„Geschwisterlichkeit ist für mich Therapie“
Für den Kolumbianer Àlvaro Luis Ramirez Gomez 1) ist seit dem 5. Juni 1999 nichts mehr wie vorher: Auftragskiller bedrohten ihn und töteten seine Frau. Hals über Kopf musste er mit seinen Kindern fliehen. In der Schweiz hat er ein neues Zuhause gefunden.
Das Haus in den Anden, das nur über einen Feldweg erreichbar ist, war gemietet: Mauern aus Backsteinen, das Dach aus Blech. Karg auch die Ausstattung mit einer Stube, einer Küche und einem Schlafzimmer. Neben dem Haus stand ein Stall. Die Familie war für den Lebensunterhalt auf die Früchte und das Gemüse aus dem Garten angewiesen.
Geboren wurde Àlvaro im Süden Kolumbiens 1959. Er galt als sehr guter Schüler. Doch das Geld reichte nirgends; ein Studium blieb ihm daher verwehrt. Àlvaro verdiente seinen Lohn anfänglich in Kaffee- und Orangenplantagen. Sein Vater führte einen Getränkehandel; das Haus war Treffpunkt für Jung und Alt. Àlvaro half im elterlichen Betrieb mit bis zum 33. Lebensjahr. In der Stadt Cali, zwei Autostunden von seinem Wohnort entfernt, arbeitete er daraufhin drei Jahre. Dort lernte er die gleichaltrige Diana kennen. Die beiden heirateten 1992. Sohn Raul kam 1993 auf die Welt, Tochter Elena 1995. Nach der Heirat wohnte die junge Familie vorerst in Cali. Bezüglich der Arbeit konnte Àlvaro nicht wählerisch sein: Er diente in einer Bäckerei, als Schreiner und als Securitas-Wächter. In der 2,5-Millionen-Stadt ließ sich mehr verdienen. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit zog die junge Familie trotzdem wieder auf das Land, in die Nähe seines Geburtsortes.
In der Nähe befanden sich ergiebige Quellen. Àlvaro setzte sich mit anderen Einwohnern zum Ziel, sie zu schützen: Die Pflanzung von Saman-Bäumen, ein in Südamerika verbreitetes Mimosengewächs, sollte die Naturanlage verdecken und so mutwillige Verschmutzung verhindern. Àlvaro und seine Gruppe hofften, die Quellen nutzen und eine Trinkwasserversorgung mit Leitungen aufbauen zu können. Der strebsame Mann wurde zum Schriftführer der Gruppe ernannt; ihm zur Seite stand Diana, flink im Maschineschreiben. Eine lokale Fernsehstation interessierte sich für die Anlage und die Nutzungspläne: Als Vertreter der Gruppe fand sich Àlvaro unverhofft mitten in einer 20-minütigen Sendung wieder.
Die über das Fernsehen verbreitete Initiative zum Schutz der Quellen rief den Zorn einer profitorientierten Gruppe hervor, die sich ihrer bemächtigen wollte, mit bösen Folgen: Am 5. Juni 1999 näherten sich angeheuerte Killer Àlvaros Haus, fanden ihn jedoch nicht vor. Sie erschossen kurzerhand seine Frau. Der damals sechsjährige Sohn und die vierjährige Tochter verbargen sich und kamen mit dem Leben davon. „Du kannst dich verstecken, wo du willst, sie werden dich finden“, wurde Àlvaro zugetragen. Er und seine Kinder standen unter Schock; Angst übermannte sie. Bereits am nächsten Tag wurde Diana in Cali beerdigt. Zuflucht fanden die drei vorerst bei der Schwiegermutter.
Zwei in der Schweiz lebende Schwestern von Diana boten an, sie vorübergehend aufzunehmen. Die Flucht führte über Bogota und Italien. Sie hatten nur das Allernötigste dabei. In aller Hast hatten sie die Heimat verlassen müssen, in eine ungewisse Zukunft. Abschied hatte Àlvaro weder von Vater und Mutter, noch von Freunden nehmen können. In der Schweiz beantragte er politisches Asyl.
