Weiteren Völkermord verhindern!
Offener Brief an: Catherine Samba-Panza, Präsidentin der Zentralafrikanischen Republik
Sehr geehrte Frau Samba-Panza,
seit Januar sind Sie nach Ellen Johnson Sirleaf aus Liberia und Joyce Banda in Malawi die dritte Frau an der Spitze eines afrikanischen Landes. Als Übergangspräsidentin sollen Sie für 2015 Neuwahlen vorbereiten.
Bedenkt man, dass Ihr Land zu den zehn ärmsten der Welt gehört und nach einem Putsch der muslimischen Rebellenkoalition „Seleka“ vor einem Jahr unter gewaltsamen Konflikten leidet, scheint das eine fast unlösbare Aufgabe. Dennoch haben Sie sich ihr gestellt. Das verdient größten Respekt!
Dabei ahnten Sie sicher, was auf Sie zukommt: Nach Ihrem Jurastudium in Paris gründeten Sie ein eigenes Unternehmen, engagierten sich als Mutter dreier Kinder in unterschiedlichen Politikbereichen, arbeiteten ehrenamtlich für Amnesty International und leiteten politische Dialogrunden, um die wiederkehrenden Krisen in Ihrer Heimat zu beenden. 2013 wurden Sie Bürgermeisterin der Hauptstadt Bangui.
Es spricht für Sie und Ihre Dialogfähigkeit, dass Ihr Kabinett aus Experten beider Religionen besteht. Politische Beobachter berichten, dass Sie mit großer Ernsthaftigkeit nach beiden Seiten vermitteln und zu allen Beteiligten Kontakt haben. Auch wenn der Erzbischof von Bangui, Dieudonné Nzapalinga, in Interviews immer wieder unterstreicht, dass es sich nicht um einen interreligiösen Konflikt handle, ist diese Ihre Dialogbereitschaft sicher ein unschätzbares Pfund in der angespannten Lage.
Von Europa aus ist diese schwer durchschaubar; zu leichtfertig legen wir unsere westlichen Maßstäbe an. Viele Beobachter sagen jedoch, dass sich die Lage zumindest in Bangui seit Ihrem Amtsantritt beruhigt habe. Dass Sie für eine dauerhafte Lösung auf Unterstützung von außen angewiesen sind, haben Sie von Anfang an gesagt und schon vor Ihrer Amtseinführung – und danach immer wieder – an die Internationale Gemeinschaft appelliert.
Ein Appell, das müssen wir eingestehen, der viel zu lange nicht gehört wurde. Zwar haben die Vereinten Nationen im April nun den Einsatz von 12 000 Blauhelmsoldaten beschlossen. Aber der ist mit einem Wermutstropfen verbunden: Die „Minusca“ genannte Mission wird erst im September beginnen können. Da ist es auch nur ein schwacher Trost, dass die Europäische Union eine eigene Mission mit bis zu 1 000 Soldaten auf die Beine stellt, die schon in den kommenden Wochen einsatzfähig sein soll.
Dass die Krise in Ihrem Land in der Weltöffentlichkeit so lange unbeachtet blieb, ist kaum entschuldbar. Die Lehren aus dem Völkermord von Ruanda tauchten Anfang April zwar verlässlich in allerlei Trauerreden auf. Aber der Verweis sollte künftig mehr sein als nur ein rhetorischer Aufruf zur politischen Wachsamkeit. Als Menschheitsfamilie sind wir alle gefordert: Bei aktuellen Konflikten – seien sie noch so weit entfernt und schwer einzuordnen – dürfen wir nicht wegsehen!
Ihnen und Ihrem Einsatz für die Zukunft Ihres Landes gilt unser Respekt! Von Herzen wünschen wir Ihnen dafür auch weiter Durchhaltevermögen, Kraft, Klugheit und Klarheit bei allen anstehenden Entscheidungen! Und dass Sie national und international immer auf die nötige Unterstützung rechnen können,
Ihre
Gabi Ballweg
Redaktion NEUE STADT
Unser offener Brief wendet sich an
Catherine Samba-Panza, 59, seit Januar 2014 Übergangspräsidentin der Zentralafrikanischen Republik. Ein Putsch hat dort im März 2013 eine Spirale der Gewalt zwischen muslimischen und christlichen Milizen ausgelöst. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden 650 000 der 4,6 Millionen Einwohner innerhalb des Landes vertrieben, 280 000 flüchteten ins Ausland. 2,5 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2014)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München