Land der Entdecker

Von der Atlantikküste brachen einst Seefahrer zu Entdeckungstouren über die Weltmeere auf: Portugal war mit seinen Kolonien einer der ersten „Global Player“. Heute kämpft der kleine EU-Staat – Ziel unserer diesjährigen Leserreise – mit wirtschaftlichen Problemen und hoher Arbeitslosigkeit.

Es ist der 21. Mai. Wir landen mit zwei Stunden Verspätung in Lissabon. Paula Marcelo, in Deutschland aufgewachsene Portugiesin, nimmt uns in Empfang: 43 Reisende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie will uns acht Tage lang ihr Land nahebringen.

Auf dem Weg im Reisebus durch die portugiesische Hauptstadt kommen wir am Fußballstadion von Benfica Lissabon vorbei. Plakate weisen darauf hin, dass hier in wenigen Tagen das Champions-League-Finale zwischen den beiden Madrider Vereinen Atletico und Real ausgetragen wird. „Wir Portugiesen drücken Real die Daumen“, erklärt Paula. „Da spielt Cristiano Ronaldo, unser Landsmann!“

Am Ufer des Flusses Tejo erinnert das Denkmal der Entdecker daran, dass Portugal einst große Seefahrernation und Kolonialmacht war: Am Bug einer stilisierten Karavelle ist – Regenten, Missionaren, Schriftstellern und Entdeckern voran – Heinrich der Seefahrer dargestellt, bedeutender Auftraggeber der Schiffsexpeditionen des 15. Jahrhunderts. „Sie alle haben der damaligen Welt neue Welten erschlossen“, kommentiert unsere Reisebegleiterin. Die wagemutigen, menschenrechtlich aber auch fragwürdigen Eroberungsfahrten in ferne Länder haben Portugal Reichtümer beschert und in der Kultur Spuren hinterlassen. Davon zeugen der mächtige Turm „Torre de Belém“ und das imposante Hieronymitenkloster aus dem 16. Jahrhundert: Ihr manuelinischer Baustil, eine unter König Manuel I. entstandene Variante der Spätgotik, weist prunkvolle Verzierungen mit indischen und mexikanischen Einflüssen auf.

Oleander- und fliederfarbene Jacarandabäume an den Straßen stehen in voller Blütenpracht. An anderen Stellen fallen die Wahlplakate für die bevorstehende Europawahl stärker ins Auge. Auch wenn das stolze Land gerade den Euro-Rettungsschirm verlassen hat, ist die Europaskepsis einiger Parteien nicht zu übersehen: „Europa umstrukturieren“, „Der Euro versenkt das Land“, „Raus aus dem Euro“. Paula macht uns auf die kleinen Gärten direkt neben der Stadtautobahn aufmerksam: Von den Behörden gestattet, ziehen viele Bürger auf den öffentlichen Grünflächen ihr Gemüse. „Gerade in der Zeit der wirtschaftlichen Krise ist das eine Hilfe für ihr Auskommen.“

Auf dem steilen Weg zur Burg Castelo de São Jorge rattern alte Straßenbahnen an uns vorbei.

Sie wurde auf den Resten einer römischen Festung von Mauren erbaut, die sich hier 1147 Alfons I. und seinen Kreuzrittern geschlagen geben mussten. Das alte und das moderne Lissabon: Von hier oben sehen wir die Hängebrücke über den Fluss Tejo, bei ihrer Eröffnung 1966 die längste Europas. Nach dem damaligen Diktator Salazar benannt, bekam sie nach der Nelkenrevolution 1974 ihren jetzigen Namen „Brücke des 25. April“. Burg und zwei Drittel der Stadt wurden bei einem gewaltigen Beben 1755 und dem nachfolgenden Tsunami zerstört. In den Jahren darauf erwarb sich der Marquês de Pombal, königlicher Minister, beim raschen und gründlich geplanten Wiederaufbau große Verdienste.

Am nächsten Tag geht es weiter zum Cabo da Roca am Atlantik, dem westlichsten Punkt des europäischen Festlands. In Sintra besichtigen wir den Königspalast. Besonderes Merkmal: zwei große konische Schornsteine, die das Gebäude „wie überdimensionale Champagnerflaschen“ überragen. Am Nachmittag sind wir in der „Citadela Arco-Íris“ zu Gast, einer 1997 gegründeten Siedlung der Fokolar-Bewegung. Wir erfahren etwas über die Arbeitsweise bei der „Cidade Nova“, dem portugiesischen Schwesterverlag der „Neuen Stadt“, der hier seinen Sitz hat. In einem Zentrum für Physiotherapie und Rehabilitation lindern Bewohner der Siedlung die körperlichen Beschwerden der Menschen aus dem Umland. Die lassen sich hier gern behandeln, weil sie von dem guten zwischenmenschlichen Klima angezogen sind und offene Ohren auch für ihre seelischen Nöte finden. Beschwingt von der freundlichen Aufnahme machen wir uns auf zum malerischen Fischerort Nazaré.

Die farbenfrohen Winkel von Óbidos, einem von einer begehbaren Zinnenmauer umschlossenen Städtchen, bieten unzählige Fotomotive. Paula kredenzt uns Ginja, einen süßen Kirschlikör, in Bechern aus Schokolade. Dann stehen zwei beeindruckende Baudenkmäler auf dem Programm: Das Zisterzienserkloster von Alcobaça, in dem einmal 999 Mönche gelebt haben sollen. Die 1220 fertiggestellte frühgotische Klosterkirche ist fast 110 Meter lang. Das gotische Dominikanerkloster von Batalha aus dem 14. bis 16. Jahrhundert ist für die Portugiesen ein Nationalheiligtum. König João I. hatte es zum Dank für einen Sieg über das stärkere kastilische Heer bauen lassen.

