Die „Tracht“
In der Karwoche und an Ostern vertiefen Christen die zentralen Geheimnisse ihres Glaubens. Eines davon ist das „neue Gebot“, das auch das Wort des Lebens von diesem Monat in den Mittelpunkt stellt. Es ermöglicht hier auf Erden ein Leben nach dem Vorbild der Dreifaltigkeit. Die folgenden Gedanken von Chiara Lubich 1) wollen das vertiefen.
Wie bei einem Kaminfeuer gelegentlich die Glut mit einem Feuerhaken geschürt werden muss, damit sie nicht unter der Asche erstickt, so ist unter uns von Zeit zu Zeit die gegenseitige Liebe zu verlebendigen. Die Beziehungen müssen belebt werden, damit sie nicht ersticken unter der Asche der Teilnahmslosigkeit, der Gleichgültigkeit und des Egoismus.
Wenn Gott Liebe ist, und zwar gegenseitige Liebe zwischen Vater und Sohn in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes, dann ist klar:
Wenn die Christen diese gegenseitige Liebe leben, dann machen sie dadurch sichtbar, dass sie geschaffen sind nach dem Abbild Gottes, der Vater, Sohn und Heiliger Geist ist … Jesus hat mit seiner Menschwerdung den Himmel auf die Erde gebracht, indem er uns gelehrt hat, das Leben der Dreifaltigkeit zu leben. Er sagt von sich: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannes 14,9).
Wenn nun die Christen durch die gegenseitige Liebe untereinander eins sind, wie Jesus und der Vater eins sind, dann verwirklicht sich das Augustinus-Wort: „Siehst du die Liebe, dann siehst du die Dreifaltigkeit.“
Herr, wie können wir dich der Welt geben, dich „aussprechen“, bezeugen und verkünden, wenn wir durch die Straßen gehen, wo wir uns kleiden wie alle anderen und mitten unter allen leben …?
Woran sollen die Menschen dich erkennen? – „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Johannes 13,35).
Das ist die „Tracht“, die alle Christen anlegen können: Jung und Alt, Frauen und Männer, Verheiratete und Ehelose, Erwachsene und Kinder, Kranke und Gesunde. Sie alle können so durch ihr Leben überall und immer den verkünden, an den sie glauben und den sie lieben möchten.
Jesus sagt zum Vater: „Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht … Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast“ (Johannes 17,1.22). Wir haben teil an der gegenseitigen Verherrlichung von Vater und Sohn.
Wenn wir als Christen leben und einander lieben, erhalten wir bereits hier auf der Erde anfanghaft Anteil an der Herrlichkeit der Dreifaltigkeit.
Auf diese Weise können wir Gott „verherrlichen“ und preisen, wie es ihm gebührt, und wir achten und ehren auch einander …
Zur gegenseitigen Liebe gehört auch, die anderen wertzuschätzen und uns in aller Einfachheit mit ihnen freuen zu können …
Wo die Liebe und die Güte wohnt, dort ist Gott. Und wenn er zugegen ist, wissen wir auch, wem wir alles verdanken und wem alles Lob gebührt: ihm!
Der Glaube an die Liebe ließ uns ein neues Leben beginnen. Zunächst konzentrierten wir [Chiara Lubich und ihre Gefährtinnen] uns auf die Liebe zu den Notleidenden. Doch bald schon wurde uns klar, dass wir als Christen jeden Mitmenschen lieben sollten. Und untereinander wollten wir das „neue Gebot“ verwirklichen. Wir versprachen einander: „Ich bin bereit, für dich das Leben zu geben. Und ich für dich!“ Jede für jede. Dieser „Pakt“, wie wir ihn nannten, wurde grundlegend für uns … Wir wollten einander teilhaben lassen an unseren Erfahrungen und die Güter miteinander teilen; durch diese Liebe untereinander haben wir erfahren, was es bedeutet, eins zu sein.
„Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen“ (Johannes 13,14). – Es ist vor dem Paschafest. Jesus legt sein Gewand ab, umgürtet sich mit einem Leinentuch, dann gießt er Wasser in eine Schüssel und beginnt, den Jüngern die Füße zu waschen. Petrus will es nicht: „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“
Doch der Meister überzeugt ihn: Nur so könne Petrus „Anteil haben“ an ihm, das heißt, in Gemeinschaft sein mit ihm.
Mit seiner eindrucksvollen Geste weist Jesus auf den Dienst aneinander hin, auf die gegenseitige Liebe, und er zeigt seinen Jüngern, dass die Demut die Grundlage für die Liebe ist: Damals war es Sache der Sklaven, ihren Herren die Füße zu waschen. Jesu Beispiel wird zur Norm für die Seinen: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe … Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt“ (Johannes 13,15.17).
Die christliche Gemeinschaft ist eingeladen, es sich zur goldenen Lebensregel zu machen; einander zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat, das ist das „Grundgesetz“ der Kirche.
1) Aus: Chiara Lubich, Liebt einander … – Betrachtungen über das „neue Gebot“, Verlag Neue Stadt 2013
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2014)
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