen Häusern wie möglich eine Wohnung und Unterkunft für dich suchen werde, mein Gott.“

„Ich hasse es, viele Worte zu machen. Ich will nur Wörter schreiben, die sich organisch in ein großes Schweigen fügen, und nicht Wörter, die nur dazu bestimmt sind, das Schweigen zu übertönen und zu zerstören. Die Wörter müssen eigentlich das Schweigen hervorheben.“

„Gott, nimm mich an deine Hand, ich gehe brav mit, ohne mich allzu sehr zu sträuben. Ich werde mich nicht entziehen; was in diesem Leben auch auf mich einstürmen mag, werde ich nach besten Kräften verarbeiten. Aber schenke mir ab und zu einen kurzen Augenblick der Ruhe.“

„Du hast mich so reich gemacht, mein Gott, lass mich auch mit vollen Händen davon austeilen. Mein Leben ist zu einem ununterbrochenen Zwiegespräch mit dir, mein Gott, geworden, zu einem einzigen großen Zwiegespräch“.

„Gott und ich allein … Jetzt ganz allein mit ihm allein.“

„Ich habe meinen Körper wie Brot gebrochen und … ausgeteilt.“

1) Aus: Pierre Ferrière und Isabell Meeûs-Michiels: Doch, es gibt eine andere Wirklichkeit – Meditieren mit Etty Hillesum, Verlag Neue Stadt 2014

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2014)
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