Über Umwege ging es nach St. Gallen, nach Zürich, schließlich zu einer Befragung nach Bern. Dann wurde er nach Obfelden geschickt, ohne Plan und Billet und der Sprache nicht mächtig: Eine weitere vierstündige Befragung sollte über sein Schicksal entscheiden. Sie war fair, aber intensiv und löste, verbunden mit der ständigen Angst, eine Woche Kopfschmerzen aus. Àlvaro konnte kaum mehr essen. Sein Asylgesuch wurde abgewiesen, ebenso sein Rekurs, den er gegen den Bescheid eingelegt hatte. Er sollte die Schweiz innerhalb von zwanzig Tagen verlassen. „Lieber sterbe ich hier, als dass ich nach Kolumbien zurückkehre“, erklärte er nach dem Urteil. Der Abgewiesene war verzweifelt, dem Wahnsinn nahe, verlor den Kopf. Eines Tages – seine Kinder waren bei einer Frau in Obhut – legte er sich auf die Tramschiene. Göttliche Fügung? Aufmerksame Passanten zerrten ihn weg; Àlvaro wurde gerettet.
Auf der Polizeistation konnte er sich aussprechen und seine Geschichte erzählen. Ein Polizist hatte Tränen in den Augen. Àlvaro kam direkt in eine psychiatrische Klinik: Erneut ein Schock! Einen Monat musste er in der Klinik bleiben, nichts als Tabletten schlucken. Die Gedanken an Flucht waren nahe. Doch dann ein Hoffnungsschimmer: Die Nachricht, Àlvaro dürfe für ein Jahr bleiben, in einer Asylantenunterkunft.
Später konnte er in eine Sozialwohnung umziehen; die Kinder durften die Schule besuchen. Keine Arbeit war Àlvaro zu niedrig. Fünf Monate arbeitete er in einem Restaurant, doch wurde er schlecht behandelt und bekam nur drei Monatslöhne ausbezahlt.
Dennoch ist Àlvaro der Schweiz zutiefst dankbar für das „geschenkte zweite Leben“. Er hat seine Sprachkenntnisse verbessert, kommt längst mit den Gepflogenheiten der Schweizer zurecht. Er sieht es als Fügung, dass er den Koch des Bildungs- und Begegnungszentrums Eckstein in Baar, einer Siedlung der Fokolar-Bewegung, kennengelernt hat. Das Haus entschloss sich, dem vom Schicksal geplagten Kolumbianer eine Chance zu geben. So packt er, vertraglich geregelt, an zwei Tagen pro Woche mit an. Er freut sich, in Küche, Haus und Garten mitarbeiten zu können, eigenständig und absolut zuverlässig. Hier ist er nicht nur der Hilfsarbeiter, auf den andere abschätzig herabblicken. Hier wird er als Mensch behandelt, gleichwertig. Zu Weihnachten hat das Zentrum ihm wie den anderen Mitarbeitern ein Festessen bereitet: Noch nie in all den Jahren in Europa hatte ihn jemand eingeladen! Àlvaro revanchierte sich, wollte, dass seine Kollegen unbedingt auch zu ihm nach Hause kommen, und kochte für sie auf. Er fühlt sich angenommen. Gegenüber den „Arbeitgebern“ drückt er immer wieder Wertschätzung und große Dankbarkeit aus.
Àlvaro kommt dank der Arbeit ohne Sozialhilfe aus. Seine mittlerweile 18-jährige Tochter Elena hat eine Lehre als Verkäuferin abgeschlossen; Raul ist Schreinerlehrling. Alle drei schätzen neben der Schönheit des Landes die Ordnung, die Sauberkeit und – vor allem – die Sicherheit. Und doch sind ihre Gedanken viel in Kolumbien: Àlvaro möchte seine betagte Mutter nochmal sehen, die Gräber von Diana und seinem Vater, der vor sechs Jahren starb, besuchen. Werden sich die Hoffnungen erfüllen?
Im vergangenen Oktober zückt er während einer Kaffeepause einen Briefumschlag. Stolz und vor Freude überwältigt zeigt er die lang ersehnte „Aufenthaltsbewilligung B“ 2) Nun fühle ich mich wie aus einem Gefängnis befreit“, sprudelt es aus ihm heraus. Die Liebe, die Offenheit, die ihm in Baar entgegengebracht wird, gibt ihm Sicherheit, so dass er sich auch gegenüber anderen öffnen kann. „Die Geschwisterlichkeit, die ich hier erlebe, empfinde ich wie eine Therapie.“ Er sucht keine Partnerin mehr, aus Liebe und Respekt gegenüber Diana. Seine Familie hat er nun in Baar gefunden.
Alfred Gassmann
1) Namen des Kolumbianers und seiner Angehörigen von der Redaktion geändert
2) Sie berechtigt zu einem Jahr Aufenthalt in der Schweiz und kann mehrmals verlängert werden.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2014)
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