In Fatima soll am 13. Mai 1917 auf freiem Feld drei Hirtenkindern im Alter von sieben bis zehn Jahren die Jungfrau Maria erschienen sein. Weitere Erscheinungen folgten, die 1930 von der katholischen Kirche für glaubwürdig erklärt wurden. Heute kommen jedes Jahr über vier Millionen Pilger in den Wallfahrtsort. 2007 wurde auf dem großen Platz gegenüber der 1953 geweihten neoklassizistischen Basilika eine moderne Kirche errichtet, die 9 000 Gläubigen Platz bietet. Unsere Gruppe wandert vier Kilometer durch Olivenhaine zu dem kleinen Dorf Aljustrel, aus dem die Hirtenkinder stammten.

Bei einem Abstecher nach Tomar begegnen wir dem Mittelalter: Bürger in Gewändern laufen durch die Stadt, an Marktständen werden Gerichte und Handwerksprodukte „von damals“ angeboten, auf dem Rathausplatz bekämpfen sich Tempelritter für die Zuschauer mit Schwertern. Portugals erster König Afonso Henriques (Alfons I.) eroberte die Stadt bei der Reconquista aus den Händen der Mauren und schenkte sie 1158 dem Templerorden, der sich später als Christusorden neu gründete. Über der Stadt thront ihr als Wehranlage gebautes Christuskloster. Acht Kreuzgänge machen das riesige Ausmaß deutlich. In Tomar können wir einen Blick in die kleine, Mitte des 15. Jahrhunderts gebaute Synagoge werfen.

Erholsam ist der Ausflug in den Buçaco-Park. Der Wald wurde im 6. Jahrhundert von Benediktinern angelegt und später mit Baumarten aus aller Welt angereichert, insgesamt 700.

Wir spazieren auf dem „Weg der Farne“ und unter hochgewachsenen Mammutbäumen. Unser Picknickplatz unweit von einem königlichen Sommerpalast im neomanuelinischen Zuckerbäckerstil hat etwas von einem verwunschenen Ort.
Dass Portugal zum Römischen Reich gehörte, merken wir in Conímbriga. Archäologen haben Reste der noch vor Christus gegründeten Handelsstadt freigelegt: Mauern, Säulen, Mosaikfußböden von Wohn- und Geschäftshäusern, Palästen und Thermen.

Die Stadt Coimbra hat eine der ältesten Universitäten Europas, 1290 gegründet. Auf dem Campus begegnen uns Studentinnen und Studenten in schwarzen Umhängen; farbige Bänder verraten, zu welcher Fakultät sie gehören: Sie haben gerade ihren Studienabschluss bestanden. In der dunklen, barocken, ehrwürdigen Universitätsbibliothek von 1728 stehen alte Schinken in hohen Rosen- und Ebenholzregalen. Abseits der Haupteinkaufsstraßen sind viele Häuser dem Verfall preisgegeben. In einem kleinen Kulturzentrum erwartet uns eine Fado-Aufführung: Drei junge Herren präsentieren den melancholisch-sehnsuchtsvollen Balladengesang mit Gitarrenbegleitung. Wir erfahren, dass die strengere Coimbra-Spielart des Fado im studentischen Milieu des 19. Jahrhunderts entstand und nur von Männern gesungen wird.

Weiter geht es Richtung Norden nach Porto am Ufer des Douro. Die römische Siedlung Portus und der Ort Cale auf der anderen Flussseite haben Portugal den Namen gegeben. Eine Schiffsfahrt auf dem Douro unter den hohen Brücken hindurch vermittelt uns erste Eindrücke der bergigen Stadt mit den abwechslungsreichen Häuserfassaden.
Von Porto aus führt uns eine Tour noch weiter nach Norden: Die Stadt Guimarães gilt als Wiege der Nation. Weil hier Alfons I. geboren sein soll, war sie erste Hauptstadt des Landes. Als religiöses Zentrum des Landes gilt Braga. Mit seinem Erzbischöflichen Palais ist es Sitz des Primas der katholischen Kirche des Landes. Auf einem Hügel östlich der Stadt liegt, über einer Treppe mit 600 Stufen, die Wallfahrtskirche Bom Jesus do Monte. Hinunter nutzen wir die Standseilbahn von 1882.
Zurück in Porto, gibt es noch viele schöne Ecken zu entdecken: Kirchen, deren Fassaden komplett mit Azulejos bedeckt sind, Bilder aus weiß-blauen Kacheln. Auch die Eingangshalle des Jugendstil-Bahnhofs São Bento ist damit ausgeschmückt. Natürlich darf der Besuch einer Portweinkellerei nicht fehlen.

Portugal, ein vielseitiges Land: „Coimbra studiert, Lissabon spielt, Porto arbeitet und Braga betet“, sagt ein Sprichwort. Beim Abschied überfällt uns Melancholie bei dem Gedanken, dass das einst ruhmreiche Portugal heute nur eine Nebenrolle auf der Bühne der Weltgeschichte spielt.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2014)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München